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Jüdische Schulzeitung · 1936-10-01 · 10 (1.10.1936) · page 4

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
10 (1.10.1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Schulze 1 tung Nummer 10 Nach dem Talmud schuldet man dem Lehrer eine höhere Verehrung als sogar den Eltern. Diese Ansicht findet in folgendem Satz ihren Ausdruck: „Der Vater führt den Menschen ins irdische Leben ein, während der Lehrer ihn in die künftige Welt einführt, und ihm so zum Segen des geistigen Lebens verhilft, (ßaba Mez. pag 23.) Unter dem Begriff des Talmid Chacham versteht man im jüdischen Schrifttum nicht nur einen geistig hochbegabten, sondern auch einen sittlich vollkommenen und gebildeten Menschen. Die Vorzüge eines solchen Menschen werden in den Spr. d. V.. (V, 10) wie folgt geschildert:. „Der Gelehrte (Chacham hier einfach als der „Gescheite" aufzufassen) spricht nicht vor dem, der ihm überlegen ist an Weisheit und Bedeutung, fällt keinem ins-Wort, antwortet nicht voreilig, fragt, was zur Sache gehört und antwortet vernünftig, indem er von dem, was das erste ist, zuerst spricht, von dem aber, was das letzte ist, zuletzt; von dem, was er nicht weiß, sagt er: Ich weiß es nicht, und (wenn er sich geirrt hat) gibt er die Wahrheit ohne weiteres zu." Im Traktat über die Weltgewandtheit (Derek-erez) wird der Gelehrte oder Gebildete als ein Mann von guten Manieren geschildert: „Er ißt nicht in Eile, ohne Platz genommen zu haben, leckt nicht die Finger ab, spuckt nicht in Gegenwart anderer aus, spricht wenig, lacht selten, sagt nicht leichtfertig: Ja, ja oder Nein, nein (d. h. er wägt seine Worte ab). Das Bild wäre unvollständig, wenn nicht auch die Schattenseiten des Gelehrten in feiner psychologischer Weise herausgestellt würden. So wird z. B. das übermütige Selbstgefühl, die Heftigkeit und die Unnachgiebigkeit, das Grollen als schlechte Eigenschaften und Charakterzüge getadelt. Der Am-Haarez. Der Idealtypus des Talmid-Chacham wirkt um so günstiger in der Gegenüberstellung zu dem Am-fiaarez, seinem Gegentyp auf geistig-religiösem Gebiet. Der Begriff „Am-Haare.z" „das Volk des Landes" kommt in der Bibel vor und zwar in dem Sinne, daß das gewöhnliche Volk dem König und seinen Beamten gegenübergestellt wird. Allmählich schwindet die kollektive Bedeutung und der Ausdruck bezieht sich jeweils auf ein Individuum. Dann spricht man vom „gemeinen Mann" oder dem „Mann vom Lande". Unter einem „gemeinen Manne" verstand man nicht einen Menschen des groben Handwerks oder der schweren Arbeit. Auch viele Gelehrte lebten von ihrer Hände Arbeit. Ja, man verstand darunter nicht einmal die Weniggebildeten, sondern vielmehr einen Menschen von roher Gesinnung, der seine religiösen und sittlichen Pflichten in jeder Weise vernachlässigte, im einzelnen faßte man den -Begriff des Am-Haarez in sehr verschiedener Weise auf. Die klassische Stelle für das, was unter einem Am-Haarez zu verstehen sei, ist die folgende Talmndstelle (Ber. 47. b). Wer ist ein A. H.? Wer nicht seine gewöhnliche Nahrung in Reinheit genießt, so sagt R. Meier. Andere Weisen sagen: Wer nicht von seinen Früchten nach Gebühr und Vorschrift den Zehnten gibt. Wer nicht pünktlich moigens und abends das Schma liest, sagt R. Elieser. R. Josua sagt: „Wer nicht Tfiiiin legt." Ben Asai sagte: Wer nicht Schaufäden an seinem Gewände trägt. R. Nathan meinte: Wer nicht an seiner Tür die Mesusa hat. R. Nathan ben Josef sagte: Wer sogar gelernt hat und es wiederholt, aber nicht auch bei einem Weisen in ständiger Wiederholung bleibt, ist ein A.-H. Als Hauptmerkmal der Unbildung galt im allgemeinen die Unkenntnis der Bibel, der Mischna, und der Regeln des Anstandes (Derek-Erez). Scharfe Stimmen im Talmud bezeichnen den Am-Haarez als einen gefährlichen und schädlichen Menschen, den man rechtlich zurücksetzen darf. So will man sein Zeugnis, bei Gericht nicht als beweiskräftig gelten lassen, oder ihm die Verwaltung der Gemeindekasse nicht anvertrauen, ebensowenig die Vormundschaft über Waisen. Wenn es auch an milderen Urteilen im Schrifttum über den Am-Haarez nicht fehlt, so läßt s;ch doch ein Gegensatz zwischen der gebildeten und ungebildeten Schicht im Volke feststellen. Im allgemeinen ist zu sagen, daß man unter dem Typus „Am-Haarez" einen Mann versteht, der den landläufigen religiösen Handlungen gleichgültig gegenüberstand und der nicht die Kenntnisse vonden religionsgesetzlichen'Vorschriften besaß, die man im Lehrhause und nur dort sich erwerben konnte. Der Satz in den „Pirkei Awoth" „Der Am-Haarez kann kein Frommer sein," will einfach auch besagen, daß ohne Kenntnis bestimmter religiöser Vorschriften der Fromme nicht, denkbar sei. In einer späteren Entwicklung und zwar insbesondere in der Umgangssprache des Juden hat der Typus „Am-Haarez" die einfache Bedeutung „Ungebildeter" im Sinne der Unkenntnis der jüdischen Vorschriften angenommen. In diesem Sinne' ist der Begriff typisch geblieben bis heute. Der Chasid der. Fromme, ein Simultantyp. Außer dem Am-Haarez, der als Koriträrtyp den Talmid Chacham noch idealer gestaltet, erhellt den letzteren auch ein Typus, der aus der Bewegung des Chassidismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der osteuropäischen Ju-. denheit entstanden ist, der Chasid, der gleichgerichtet an die Seite des Talmid Chachamtypus tritt. Der Terminus „Frommer" hat im Verlauf der jüdischen Geschichte eine Entwicklung erfahren. In der Makkabäerzeit wurden die im jüdischen Glauben gegenüber den hellenistischen Versuchungen Standhaften Chasidim, Chasidäer, Fromme genannt. Diese Chasidim bildeten später den Kern der Pharisäerpartei, die den größten Teil des Volkes umfaßte. Im Mittelalter denkt man bei dem Namen Chasid an die fromme, mystisch-religiöse Richtung, welche an Jud'a Hechasid anknüpft. Im 17. und 18. Jahrhundert erhielt dann eine Bewegung, die ganz mit den religiös-mystischen Ideen'durchsetzt ist, den Namen Chassidismus. Diese Bewegung, die das ganze Dasein des Menschen von der Höhe der Ekstase bis in die letzten Aeußerlichkeiten durchpulsen will, sucht alle Menschen in liebeerfüllter Beziehung zu erfassen. Frei vom Banne der Aeußerlichkeiten, befreit aus der Enge der Gasse, lebt im Chasid ein freudiges Empfinden für die Schönheiten der äußeren Natur. Seine Grundhaltung ist die Frömmigkeit. Ihren besonderen Ausdruck findet diese im Gebet. Dem Chasid kommt es hierbei weniger auf den Text und die Zeit als auf das innere Bedürfnis und auf die Stimmung an. Das Gebet wird von lebhaftem Gebärdenspiel begleitet. Hinzu kommt noch das Element des Gesanges, der von Gottinmgkeit erfüllt ist. In dieser Weise, wird das ekstatische Gottesleben der Gemeinschaft auch wahrnehmbar zum Ausdruck gebracht. Diese 'Chassidische Bewegung ist getragen vom schlichten Manne aus dem Volke. Sie nimmt ihren Weg vom Dorfe aus. Im Gegensatz zum Talmid Chacham liegt der Akzent der Gotteskenntnis und des Gottesdienertums beim Chasid ganz auf der Gefühlsseite. Horedetzksr stellt den Wilnaer Gaon und den ' Begründer des Chassidismus, den Beseht, beides Repräsentanten zweier großer jüdischer Volkstypen aus dem Beginn des neuzeitlichen Judentums drastisch einander gegenüber. Nach einer ausführlichen Schilderung der beiden typischen Vertreter des Rabbanismus und des Chassidismus sieht er die beiderseitigen Lebensbemühungen in ihrem Resultat und stellt fest: Am Ende des Lebens läßt der Wilnaer Gaon gelehrte Bücher — der „Beseht" dagegen glaubensdurchglühte Menschen zurück. (Schluß folgt.) ' -

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