Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1936-10-01 · 10 (1.10.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
10 (1.10.1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825368-2825378--1122-2826791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

12. lahrgang Verlagsort: Mannheim 2 Nummer 10 Jüdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichs Verbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.75 pro Quartal. Mannheim, den 1. Oktober 1936 Druck und Verlag: Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.Siegfried Braun K ö 1 n-S ü lz, Unkelerstraße 17 Welche Verbindungen lassen sich in der Schule zwischen der allgemeinen und der jüdischen Geschichte herstellen? Innerhalb der Diskussion über Wege und Ziele der jüdischen Schule nimmt die Auseinandersetzung über den Unterricht in der allgemeinen und der jüdischen Geschichte naturgemäß einen breiten Raum ein. Vielfach sind die Bemühungen, hier neugestaltend einzugreifen. Wie weit-aber die Auffassungen voneinander abweichen, erhellt aus zwei Aufsätzen, die allerdings zeitlich weit auseinander liegen. In der Jüdischen Rundschau vom 7. 8. 33 forderte Alex Bein in seinem Aufsatz „Geschichtsunterricht in der jüdischen Schule" die vollständige Einbeziehung der jüdischen Geschichte in den allgemeinen Geschichtsunterricht, während Felix David in seinem Beitrag „Vorschläge zur Stoffauswahl und Stoffverteilung im jüdischen Geschichtsunterricht" (Jüdische Schulzeitung v. 1. 6. 36) einen solchen Einbau anscheinend nirgends ins Auge faßt. Der Gescjhichtslehrer muß sich bewußt sein, daß allgemeine und jüdische Geschichte in der jüdischen Schule nicht isoliert nebeneinander stehen dürfen. Vielmehr muß es sich der Unterricht in der jüdischen Geschichte mit zur Aufgabe machen, die Verbundenheit der jüdischen Geschichte mit der allgemeinen Geschichte aufzuzeigen; er muß klarstellen, wie die jüdische Geschichte in ihrem Ablauf von der allgemeinen Geschichte her bedingt ist, wie weit sie von ihr abhängt, mit ihrem Geschehen verbunden und in ihm mitverwurzelt ist. Von der allgemeinen Geschichte her sind .also vielfach die Vorbedingungen und Ursprünge des Geschehens in der jüdischen Geschichte zu entwickeln, von hier aus ist der breite geschichtliche Hintergrund und Unterbau zu schaffen. Von diesem Hintergrund aus ist die Auswirkung des Geschehens auf das jüdisühe Leben und den jüdischen Geist herauszuarbeiten: Das äußere Schicksal, die politische Stellung, die wirtschaftlich-soziale Funktion im Staate wird dem Juden von den herrschenden Mächten der Zeit auferlegt; die Art, wie er dies trägt, die geistig-religiöse Welt, in der er leblt, ist sein spezifisches Eigentum. Aus dem Ineinanderwirken dieser Faktoren entsteht das, was wir „Jüdische Geschichte" nennen und was bei aller Verbundenheit mit ällgemekigeschichtlichen Tendenzen etwas Eigenartiges und Einzigartiges darstellt. Diese Verbundenheit und Einzigartigkeit gilt es auch im Unterricht der Volksschule dem Schüler zum Bewußtsein zu bringen. Denn erst durc:h die natürliche und notwendige Verbindung der beiden Gebiete, der allgemeinen und der jüdischen Geschichte, entsteht ein echtes Geschichtsbild, das Ursache und Wirkung in anschaulicher und farbiger Darstellung miteinander zu verbinden hat. Von solchen Voraussetzungen aus scheidet eine bloß biographisch-literarische Behandlung der jüdischen Geschichte, wie die meisten Lehrbücher sie leider noch anwenden, aus. Die biographisclhe Darstellung ist nicht Selbstzweck; sie ist wie in der allgemeinen Geschichte nur dort anzuwenden, wo sie entweder notwendig aus dem Geschehen herauswächst und die Zeitverhältnisse an einem Einzelschicksal klar zur Erscheinung bringt (Me'ir v. Rothenburg), oder wo eine eigenartige Persönlichkeit Zeitströmungen in sich verkörpert und zugleich bestimmend in das Geschehen und Erleben eingreift (Reubeni, Molcho, Sabbatai Zwi). An die Stelle geschichtlich fundierter biographischer Einzelbilder, tritt also die Darstellung jüdischen Lebens in politisch-rechtlicher, wirtschaftlich-sozialer und geistig-religiöser. Beziehung, wobei der Unterricht bestrebt sein muß, dem Schüler bewußt zu machen, daß der Jude anderes erlebt und anders erlebt, als seine Umwelt es zur gleichen Zeit tut. Es kann hier nicht die Absicht sein, die gekennzeichneten Zusammenhänge an der Gesamtheit des Stoffes nachzuweisen. Ich greife nur einige Beispiele heraus. Vom genossenschaftlichen Denken des Mittelalters her entstehen Zünfte und Gilden, zu denen der Jude keinen Zutritt hat. Die Bindung der Zunftgenossen an Vorschrift und Preis macht den wirtschaftlichen Aufstieg des einzelnen Mitgliedes innerhalb der Zunftgenossertschaft unmöglich, während der sozial tiefstehende und verachtete Jude durch das Geldgeschäft, das er betreibt, einen wachsenden Reichtum aufweist. Dieses Mißverhältnis zwischen sozialer Stellung und wirtschaftlicher Macht erzeugt den Judenhaß der Zünfte. Aehnliches zeigt sich in der Zeit der großen Judenverfolgungen zur Zeit des „Schwarzen Todes". Die Geißler sind ausgesprochen antikapitalistisch und damit antijüdisch eingestellt. Motive wirtschaftlich-sozialer Art verbinden sich hier mit einem übersteigerten religiösen Gefühl und entladen sich in den Judenverfolgungen. Im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung lassen sich antijüdische. Strömungen auch in den Biauernaufständen des 15. und 16. Jahrhunderts aufweisen. Die Verbundenheit des jüdischen Schicksals mit dem Schicksal anderer Völker läßt sich bei der Auswirkung der Vertreibung der Juden aus Spanien erkennen. Der wirtschaftliche Niedergang Spaniens ist mitbestimmt durch dem Verlust, den der Staat durch die Vertreibung seiner fleißigsten Bevölkerung, der Juden und der Araber, erlitt. Der Aufschwung des Wirtschaftslebens der westeuropäischen Länder ist mitzurückzuführen auf die Einwanderurig der aus Spanien vertriebenen Juden. Wie die wirtschaftlich-sozialen wirken die politisch-rechtliqhen Tendenzen der allgemeinen Geschichte auf die jüdische Geschichte ein; beide Tendenzen sind oft miteinander verbunden. So steht die Aufnahme der Juden in Brandenburg 1611 in Verbindung mit dem Staatsgebilde, der Staatsauffassung und der Staatsnotwendigkeit, wie sie sich in diesem Brandenburg und seinem Herrscher verkörperten. Der nach dem Dreißigjährigen Kriege entvölkerte, verelendete Staat bedarf neuer, regsamer Menschen, bedarf einer Erweiterung und Belebung seines Handels. Die Tendenz des Staates geht auf „Peuplierung", die Idee des Merkantilismus entwickelt sich; zugleich bricht eine größere Duldsamkeit sich Bahn. Aus diesen Vor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.