Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 10 (1.10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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J üdische eines und desselben Gedankens, bei dessen Verfolgung jedoch die Ansichten von Priestern und Propheten auseinandergingen. . Der Pro p h et ist einseitig. Er ist ganz urid gar in seinem Innern von ethischem Denken erfüllt. Der Kerngedanke ist die Herrschaft der absoluten Gerechtigkeit Gottes in der geformten Schöpfung. Sein Streben und Wollen geht dahin, diesen Gedanken in allen Erscheinungen des Lebens zu realisieren. Für dieses Ideal kämpft der Prophet mit dem Aufgebot seiner Macht. Für es vergeudet er seine Kräfte. Er schaut nur das, was nach seiner persönlichen Ueberzetigung sein muß und nicht, was nach Maßgabe der Verhältnisse außerhalb seiner Persönlichkeit sein kann. Der Prophet ist daher eine Elementarkraft. Seine Tätigkeit beeinflußt die Richtung der allgemeinen Harmonie. Er selber läßt sich von dieser Harmonie nicht fortziehen, sondern beharrt in seiner Isoliertheit und'Eigenart, bleibt extrem, beschränkt. Da ihm die Möglichkeit fehlt, sein Streben je erfüllt zu sehen, ist er immer zorn- und schmerzerfüllt (Jerem. VII, 10). Seine Mitbürger verhöhnen ihn: „Närrisch der Prophet, verrückt der Mann des Geistes. (Hosea IX, 7.)" Anders der P riester. Geschichtlich betrachtet, war die Aufgabe des Priesters in alter Zeit nicht die Darbringung der Opfer, die auch jeder Hausvater (z. B. bei Familienopfern) darbringen konnte, sondern einmal die Verkündung der Thora, dann die Erkundung des göttlichen Willens und schließlich die Entscheidung in Rechtsstreitigkeiten auf Grund der in ihren Kreisen lebendigen Traditionen. (Deutro. 33, 5; Maleachi 2, 6, 7.) Sie standen den Weissagern nicht ferne, wenn sie vermittels der heiligen Lose (Urim Wetum-im) den Willen Gottes zu erforschen wußten. So gilt, wohl für die alte Zeit, daß zwischen dem gottbegnadeten Priest er tum und dem Sehertum keine allzu scharfe Grenzlinie gezogen werden kann. Die Persönlichkeit des Sehers Samuel ist hierfür ein guter Beweis. Erst in der späteren Königszeit (Josia — 7. Jahrhundert), finden wir den Priesterstand als einen fest umgrenzten Berufsstand mit dem ausschließlichen Recht, am Heiligtum zu Jerusalem Opfer darzubringen. Ihm zur Seite stehen die Lewiten. Mit der. weiteren Religionsentwicklung in der exilischen Zeit erscheint schließlich der Priesterstand als geweihter Stand, der sich vom Laientum durch Reinheitsgesetze etc. streng unterscheidet Mit der Zerstörung des Tempels und dem Aufhören des Opferkultus schwindet auch die eigentliche Funktion der israelitischen Priesterschaft dahin. Soweit kurz die äußere geschichtliche Linie der Entwicklung. Ganz deutlich fährt diese vom Religiös-Kultischen zum Politischen. Es entsteht.der festgefügte religiös-politische Typus. Beim Propheten führt die Entwicklung vom rein Religiösen, Ekstatischen zum Allgemein-Menschlichen, Universalen, oder schließt neben dem Nationalen das Universale mit ein. Wesensmäßig unterscheiden sich beide Typen ferner noch so. Wenn der Prophet dem Gedanken Gottes freie Bahn geschafft hat, so stellt der Priester, der im Dienste desselben Gedankens steht, die allgemeine Harmonie unter den bewegenden Kräften des Lebens her. Er fordert nicht wie jener, was sein muß, sondern was sein kann. Nicht den Gedanken in seiner ganzen Eigenart, sondern die Vereinfachung des Gedankens mit den entgegengesetzten Kräften der Wirklichkeit. Er kämpft nicht gegen die Wirklichkeit, sondern mit der Wirklichkeit schließt er ein Kompromiß. Der priesterliche Gedanke ist keine Elementarkraft mehr, sondern nur noch die Zusammensetzung verschiedener Kräfte, zwischen denen kein wesentlicher Zusammenhang besteht. Der ursprüngliche Gedanke geht mit den Initiatoren, den Propheten, zugrunde. Das Lebensgepräge, die Lebensordnung, die im Ausgleich der Lebenskräfte entsteht, wird von den Priestern erhalten und verteidigt, bis daß .dieses ihr Amt von anderen Funktionären übernommen wird. So vollzog sich an beiden Typen.eine Entwicklung, die nach Erfüllung der ihnen entsprechenden Aufgabe ihr reguläres Ende fand. Die Propheten hörten mit dem Nachlassen ihrer religiösen Spontaneität zu wirken auf. Die Priester endeten mit der Einstellung ihrer priesterlich kultischen Funktion bei Zerstörung des Tempels. Der zu Beginn der jüdischen Religion im Vordergrund stehende sinaitische Gedanke, den die treibende Kraft der Propheten vorgetragen hatte, wirkte aber im Judentum weiter. Der Sofer oder Schrift gelehrte, ein religionsgesetzlicher Typus in verschiedenen Nuancierungen. In der Zeit der babylonischen Gefangenschaft verfestigt .sich die spontane Religiosität der Propheten, die bis dahin an den Ereignissen des nationalen Lebens ihre Anregungen erhalten hatte, in der Beschäftigung mit den heiligen Schriften. Es entsteht ein neuer Geistestypus im Schmelztiegel des babylonischen Exils: Der Sofer, der Schriftgelehrte, Esra führt als Erster den Titel Sofer (Esra 7, 6—11, 12) wobei unklar bleibt, ob mit dem Titel Schreiber oder Schriftgelehrter gemeint war. Seit Esras Auftreten heißen die ihm nachfolgenden Männer Schriftgelehrte, weil sie das auf dem Sefer (Buch), das heißt auf der Thora beruhende religiöse Wissen pflegten. Sie be- schäftigte sich mit der Gesetzeskunde und -Auslegung und zeichneten sich durch Weisheit und Frömmigkeit aus. Mit dem Auftreten der Sofrim ergibt sich eine andere Gruppierung in den geistigen Erscheinungen. Sie treten neben die Priester und Leviten, die bisher das Volk belehrt hatten. Sie. wurden die geistigen Führer der Pharisäerpartei, in der ihr strenger religionsgesetzlicher Sinn einen starken parteimäßigen Ausdruck mit Wirkung auf das Volk selbst gefunden hatte. Sie waren Männer des Volkes und aus dem Volke und verdrängten allmählich die Priester, die Angehörige eines bevorzugten Standes waren. Sie wandten sich damit auch gegen den späteren Widerpart der Pharisäer, die priesterliche Sadduzäerpartei, die sich das Recht angemaßt hatte, kraft ihrer Abstammung die Nation zu führen. Jahrhundertelang erhielt sich dieser Typus des Gesetzlehrers, der nach der staatlichen Katastrophe die Gemeinschaft durch die von ihm begründeten Nomokratie am Dasein erhalten konnte. Damals schon, als Esra als erster Sofer und Gesetzeslehrer im Jahre 444 v. das Volk auf die Thora verpflichtet hatte, war in Wirklichkeit der religiöse Urtypus des Propheten durch ihn und seine Gefolgschaft abgelöst worden. Von diesem kurz gezeichneten Typus des Sofer läßt sicH dann eine Linie verfolgen über die Tanai'ten, Amoraim, Gaonim ' bis zu den Dezisoren, deren Tätigkeit ist: Lehren, Gesetze geben, religiöse Entscheidungen treffen. Ihr großes Verdienst wird es bleiben, der mündlichen Lehre seit Moses die erste gesetzliche Form gegeben zu haben, damit aber haben sie das Judentum für die Erhaltung seiner schweren Existenz in der Diaspora gerüstet. In dieser durch die Jahrhunderte gehenden Kette von Schriftgeiehrten bleibt die Gestalt des Sofer als geistiger Führer' unbestritten typisch und lebendig. Sie ragen hervor aus der durch sie begründeten Nomokratie, die die Hierokratie der Priester und Propheten abgelöst hatte. Auch in der Zerstreuung ist der religionsgesetzliche Typus des Sofer nicht geschwunden. Im „Talmid Chacham" wird er zu einem Standardtypus, dem schließlich die ganze Gemeinschaft als erstrebenswertem, religiös geistigem Ziel nacheifert. Der Talmid Chacham — Der Gelehrte, ein Standard t y p u s. Je mehr die Judenheit im weiteren Verlauf ihrer Geschichte — ohne eigenes Land und ohne selbständigen Staat — das Studium des Gesetzes als eigentlichen Lebenszweck auffaßt, um so geschätzter wird der Stand des Gelehrten. So wird der Talmud Chacham gewissermaßen zum Standardr typus. Der Stand des Gelehrten verkörpert die höchste Aristokratie im Judentum. Weder Vorrechte der Geburt noch des Besitzes vermochten die Aristokratie des Geistes zu verdrängen. Ms Argument hierfür mag ein Satz aus den „Pirkei Awoth'" (VI 6) dienen, wonach die Kenntnis der Thora höher steht als das Priestertum und die königliche Würde.