Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1936-10-01 · 10 (1.10.1936) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
10 (1.10.1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2825247-2825368-2825378--1128-2826797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nummer 10 Jüdische Schulzeitung Seite 7 - Es hätte hierfür kaum ein glücklicheres Werk gewählt werden können als Martin Bubers Baal-Schemlegenden, die bei kultiviertester Sprachform wirklich wesenhaft zum Nachdenken und Einfühlen in die jüdischen Probleme zwinge». Daß dies zunächst gar nicht leicht war, zeigte der Verlauf der Stunde. Die 16jährigen, meist in westlicher Kultur aufgewachsenen Mädchen, standen zuerst der mystisch religiösen Welt Bubers fremd gegenüber. Sie schienen den Dichter abzulehnen, ohne eine rechte Begründung dafür im Bewußtsein zu haben. Die behandelte Legende vom „Gebetbuch" führte unmittelbar auf eine Kernfrage jüdischen Seins: „Wann und wie soll man beten?" zurück. Hierdurch ergab sich eine lebendige Aussprache über das Thema: Beten aus innerem Bedürfnis oder Gebiet zur festgesetzten Zeit. Hier wurde als ein letzter schönster Vergleich aus der biblischen Welt von den/ Schülerinnen selbst die Gestalt der Hannah aus dem Buche Schmuel herangetragen, die als klassisches Beispiel für wahre Inbrunst des Gebetes zu gelten vermag. Man hatte dlas Gefühl, daß die Schülerinnen aus dieser Stunde innerlich befriedigt herausgingen und ihnen grade durch die Mittlerschaft Bubers neue Zugänge zur religiösen Welt eröffnet wurden. Für die besondere Fachproblematik zeigte die Lektion die Bereicherung-des Deutschunterrichtes durch wesenhafte jüdische Dichtung, die im deutschen Sprachraum vorgetragen wurde. Zugleich war auch hier im gewissen Sinne eine Kombination von Deutschunterricht und religiöser Aussprache gegeben, die bei gewolltem Verzicht auf historische Belastung (Geschi'chte des Cbassidismus etc.) einen starken jüdischen Gehalt zeigte. III. Geschichtsunterricht. Die dritte Lektion" war dem neuzeitlichen Geschichtsunterricht gewidmet. Frl. Dr. Ellen Littmann führte hier mit Aufbauschülerinnen der IV. Volksschule, Klopstockstraße (9. Schuljahr) eine Stunde über soziale Gesetzestexte des 19. Jahrhunderts vor. Die Absicht war, mach Herausarbeitung der Gesetzestexte über englischen Kinderschutz, deutsche Sonntagsruhe und Bismarcks Pläne über Unfallversicherung, Parallelen zur biblischen Gesetzeswelt des Schabbath und des Jobeljahrs zu ziehen. Die Aufgabe wurde methodisch außerordentlich dadurch erschwert, daß die Schülerinnen quel'enkritische Arbeit leisten, was angesichts der Fülle der genannten Stoffe fast unmöglich war, und dann noch die erstrebten Vergleiche herausarbeiten sollten, die auf völlig verschiedenen Ebenen liegen. Im 19. Jahrhundert sind es stärker utilitaristische Sozialideen, die Bibel zeigt eher eine religiös-ethische Auffassung. Hiermit wurde beim Geschichtsunterricht die überaus wichtige Frage der Grenzen von allgemeiner und jüdischer Welt, die auch bei der Würzburger Tagung (vgl. Bericht in Nr. 9 dieses Blattes) eine Rolle spielte, in ihrer ganzen Problematik aufgerollt. Es erwies sich wiederum als unmöglich, eine Vermengung allgemeiner Geschichte mit jüdischem Wissen zu geben. Beide Sphären müssen zunächst sauber voneinander getrennt behandelt werden, und nur dort, wo ein sachlicher Zusammenhang besteht: Juden und Hellenismus (Makkabäerzeit), Juden und Römer (von Pilatus und Titus bis zum Bar-Kochbaaufstand), Juden und Araber im mittelalterlichen Spanien. Jüdische Kultur im deutschen Mittelalter (ailte Synagoge von Mainz, Worms, Speyer, Verfolgungen der Kreuzzüge und des schwarzen Todes) Hofjuden im Barockzeitalter und endlich Emanzipationsgeschichte im Rahmen der Stein- Hardenbergschen Reformen, überall dort darf eine Verknüpfung erfolgen. Grotesk aber wirkt die neuerdings beliebt gewordene Parallelenjagd Arminius — Juda Makkabi, Elia — Bonifatius oder um ein erheiterndes Beispiel, das Studiendirektor Dr. Gutmann aus seiner Prüfungspraxis her anführte, zu nennen: bei einer Lehrprobe über ein Kalkbergwerk wurde von geistlicher Seite her bemängelt, daß der Kalkofen, in den Daniel hineingeworfen worden sei, nicht genannt wurde. Derartige Gesichtspunkte, würden unsern Unterricht der Gefahr des Lächerlichen aussetzen, und man muß sie einmal erwähnen, um die ernsten Ziele einer Durchdringung des Unterrichts mit jüdischen Werten um so klarer erkennen zu können; IV. Heimatkunde. Die letzte Lektion unter Leitung von Volksschullehrer Johannes Wolff mit der 5. Klasse der I. Knabenvolksschule, Kaiserstraße, galt im Rahmen der Heimatkunde dem Thema vom Aberglauben. Vom märkischen Sagen- und Brauchtum ausgehend wurden die Erscheinungen des allgemeinen Aberglaubens im täglichen Leben besprochen und grade hier wurde eine sehr glückliche Brücke zur jüdischen Welt geschlagen, für die die Kinder aus dem Berliner Osten viele bedeutsame Bausteine herbeizutragen wußten. Da war die Rede von den Amuletten mit dem Gottesbuchstaben, und vom bösen Blick (dem Ajin Hora), gegen den man durch Belecken geschützt werden kann, von der reichen Sagenwelt des Baal Schern und des Rabbi Low, vom geheimnisvollen Buch der Kabbala und endlich aus biblischer Zeit von Schauls Gang zur Hexe von Endor. Es zeigte sich in dieser Stunde, die bei Schülern der Unterstufe rein anschauungsmäßig und anekdotenhaft aus dem Leben schöpfte und bewußt alle Wissenschaft zu Hause ließ, wie sich ein Fach wie die Heimatkunde grade in der gegenwärtigen jüdischen Situation konstruktiv umbilden läßt und wie für viele verschlossene Bezirke dem Kind im jüdischen Sittenleben und Brauchtum eine Art von neuer seelischer Heimatkunde geschaffen werden kann, die ein geistiges Gegenstück zur Palästinakunde darstellt. Die Tagung zeigte auf Grund der praktischen Lektionen deutlich auf, daß in einer Reihe von Unterrichtsfächern noch große Möglichkeiten für eine Durchdringung mit jüdischen Werten vorhanden sind. Nun wird jedoch erst die Arbeit der Theoretiker und Fachkenner einsetzen müssen, die ini gesonderten Arbeitsgruppen die gewonnenen Ergebnisse stoffmäßig und pädagogisch didaktisch unterbauen, damit wir ein wissenschaftlich exaktes Arbeitsfeld mit eigener Methodik besitzen, auf dem dilettantische Versuche von vornherein ausgeschlossen sind. Und noch ein weiteres ergab sich auf Grund der Diskussionen. Es besteht ein gewisser Gegensatz zwischen einer älteren meist orthodoxen Religionslehrergeneration und einer jüngeren von allgemeinen Fachlehrern. Dem Religionsunterricht muß und soll sein Recht werden, er wird allein schon durch die obligatorische Erlernung des Neuhebräischen ungeahnte Kraftquellen erhalten, aber es darf von hieraus nicht zu einer Diktatur über alle anderen Fächer kommen. Einwände, die wir auch auf dieser Tagung hören mußten, wie „das ganze moderne Iwrith ist eine Entweihung der Bibelsprache", des „Loschaun Kaudesch", oder Martin Bubers Legenden seien gar aus christlicher Mystik entstanden, der gesamte jüdische Aberglauben sei nichts als eine verächtliche Verirrung, erscheinen uns höchst intolerant und gefährlich. Wir können heute bereits stolz darauf sein, daß wir Männer und Schulen besitzen, die dem Jüdischen wieder einen organischen Platz im Leben unserer Kinder einräumen, und damit schmerzliche Lücken einer vergangenen Erziehung auszufüllen vermögen. Die Berliner Tagung, die als ein Versuch begonnen wurde, soll nach dem vollen Erfolge, der ihr zuteil wurde, zur ständigen Einrichtung erhoben werden. Dr. Walter Perl, Berlin. Zur Frage der Lesehefte In dem Aufsatz „Zur Kritik der jüdischen Lesebogen" in Nr. 9 der J. Sch. war darauf hingewiesen worden, daß die Anschaffung der vom Schocken Verlag herausgebrachten Lesehefte wegen des Preises auf Schwierigkeiten stoßen werde. Nun teilt uns der Schocken Verlag mit, daß es ihm im Einvernehmen mit der Reichsvertretung gelungen sei, durch besondere organisatorische Maßnahmen den Preis der Lesehefte auf 25 Pfg. bei 32 Seiten, auf 33 Pfg. bei 48 Seiten und auf 40 Pfg. bei 64 Seiten Umfang herabzusetzen. Die Lesehefte werden, darauf macht uns der Verlag aufmerksam, durch den " ^^^^^^^^S^^^JTii^ C - * ^^lEagS^^y^^ig^^^^r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.