Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 9 (1.9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 J ü d i seh e Sch uI z'e i tun g .Nummer T9~ an Pflichtbewußtsein gegenüber der Gesamtheit fehlen lassen, wenn sie nicht gewillt sind, entsprechend ihrer Kraft sich" an den finanziellen Leistungen der Gemeinden zu beteiligen. Die Opfer, die heute von jedem einzelnen verlangt werden, sind gewiß schwer und drückend. Wer sich aber dessen bewußt ist, welch eminente Bedeutung es hat, wenn die Gemeinde als lebendig wirkende Institution erhalten bleibt, der wird bereit sein, sie zu bringen. In diesen Zusammenhang hinein gehört auch eine andre Frage, zu der einmal Stellung genommen werden muß. Viele Gemeinden lehnen es aus geldlichen Erwägungen heraus ab, verheiratete Beamte anzustellen. So kommt es, daß n'cht selten tüchtige, in der Vollkraft ihres Lebens stehende Menschen stellenlos bleiben müssen, nur weil sie verheiratet sind. Dabei liegen die Dinge zuweilen so, daß von einer finanziellen Ersparnis kaum die Rede sein kann, wenn statt eines verheirateten ein unverheirateter Beamter angestellt wird. Erst jüngst traf e'nen gesunden und leistungsfähigen 40jährigen> Lehrer, der Frau und ein Kind hat, das Geschick, trotz guter Lchrproben und obwohl seine „Vorstellung voll und ganz befriedigt hat" (aus der Mitteilung der Antwort erteilenden Instanz) abgelehnt zu werden, weil' ein unverheirateter Lehrer angestellt werden solle. Der betreffende Kollege wandte sich an d:e Leitung unseres Lehrerverbandes, d:e denn auch sogleich das Erforderliche unternommen hat. Wir w:ssen, daß auch die Reichsvertretung der Juden in Deutschland es nicht billigt, wenn Gemeinden oder gar Gemeindeverbände eine Beamtenpolitik treiben, die unter Umständen erfahrene und tüchtige Menschen zu dauernder Arbeitslosigkeit verurteilt. Sie wird, so dürfen wir hoffen, ihren Einfluß daraufhin geltend machen, daß derartig kurzsichtige und zug'eich unsoziale Beschlüsse nicht mehr gefaßt werden. Fortbildungsfragen In den letzten Jahren hat das Fortbildungswesen, soweit es spezifisch jüdische Disziplinen umfaßt, einen erfreulichen Aufschwung genommen. Die Schulabteilung der Reichsvertretung, die Gemeindeverbände, die Mittelstelle für Erwachsenenbildung haben hier in Verbindung mit unserm Lehrerverband und seinen Untergliederungen fruchtbare Arbeit geleistet. Der Begriff „Lerntagung", den man früher nicht kannte, ist heute jedem Lehrenden geläufg, und wo immer die Verhältnisse es gestatten, beteiligt sich die Lehrerschaft an den Lerntagungen, auch die Kollegen, die weitab von den Zentren jüdischer Bildungsinstitutionen tätig sind. Die Instanzen, die sich um Vorbereitung und Durchführung derartiger Tagungen gemüht haben, beschränkten sich dabei nicht auf rein jüdische Wisse.nsgeb:ete, auch nicht auf pädagogische Fragen, die für den Unterricht im Bereich des Jüdischen von Bedeutung sind, wenngleich ihre Behandlung naturgemäß auf die Arbeit in der jüdischen Schule zugeschnitten war.*) Eine Seite aber ist bisher in die Fortbildungsarbeit nicht einbezogen worden, deren Vernachlässigung auf die Dauer nicht tragbar erscheint: das ist die Wiederauffrischung, Vertiefung und Erweiterung der Kenntnisse auf dem Gebiet der verschiedenen allgemeinen Wissenschaften. In der Vergangenheit war dem jüdischen Lehrer die Möglxhkeit gegeben, an Fortbildungskursen teilzunehmen, die von Schulbehörden in Verbindung mit akadenrsehen Instituten veranstaltet wurden. Namentlich während der Ferien gab es mannigfache Gelegenheit, sich an Studienreisen zu beteiligen. Heute ist uns jüdischen Lehrenden dieser Weg verschlossen. Wir sind auf autodidaktische Weiterarbeit angewiesen, deren Wert hier keineswegs verkleinert werden soll, die aber dennoch keinen Vollersätz dort bieten kann, wo bestimmte Voraussetzungen naturnotwendig fehlen. Zoologische und botanische Studien beispielsweise erfordern nicht nur teure Instrumentarien, sondern auch den Aufenthalt in bestimmten Gegenden — Meer, Hochgebirge, Moor *) Vergi den Bericht über Würzburg ä. a. St. und Heide* dazu eine Führung, wie sie im allgemeinen nur von Spezialisten gewährt werden kann. Die Dinge liegen nun so bei uns: auf der einen .Seite gibt es derartige jüdische Spe-: zialisten, die nicht mehr im Amt sind; es :gibt sie auch zweifellos innerhalb der Lehrerschaft selber. Auf der andern Seite entbehrt so manch ein Kollege, den die Neigung sich in eine bestimmte Wissenschaft vertiefen heißt, die Gelegenheit, ihr Befriedigung zu geben. So "ergibt sich eine Situation, die leicht auf dein Wege der Organisierung gemeistert werdenkönnte. Es muß sich nur eine Stelle finden, die die Verbindung zwischen den zu eruierenden „Dozenten" und „Schülern" hei> stellt. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, hier einen Wandel zum Besseren herbeiführen zu helfen. . * ■ Im Anschluß an diese Darlegungen sei von einem Plan Kenntnis gegeben, der während der Osterferien verwirklicht werden soll, sofern sich Teilnehmer in hinreichender Anzahl melden. Es handelt sich um einen Fortbildungskursus für jüdische Lehrende an einem Institut, das der Erforschung des Meeresplanktons, dient. Es gibt derartige Institute auf Helgoland und in Büsum an der Nordsee; das berühmteste besitzt wohl die Zoologische Station zu Neapel. Die Kollegen und Kolleginnen, die sich zu beteiligen wünschen, werden gebeten, sich beim Schriftleiter dieses Blattes zu melden. Zur Kritik der jüdischen Lesebogen Es wurde in der Augustausgabe dieses Blattes versucht, die Problematik des Deutschunterrichts auf den jüdischen Schulen in ihren Grundlinien aufzuzeigen und hierbei wurde auch die Forderung nach einer kritischen Durchmusterung der jüdischen Lesebogen gestellt, die in sehr kurzer Zeit in zwei Reihen entstanden sind. Es ist einmal wesentlich, aufzuzeigen, was auf diesem Gebiet bereits geleistet worden ist; Zunächst, ist eine Reihe: Jüdische Lesehefte unter Mitwirkung der Reichsvertretung der deutschen Juden von Studienrat Adolf Leschnitzer im Schockenverlag herausgegeben worden, von der heute bereits 11 Hefte vorliegen (Schockenreihe), im Herbst 1934 folgte eine zweite Reihe aus privater Initiative im Joachim Goldstein-Verlag, Jüdische Jugendbücherei, für die Dr. Erich Loewenthal verantwortlich zeichnet: von dieser liegen bis jetzt 5 Hefte vor. Zunächst einiges Grundsätzliche zur äußeren Form: Lesebogen müssen billig gehalten sein, um der Gesamtheit der Klassen zugänglich zu bleiben. Sie müssen aber auch äußerlich wie innerlich dabei sauber aufgemacht werden, denn schon das äußere Bild, Umschlag, Papier. Drucktypen üben erzieherische Funktionen auf den jungen Menschen aus: es ist meist das erste Gedruckte, das er sein eigen nennt, und dieser Eindruck bestimmt oft das Verhältnis zum Buch im späteren Leben. In diesem äußeren Sinne ist die Schockenreihe vorbildlich gearbeitet: Format (Oktav), der farbig fein getönte kartonierte Umschlag, das saubere Titelblatt, dann vor allem das exakte Inhaltsverzeichnis, vorzügliche Drucktypen der Offizinen Haag-Drugulin und Oswald Schmidt-Leipzig erfreuen das Auge des Betrachters und entsprechen al'en angedeuteten Forderungen. Lediglich der Preis von 40—50 Pfennigen wird bei dem Durchschnitt unserer Volksschulkinder auf. Schwierigkeiten stoßen. Hier muß dann im Einzelfalle durch gemeinsame Anschaffungen Abhilfe geschaffen werden. Bei der Qualität der Ausführung erscheint jedoch ein niedrigerer Preis kaum mögHch. Dieser kleine Mangel der Schockenreihe fällt bei den O.oldsteinbänden, die nur 25 Pfennig kosten, fort. Aber das ist auch der einzige Vorteil der Jüdischen JugendbüchereL Format (klein Ouart) und; Druck (eine, unklafe"Fraktur)' .smd wenig günstig. Die'..Päpierumschlage äußerst empfindlich,.besonders für Kinder der unseren Klassen. Ein Inhaltsverzeichnis, das besonders bei den großen Klassen der. jüdischen Schulen bedeutende Erleichterungen schafft, fehlt überall. Hierauf hätte der Herausgeber unbedingt bedacht sein müssen. Wir sollten