Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 10 (1.10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2825247-2825368-2825378--1123-2826792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Jüdische Schulzeitang Nummer 10 bedingungen erklärt sich die Aufnahme der aus Wien vertriebenen Juden, deren Fleiß und Handelsverbindungen dem verarmten Staate zugute kommen sollen. Ein letztes Beispiel: die Emanzipation der Juden in Preußen. Sie erwächst aus den mannigfaltigsten Faktoren, bereitet sich lange vor, wird oft bekämpft, hinausgeschoben und schließlich als notwendig anerkannt. Zum Kampfe gegen Napoleon bedurfte der preußische Staat aller Kräfte. Indem alle Bindungen innerhalb der Stände gelöst, der Staat damit ein Staat freier Mensqhen wurde, konnte nicht eine Gruppe als gesonderte bestehen bleiben, um so weniger, als die militärischen Kräfte aller Bevölkerungsgruppen dem Staat zur Verfügung stehen mußten. Der Staatsnotwendigkeit auf der einen Seite entsprachen seit langem Bemühungen der Juden auf der anderen Seite, die die Aufhebung drückender und entrechtender Bestimmungen erstrebten und auf Leistungen und Bildung hinweisen konnten; aber erst im Zuge allgemeiner Reformen erlangen sie die Gleichberechtigung. Die enge Verbundenheit der jüdischen mit der allgemeinen Geschichte muß sich naturgemäß auch in der Unterrichtsgestaltung auswirken. Zu fordern ist, daß für die jüdische Geschichte eine genügende Stundenzahl zur Verfügung steht; bei Angleichung der Pensen auf beiden Gebieten kann bei dieser äußeren Trennung die innere Verbundenheit erzielt werden, die als eine Grundforderung des Unterrichts in der jüdischen Geschichte zu gelten hat. Sehr viel schwieriger liegt das Problem der jüdischen Geschichte — nicht nur methodisch — da, wo man sich aus bestimmten Erwägungen heraus zu einem völligen Einbau der jüdischen in die allgemeine Geschichte entschließt Die Vorteile wie die Schattenseiten sind mannigfaltig, das Für und Wider umstritten. Es ginge über den Rahmen dieser Ausführungen hinaus, über Erfahrungen und Ergebnisse eines so angelegten Unterrichts zu berichten. Nur auf die Möglichkeit und die Schwierigkeiten sollte hingewiesen werden. Dr. Lotte Barschak, Berlin.. Eine markante Typenreihe durch die verschiedenen Epochen des religiös-geistigen Judentums (Eine typologische Betrachtung von Dr. Hermann Levi, Köln a. Rh.) Aus dem durch die Jahrtausende ununterbrochen dahinfließenden Strom jüdischen Geisteslebens steigen zu allen Zeiten Gemeinschafts-Idealbilder auf. Sie bleiben als charakteristische Züge im geistig-religiösen Antlitz des jüdischen Volkes erkennbar. Jüdische Menschen ganzer Epochen haben mitunter ihr zeitliches Gesicht nach solchen Idealtypen geformt. Es sind dieses Musterbilder, die im Gedächtnis des Volkes in lebendiger Kraft und Fülle leben. Soweit das Schrifttum sich mit ihnen befaßt, gibt es eine klare, wenn auch nicht erschöpfende Vorstellung von solchen typologischen Erscheinungen. Es soll daher Aufgabe der folgenden Darstellung sein, eine Reihe solcher gestaltender Idealtypen aufzuzeigen, sie in ihrer Besonderheit zu erklären. Da es sich u. W. um einen erstmaligen Versuch handelt, , so sei vorausgeschickt, daß aus dem vorhandenen und gesammelten Material zunächst eine gedrängte Auswahl skizzenartig geboten wird. Bevor zur Bearbeitung des Themas geschritten werden kann, ist kurz festzustellen, was unter dem Begriff Typus zu verstehen ist. Der Typus begriff: Individuum est ineffabile. Das Individuum ist auf dem Wege wissenschaftlichen Erkennens nicht ganz zu erfassen. Es geht nicht im Begriffe auf. Immer bleibt ein unausschöpfbarer Rest. „Alles Individuelle ist uns im wissenschaftlichen Erkennen nur erfaßbar über ein Allgemeines und Allgemeingesetzliches" sagt — E. Spranger (Lebensformen). Wir suchen daher vom Allgemeinen zum Anschaulichen eine Brücke zu schlagen. Hierbei bietet die Wissenschaft der differentiellen Psychologie, deren Begründer L. William Stern ist, durch den Hilfsbegriff des psychologischen Typus eine, willkommene Stütze. Der Typusbegriff selbst ist kein Begriff im strengen Sinne, da er anschaulichen Charakter hat. Er ist* ferner nicht das Individuelle selbst, sondern nur das Allgemeinbild von individuellen Merkmalen, die in vergleichbarer Weise bei einer Gruppe von Menschen vorkommen. Der p s y c h o 1 o g i-s c h e Typus ist also ein Ordnungsprinzip, durch das Individuelles in einem allgemeinen Typenbild anschaulich dargestellt und erkannt wird. Er wird in Wissenschaft wie im Leben viel gebraucht und leistet dem erkennenden Menschen hier wie dort wertvolle Dienste. Die Lehre von den Typen hat in der wissenschaftlichen Forschung des 20. Jahrhunderts eine reiche Ausgestaltung und Spezifizierung erfahren, auf die näher einzugehen sich in diesem Zusammenhang erübrigt. Allgemein vermerkt sei, daß die nun darzustellenden Typen aus dem religiös-geistigen Leben des Judentums formaliter zu den historischen Typen gehören, die, wie eine Analyse zeigen wird, innerlich von verschiedener Prägung sind. Es sollen dargestellt werden: 1. Der Prophet. 2. Der Priester. 3. Der Sofer. r~: 4. Der Talmid Chaeham. 5. Der Am-Haarez. 6. Der Chasid. 7. Der Maskil. 8. Der „gebildete Jude". 9. Der nationale Jude. Der Prophet — ein religiöser Urtypus. Die Prophetie in Israel ist als religiöse Erscheinung eine Einmaligkeit, der die Antike nichts Gleichwertiges zur Seite Zu stellen hat. Von Moses, ihrem Meister, bis zum Ende ihres Daseins in der babylonischen Exilszeit ist bei ihr eine Entwicklung feststellbar. Diese hebt an mit dem Propheten als Wundertäter, Orakelsprecher, Roe (Hellseher) und erfährt im Prediger und Verkünder eines universellen Reiches des Friedens und der Gerechtigkeit ihren Höhepunkt. Die ganze Fülle der prophetischen Gestalt erfaßt man keinesfalls, wenn man in ihr den klugen Politiker oder den sozialen Revolutionär sieht. Auch sollte es nicht genügen, diese seltsame religiöse Erscheinung auf natürlichem oder psychologischem Wege zu erklären. Jedoch wird der Versuch einer genauen Gegenüberstellung des Priesters mit dem Propheten sich als durchaus fruchtbar erweisen. Der Prophet Arnos schildert Kap. VII einen Zusammenprall zwischen sich und dem königlichen Priester Amazjah am Staatsheiligtum in Siloh. Amazjah rät Arnos freundschaftlich, seine gegen das gesinnungslose Opfer gerichteten Reden in: Judäa zu halten und dort sein Brot zu verdienen, aber nicht, am dieser königlichen Opferstätte. Stolz und empört erwidert Arnos: „Ich bin kein Prophet und keines Propheten Sohn, sondern ein Rinderhirt bin ich. Der Ewige nahm mich hinter dem Pfluge weg und sprach zu mir: „Weissage über mein Volk Israel." (VII. 14, 15.) An diesem Beispiel wird schon klar, daß die Triebfeder des Propheten Gott heißt, den er in einsamer Lebewsstunde erfahren hat und dem er von da an alles unter-' ordnet. Besonders lehrreich für das Verständnis unseres Themas ist der Aufsatz „Pries'ter und Prophet" (von Achad Haäm). Hier wird klar, daß sich in der Prophetie die entscheidendste' jüdische Erscheinung der gesamten Geschichte offenbart. Ausgehend von der Physik stellt der Autor fest, daß alles Zusammengesetzte und Vielseitige in der Welt das Resultat des Zusammenstoßes zweier Elementarkräfte sei. Es handle sich hierbei also nicht um dem Sieg der einen oder anderen Kraft, sondern um eine mittlere Bewegung des Ausgleiches, die manchmal sogar die Stufe der Harmonie er-, reichen könne. In diesem Gegenspiel der Kräfte sieht Achad Haäm also die verschiedenen Arten der Tätigkeit zugunsten