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Jüdische Schulzeitung · 1936-10-01 · 10 (1.10.1936) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
10 (1.10.1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Judische Schulzeiturig Numnierjl.O Donna Gracia. Nach zwei Jahren des Hängens und Bangens war alles zum guten Ende gebracht. Donna Gracia reiste mit ihrer Familie ab. Der Weg zur , Türkei. war weit und beschwerlich. Er führte durch Deutschland, über Italien und durchs Mittelländische Meer. Die größere Strecke mußte mit Pferd und Wagen, die kleinere zu Schiff zurückgelegt werden. Wenig bequeme, schwerfällig auf schlechten Straßen dahinrollende Kutschen, häufiger Pferdewechsel, unfreiwilliger Aufenthalt an den vielen Schlagbäumen und Zöllnerhäusern, das Uebernachten in dürftigen Gasthöfen ließen die Fahrt zu einer Qual werden, und die verwöhnten Reisenden waren heilfroh, als sie endlich die Wagen verlassen durften. In der schönen Hafenstadt Venedig an der Adria wurde Halt gemacht. Und obgleich die Rast nur eine kurze Weile dauern sollte, blieben die Mendes viele Wochen in Venedig wohnen. Es war nicht allein die Pracht der stolzen Handelsstadt und der Glanz der vornehmen Gesellschaft, die die Mendes in Venedig festhielten, sondern vielmehr ein Streit, hervorgerufen durch die Weigerung des Königs von Frankreich, das vom Bankhaus Mendes geliehene Geld zurückzuzahlen. Seine Beilegung verlangt viel Tatkraft und viel Geduld.-Fast schien es, als ob Donna Gracia für immer in Venedig wohnen bleiben müßte. Ein häßlicher Familienstreit jedoch machte den an Freuden, aber noch mehr an Plagen reichen Tagen an der sonnigen Adria jäh ein Ende. Eine jüngere Schwester Gracias verriet den Plan zur Reise nach Konstantinopel vorzeitig und schwärzte ihre Verwandten wegen ihrer geheimen Anhänglichkeit an das Judentum an. Gleich dem König von Spanien trug auch die Stadtverwaltung zu Venedig Verlangen darnach, die großen Reichtümer der Mendes für sich zu besitzen, und gern benutzte sie die Gelegenheit, die Mendes vors Gericht zu stellen und ins Gefängnis zu werfen. Dieses Mal war es der junge kluge Neffe der Gracia, Juan Miguez, der für das Recht seiner Familie zu kämpfen begann. Er hatte seit langem seine Base Reyna liebgewonnen, und die Hoffnung, sie werde ihm einmal "als Frau angetraut werden, spornte ihn zu kühner Tat an. Er entschloß sich, den Sultan S u I e i m a n in Konstantinopel um Beistand zu bitten. Als der türkische Herrscher die Forderung an die Herren Venedigs richtete, die Mendes und ihr Vermögen freizugeben, wagten sie es nicht, zu widersprechen. Donna Gracia und alle ihre Verwandten wurden aus der Haft entlassen und blieben im Besitz ihres gesamten Vermögens. Dennoch verließen sie den italienischen Boden immer noch nicht; sie zogen in die Stadt F e r r a r a, die. etwa fünf Tagereisen von Venedig entfernt liegt, und die damals eine der freiesten Städte Italiens war. Hier endlich fühlten sich die Mendes geborgen; hier fürchteten sie sich nicht mehr vor der Inquisition, auch nicht mehr vor den habgierigen Fürsten, die mit allen Mitteln versucht hatten, in den Besitz des Mendesschen Vermögens zu kommen, in Ferrara wurden Donna Gracia und ihre Tochter wieder rechte ehrliche Juden. Die edle Frau wurde ihren Schicksalsgefährten draußen in der weiten Welt eine wahre Wohltäterin. Sie spendete hinfort von ihrem Reichtum so viel, wie nie eine Jüdin zuvor, und überall pries man sie als Helferin in der Not. Nach zwei Jahren endlich wurde die abenteuerliche Reise beendet. In Konstantinopel blieb die ganze Familie für immer wohnen. Juan Miguez warf erst hier die Marranenmaske ab und bekannte sich zum Judentum. Seine jüdischen Vorfahren hatten einst den stolzen Namen N a s si — das heißt der Fürst — getragen. Er nahm ihn mit dem Vornamen Josef von neuem an, heiratete seine Base Reyna, und bald begann für ihn eine Zeit glanzvollen Aufstiegs. Er ging am Hof des Sultans ein und aus, erwarb große Landgüter, erhielt vom Türkenherrscher den Titel Herzog von Naxos, ward von ihm mit Ländern belehnt, ließ sich die Herrschaft über die Stadt Tiranas und eine Anzahl nahegelegener Dörfer übertragen und war der Türkei noch lange Jahre ein einflußreicher Berater. Donna Gracia und ihre Tochter waren hochbeglückt von dem märchenhaften Aufstieg Josef Nassis. Obwohl die Mutter mit Gütern überreich gesegnet war, obwohl sie sich, keinen Wunsch zu versagen brauchte, blieb sie dennoch als Bank- und Handelsherrin von früh bis spät tätig und fand auch noch Zeit genug, anderen Menschen .beizustehen. Sie linderte die Not ungezählter Armen,, sie gründete Synagoge'n und Schulen, sie unterstützte jüdische Schüler und half vor allem den Marranen in ihrer alten Heimat. Im Jahre 1569 starb sie im Alter von noqh nicht 60 Jahren. Ihr bewegtes Leben und ihre guten Werke haben ihr Andenken lange lebendig erhalten. Siegfried Braun*. Pädagogische Arbeitstagung in Berlin (24. -27. August 1936) - Reichsvertretung und Landesverband haben nun auch für Berlin erstmalig eine praktisch pädagogische Arbeitstagung einberufen, die auf Grund praktisch vorgeführter Lektionen den Einbau des jüdischen Elementes in die verschiedenen Unterrichtsfächer verdeutlichen sollte. Mehr als 200 Lehrer aus Berlin und der näheren Umgebung beteiligten sich an der Tagung, die jeweils in der Aula der verschiedenen Schulen Raum finden konnte. Die Leitung der Veranstaltung wie auch der Diskussion hatte Dr. Fritz Bamberger inne. Entsprechend den vier Probelektionen zerfiel die Tagung in die Fachgebiete: Palästinakunde — Deutsch — Geschichte — Heimatkunde und betraf hiermit die Bezirke der Volks- und höheren Schulen in gleicher Weise. Wir referieren kurz über den Inhalt der Stunden und geben anschließend den sachlichen Kern der Aussprache: I. Palästinakunde. Nach einer Begrüßung durch den zuständigen Dezernenten für Lehrerfortbildung, Rabbiner Dr. Galliner, zeigte Studienassessor Hans Gärtner in der Theodor Herzl-Schule eine Stunde Palästinakunde mit Schülern der gemischten ersten Klasse. Thema der Lektion war das Emek Jesreel, das nun entsprechend der Methodik des Kombinationsfaches, von den verschiedensten Seiten her belichtet wurde. Man. begann mit der Namenserklärung und der Forrnableitung aus dem hebräischen Unterricht, schloß hieran Stellen und Nachweise aus dem Tenach für die biblisch-historische Verankerung der Begriffe an, beschrieb naturwissenschaftlicih auf Grund von Reiseberichten die Zustände im Sumpf- und Fiebergebiet vor der Besiedlung, streifte die geopolitische Lage und die .kriegerischen Auseinandersetzungen in neuerer Zeit (Schlacht der napoleonischen Heere am Berge Tabor). Dann wurde Einiges aus der Geschichte der Zionistenkongresse eingefügt, die dem Ankauf des Gebietes zustimmten, nachdem bereits eine Zahl von Chaluzim die Bodenkultur auf eigene Initiative hin in Angriff genommen hatten. Hierauf folgten Berichte von einzelnen modernen Siedlungen: Ain Charod etc. Der Gesamteindruck der Stunde wurde dann durch die Lektüre und Besprechung eines Gedichtes von Ludwig Strauß mit dem gleichen Thema der Entsumpfung des Landes künstlerisch gerundet und ästhetisch.vertieft. Die klar aufgebaute Lektion zeigte den großen Vorzug des neuen Kombinationsfaches für die Oberstufe, das auf Einzelkenntnissen, die sich die Schüler in den vorangegangenen 6 oder 7 Jahren Unterricht in allen Fächern erworben haben, aufbaut. In der Aussprache wurde noch als wesentlich hervorgehoben, daß viele der privaten höheren jüdischen Schulen bedauerlicherweise heute noch einen so geringen Stundenumfang für jüdische Fächer haben, daß es kaum möglich ist: Religionsunterricht und Grundlagen der hebräischen Sprache sachgemäß durchzuführen. Die Palästinakunde erwies mit der vorgeführten Lektion ihre Berechtigung für unsere Schulen. II. D e u t s c h u n t e r r i c h t. Dem Deutschunterricht galt die zweite Stunde, die Rektor Dr. Stern mit der I. Mäd'chenklasse der Mittelschule vorführte. Hier bestand das Ziel, an einem der jüdischen Welt entnommenen Stoff in deutscher' Sprache das Gebiet für unseren besonderen Zweck zu bereichern.* . '

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