Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 9 (1.9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer- 9 j Kein staatlicher jüdischer Religionsunterricht mehr _ in Bayern. Das „Amtsblatt des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus" veröffentlicht in seiner Nummer 6 eine Bekanntmachung des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus über den jüdischen Religionsunterricht. Danach wird an den bayerischen Schulen künftig kein lehrplanmäßiger jüdischer Religionsunterricht mehr erteilt. Den jüdischen Kindern bleibt es unbenommen, einen privaten Religionsunterricht zu besuchen. In den Schulzeugnissen ist der jüdische Religionsunterricht nicht menr zu berücksichtigen. Für den jüdischen Religionsunterricht dürfen keine staatlichen oder gemeindlichen Mittel mehr aufgewendet werden. Jüdische Religionslehrer gehören künftig nicht mehr den Lehrerräten und Prüfungsausschüssen an. Für die nur von jüdischen Kindern besuchten Schulen gelten die bisherigen Bestimmungen weiter. Die jüdischen Klassen an den öffentlichen allgemeinen Volksschulen sind nach einem früheren Ministerialerlaß ein Bestandteil dieser Schulen. An diesen Sonderklassen wird daher kein lehrplanmäßiger jüdischer Religionsunterricht mehr erteilt. * Die städtische Hilfsschule in der Kleiststraße in Frankfurt a. M. hieß bisher Hallgarten-Schule nach dem bekannten jüdischen Philanthropen Charles .Hallgarten. Nach Meldung des „Generalanzeigers" ist die Schule auf Anordnung des Oberbürgermeisters in Nordend-Schule umbenannt worden. Ein jüdisches Gymnasium in Berlin Die Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gibt bekannt, daß Vorstand und Repräsentanz grundsätzlich beschlössen haben, eine jüdische höhere Schule, voraussichtlich in der Art eines Reformrealgymnasiums zu errichten. Die erforderlichen Schritte bei der Staatsaufsichtsbehörde wurden in die Weg© geleitet. Es Ist ein erfreuliches Zeichen für die ungebrochene Lebenskraft der jüdischen Gemeinschaft, daß die Gemeinde der Reichshäuptstadf einen derartigen Beschluß gefaßt hat. Erfordert seine Durchführung doch außerordentlich hohe geld.iche Aufwendungen. Denkt man an die Schulpolitik, die in verflossenen Zeitläuften gerade die Berliner jüdische Gemeinde getrieben hat, so wird einem so recht der tiefe Wandel bewußt, der sich unter dem Druck der Verhältnisse innerhalb der Judenheit vollzogen hat. Während früher die Gemeinde keine einzige Volksschule besaß und infolgedessen alle jüdischen Kinder die allgemeinen Schulen besuchten, gibt es heute deren mehrere., die einen nicht unerheblichen Teil der schulpflichtigen jüdischen Knaben und Mädchen betreuen. Daneben blühen die Mittelschülern der Gr. Hamburger Straße, djsüymnasium und die Volksschule der Autrittsgemeinde, die Volksschule der Reformgemeinde und eine Reihe privater jüd. Schulen aller Art. Man darf den Beschluß der Gemeindgremien nicht nur deshalb begrüßen, weil seine Durchführung die Möglichkeit schafft, das allgemeine -Bildungsniveau innerhalb, der heranwachsenden jüdischen Jugend zu erhalten, sondern auch deshalb, weil jüdische Lehrkräfte wieder an'einer Stelle wirken können, für die sie beruflich vorgebildet sind. Es versteht sich von selbst, daß der Lehrplan der zu gründenden Schule den Anforderungen entsprechen wird, die vom Staat an alle höheren Schulen gleicher Art gestellt werden. Darüber hinaus aber wird er in weitgehendem Maße die. Aufgaben, zu berücksichtigen haben, die unsere Zeit an jede jüdische Bildungs- und Erziehungsstätte stellt: die Erfüllung der Jugend mitallem, was sie als jüdische Jugend stark macht, sowie die Vorbereitung auf eine Zukunft in der Ferne, auf einen Lebenskampf, der hart, aber hoffentlich dennoch beglückend sein wird. Möchte das Beispiel Berlins auch in den großen Städten, in denen eine höhere jüdische Schule noch fehlt, Nachahmung finden können! . ■ . Seite T Eingesandt Zur Frage der Besetzung der jüdischen Lehrerstellen Die Art der Besetzung der Lehrerstellen an jüdischen Schulen war schon einmal Gegenstand der Intervention der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, die in einer Aufforderung an die jüdischen Gemeinden und Landesverbände für die Anstellung älterer Lehrkräfte energisch eintrat gegenüber der Neigung und Uebung der Gemeinden, billige junge Kräfte anzustellen. Leider hat -diese Intervention der Reichs- Vertretung noch nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Immer wieder kommt es vor, daß bei Besetzung von jüdischen Lehrerstellen Härten und Ungerechtigkeiten sich zeigen, die nur dadurch vermieden werden könnten und werden müßten, daß die leitenden Stellen der Landesverbände auf Grund der bei ihnen vorliegenden Personalakten die Entscheidung bei Stellenbesetzung zu treffen hätten und nicht die Gemeinden, die sich oft nur von vorübergehenden Eindrücken oder anderen rein persönlichen Gründen der Harnossim leiten lassen. Es ist dringend notwendig, daß die Besetzung der jüdischen Lehrerstellen der Willkür und dem Zufall entrückt und in der gerechten und sachlichen Weise gehandhabt werdet, wie dieses auch bei den staatlichen Schulbehörde n g e s c h i e h t. W. Literarisches Emil Bernhard Cohn: Die jüdische Geschichte. Verlag Erwin Löwe, Berlin 1936, 1.25 RM. Der Autor versucht es, „die jüdische Geschichte mit ihren nahezu viertausend Jahren zur, Lektüre einer kurzen Stunde zusammenzuschließen". (Aus dem Vorwort zitiert). Das ist ein gefahrenreiches Unternehmen, das nur dem glücken kann, der das ungeheure Gewebe des geschichtlichen Materials präsent hat und der es mit künstlerischer Kraft zusammenzuwirken vermag. Wer das Büchlein wie eine leichte Ferienlektüre durchfliegt, wird auf seine Rechnung, kommen. Wer dagegen bedächtig die 25 Kapitel durchliest, so wie ein geschichtliches Buch gelesen werden sollte, dem werden die Mängel sachlicher und sprachlicher Art nicht verborgen bleiben. Sie drängen sich — fast möchte man sagen — Seite für Seite auf. Cohns Haltung zur Frage der Wahrheit des Bibelwortes beispielsweise ist zwiespältig. Schon die Einkleidungen seiner Darlegungen, wie etwa „wanderten nach der biblischen Tradition . .", „die Tradition erzählt", „wie immer man zur biblischen Wahrheit stehen mag" u. a. lassen das erkennen. Ein paar Beispiele für Cohns Sprache: Seite 19. Als er (der kleine Joas) etwas größer wurde; Seite 23: Jesaja bremste mit äußerster Energie; Seite 26: Es ist die Geburtsstunde des Judentums, die wir damals erleben; Seite 29: dafür aber sammelte man neben vielem Bücherschreiben eifrig das alte Kulturgut; Seite 31: daß die Bibel ihr nächst der Tora größtes Buch der Epoche des Schriftgelehrtentums und womöglich sogar des Pharisäertums verdankt; Seite 35: so begann sie (die Dynastie der Hasmonäer), für die das Hohepriestertum nur ein Dekorum, die weltliche Macht aber alles war, eine zwischen Legitimität und Volksverbundenheit schwankende Politik zu führen; Seite 76: ... beweist, das was die Juden für die spanische Wirtschaft bedeutet hatten, der mit ihrer Vertreibung die Sehnen durchgeschnitten waren; Seite 79: Dieser Kampf wuchs sich zu einem großen Kampfe ... . aus, der schließlich über die Köpfe der Juden und des Judentums hinwegging und das Glockengeläut des Geistes bildete, mit dem die Reformation eingeläutet wurde; u.s.f., u.s.f. Anlage und Gliederung des Büchleins sind gut, die Durch- und Ausblicke interessant; dem Verfasser kann nur ans Herz gelegt werden, das Ganze mit größerer Sorgfalt noch einmal durchzuarbeiten. S.B. Jüd is c he: S c h u 1 z e i t u-n g