Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 10 (1.10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nummer 10 J ü d i s c h e S c h u 1 z e i t ü ng Seite 5 Donna Gracia Mendesia Versuch einer Geschichtslektion I. . Die geschichtlichen Vorgänge, für die Oberstufe der Volksschule erzählt . Als in der Zeit zwischen 1391—1415 die spanischen Juden gezwungen wurden, das Christentum anzunehmen, bürgerte sich mit einem Male der Brauch ein, die Zwangsgetauften Marranos, das heißt Schweine, zu nennen. Wer sich dieses Schimpfwortes bediente, der wollte sagen, die Neuchristen seien unehrenhafte heuchlerische Menschen, die in ihrem-Herzen das -Judentum trügen und von einem andern Glauben nichts wissen wollten. Nicht immer traf diese Meinung zu;, denn es. gab unter den vielen Tausend getaufter Juden eine Anzahl, die wahrhaftige Christen geworden waren. Die meisten freilich beugten sich nur zum Schein dem Zwang der Taufe, und wenn sie nicht fürchten mußten, beobachtet zu werden, dann lebten sie so weiter, wie es jüdischem Gesetz und jüdischem Brauch gemäß war. — Die katholische Kirche hatte schon im 13. Jahrhundert eine Einrichtung ins Leben gerufen, mit deren Hilfe die Glaubenstreue ihrer Anhänger überwacht werden sollte: die Inquisition. Sobald jemand des geheimen Abfalls vom Christentum verdächtigt wurde, hielt die Inquisition strenges Gericht über ihn und verurteilte ihn, sofern er für schuldig erklärt wurde, zu schwerem Kerker oder gar zum Feuertode. Im Jahre 1481 wurde, die Inquisition auch in Spanien eingeführt. Mit ihr begann das Unglück für die Marranen auf der Pyrenäenhalbinsel. Die Glaubensgerichte forderten von nun an Tag für Tag Männer und Frauen, die im Verdacht standen, im Geheimen Juden zu sein, vor ihre Schranken. Und da an der Spitze der Jnquisition ein fanatischer Judenfeind stand, so waren ihre Urteile überaus streng. Ein Geschichtsschreiber aus jener Zeit berichtet, es seien bis zum Jahre 1498 mehr als 16 000 Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt und mehr als 10Ö000 zu lebenslänglichem Kerker, oder zur Einziehung des Vermögens und zum Tragen des Schandkleides verurteilt worden. Kein Wunder daher, daß viele Marranen zum Wanderstab griffen und mit Weib und Kind ihr Vaterland verließen, um in der Fremde eine neue Heimat zu suchen. — .... Als im Jahre 1492 die spanischen Juden ausgetrieben wurden, ließen sich viele in dem kleinen, Span-'en benachbarten Portugal nieder. Anfangs schien es, als sei ihnen das Glück gewogen. Allein gar bald war es damit zu Ende. Der König Manuel heiratete eine Tochter des spanischen .Königspaares, und so gewann Spanien Einfluß auf die Regierung in Portugal. Es erfolgte der Befehl zur Zwangstaufe und zur Ausweisung derer, die sic,h nicht fügten. Es kam die Leidenszeit dies Marranentums wie in Spanien,' und im Jahre 1531, also ein halbes Jahrhundert später als in Spanien, hielt die gefürchtete Inquisition auch in Portugal ihren Einzug. — In jenen Jahren lebte in Lissabon, der Hauptstadt Portugals, die Marranenfamilie der M e n d e s, der auch die Frau zugehörte, über deren bewegtes Leben hier berichtet werden soll, Donna Gracia Mendesia. Franziskus Mendes, ein hochangesehener Marranensprößling, hatte in Lissabon ein berühmtes Bankhaus. Als er jung an Jahren starb, mochte seine Frau Gracia nicht mehr in Portugal bleiben. Die Angst vor den Spähern der Inquisition trieb sie fort, und mit ihrer schönen Tochter Reyna, mit ihrem Neffen Juan Miguez und andern Verwandten. siedelte sie nach Antwerpen über. Diese bedeutende Hafenstadt an der. belgischen Küste der Nordsee war die Hauptstadt Flanderns, das damals zu Spanien gehörte. Ueber Spanien herrschte in jener Zeit als König der deutsche Kaiser Karl V., derselbe Kaiser, vor dem im Jahre 1521 auf dem Reichstag zu Worms Martin Luther zu seiner Rechtfertigung erscheinen mußte. Es waren wildbewegte Zeiten, die dazumal die Völker Europas durchlebten.. Die katholische Kirche "kämpfte voller Wucht gegen die Abtrünnigen, und die Arme der Inquisition reichten weit über die Pyrenäenhalbinsel hinaus bis nach Flandern hin. — Die Mendes besaßen auch in Antwerpen ein großes Bankhaus. Und als Donna Gracia sich mit ihrer Familie dort niederließ, fand sie gleich einen Kreis von Menschen vor, in dem sie sich bald heimisch fühlte. Sie bewohnte einen prächtigen Palast in der vornehmsten Straße der Stadt. So lange der. helle Tag die Stadt umfing, fand Donna Gracia kaum Zeit, sich des Glanzes ihrer Häuslichkeit zu erfreuen. Da saß sie in ihrem Kontor und empfing die Vertreter großer Handelshäuser, die mit dem Bankhaus Mendes Geschäfte" tätigen wollten, und nicht selten erschienen die Abgesandten von Königen und Fürsten, um hohe Summen für ihre erlauchten Herren zu leihen. Kam dann die Mittagszeit, so ruhte die Arbeit für eine Weile, und wenn die Sonne vom Himmel herab lachte, sah man Donna Gracia wohl einen feinen Wagen besteigen, der mit vier edlen Pferden bespannt war, und stolz durch Antwerpens Anlagen und Parks fahren. Des Abends hielten vor ihrem Palast die Wagen der vornehmen und reichen Antwerpener, und Dutzende von Kutschern und livrierten Dienern warteten bis tief in die Nacht hinein auf ihre Herrschaften, die bei den Mendes zu Gaste waren. Da glitzerten in den Prunksälen die Kerzenleuchter, und hunderte von Lichtflammen beschienen fröhlich mitsammen plaudernde Menschen. Aber dann, wenn es still wurde im Hause und die Dunkelheit schwer in den Gemächern lag, dann schlich unheimlich die graue Sorge durch den Park, hinein in das kostbare Schlafgemach der königlichen Bankherrin, griff nach ihrem Herzen) und ließ es bange schlagen. Denn auch in Flandern gab es bezahlte Häscher, die den M'arranen überall auflauerten, um zu erfahren, ob sie insgeheim noch immer als Juden lebten. Sie fürchtete Donna Gracia, i h r Bild erschien der Schlafenden im Traume, an ihren unheilbringenden Gang zum Inquisitionsgericht dachte sie, wenn sie früh am Morgen erwachte. Nicht lange ertrug Donna Gracia diese ihr Gemüt peinigende Unruhe; sie beschloß, Antwerpen zu verlassen und in ein Land zu ziehen, in dem es keine Inquisition gab und keine Späher und Ankläger.'Dort wollte sie mit ihren Angehörigen ein neues friedvolles Leben beginnen. Ihre Blicke richteten sich nach der Türkei, nach jenem Lande auf der Balkanhalbinsel, das damals zu den mächtigsten Reichen der Erde gehörte. Obwohl das mohammedanische Türkenvolk oft mit Feuer und Schwert durch die Welt zog, um sich andre Länder untertänig zu machen, behandelte es die Juden, die sich nach ihrer Vertreibung aus Spanien und Portugal in seiner Mitte niedergelassen hatten, gut. Auch viele Marranenfamilien fanden gastliche Aufnahme in der Türkei. Sie durften wieder Juden werden, und kein Inquisitor stand drohend vor ihnen auf, sie dem Scheiterhaufen zu übergeben. Der türkische Herrscher war ein mächtiger Mann, dem in jener Zeit ein Teil Vorderasiens, Nordafrikas und Südosteuropas gehörte. Kein Kaiser und kein König wagte es, ihm eine Forderung abzuschlagen, weil sie fürchten mußten, der Sultan zöge mit seinen sieggewohnten Heeresscharen heran und nähme ihnen ihr Land weg. Das Bankhaus Mendes war dem Sultan nicht unbekannt; er wußte von den mannigfachen Verbindungen, die zwischen ihm und den Fürstenhöfen bestanden; er wußte wohl auch manches aus dem Leben der Eigentümer des Bankhauses. Und so durfte Donna Gracia annehmen, es sei nicht allzu schwierig, in die Residenz des Suitanis, nach Konstantinopel, überzusiedeln. In aller Stille bereitete sie die Abreise vor. Da gab es mancherlei zu erledigen, denn das Bankhaus und der Palast mußten verkauft und die Kapitalien, die ausgeliehen waren, wieder eingezogen werden. Es war nicht leicht, alles geheim zu halten; es erwies sich bald als unmöglich. Die Inquisition und durdh sie der König von Spanien erhielten Wind von den Plänen der Mendes.' Zwar lag Karl dem Fünften nicht viel an den paar Menschen, die. sein Land verlassen wollten; aber er verzichtete nicht gern auf die vielen Tausend Golddukaten, - die da mit auf die Reise gehen sollten, und es begann bald ein unruhvolles Hin- und Herverhandeln zwischen dem König und