Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 8 (1.8.1936)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8 Jü dis cJie Schulz ei tung Seite 5 Die Strophe ist sprachlich so unhaltbar. Das Pronomen „Er" im letzten Vers weist grammatisch auf den Körper im vierten Vers zurück; in Wirklichkeit ist natürlich der Chaluz gemeint, der übrigens im ganzen Gedicht nicht ausdrücklich genannt ist, und der durchgehend unter dem „Er" figuriert Im fünften Vers fehlt das Subjekt, und er wird sinnlos. Die zweite Strophe beginnt mit den Versen: „Doch die Seele ist offen für diesen Beginn, Sie stählt in ihm, was noch weich." Die Seele stählt? Was eigentlich? Offenbar soll doch die Seele selber gestählt werden. Ein anderer junger Dichter Fritz Rosenthal schrieb eine „Legende um Hagar". Darin läßt er Hagar „eingehüllt von Sand und Sternen" stumm dahinschreiten. Ein kühnes Bild, das aber keine greifbare Vorstellung vermittelt und deshalb wertlos ist. In der zweiten Strophe meint der Dichter, Hagar sei „vergessen wie ein früchteleerer Baum". Angesichts des in ihren Armen ruhenden Ismael ist das ein stark hinkender Vergleich, abgesehen davon, daß ein früchteleerer Baum nicht notwendig ein vergessener Baum sein muß. Auf den Eingang der dritten Strophe ist Fritz Rosenthal sicher besonders stolz gewesen. Hier läßt er sich so vernehmen: „Erschauernd hörte sie das Rufen der Schakale, Das heiser in der hohen Stille hing —" Man braucht diese Verse nur zu lesen und man merkt sogleich, wie wenig Bildkraft sie in sich führen. „Heiser in der hohen . Stille hängen" ist nicht mehr als Wortgeklingel. Völlig dilettantenhaft sind dem Autor die letzten Verse der Strophe geraten: „Hagar gedachte jener Glücklichen im Tale, Die des Erwählten Liebe nun empfing." Der Schluß des Gedichtes „Und spürte noch einmal die bange Süße, Davon die Märchen Ammon-Re's erzählten." führt die Leser in unbekannte Welten, mit denen sie, sofern sie nicht Gelehrte sind, aber auch gar nichts anzufangen wissen. Wer scharf hinhorcht auf das, was diese Dichter uns zu sagen wünschen, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß keine urkräftig die Schreiber durchflutende Empfindung Ausdruck verlangt hat, daß deshalb zuviel krampfhafte Konstruktion aus den Gedichten hervortritt. Hinzu kommt der Mangel an nachfeilender Arbeit, die den Versen jene kristallene Klarheit zu geben vermöchte, wie wir sie aus den Werken unserer Meister kennen. Man halte einmal ein Gedicht wie das Goethesche „Willkommen und Abschied" neben eines derjenigen, von denen hier die Rede ist, und man wird den Abstand klar erspüren. In beiden höchste Erregung, aber gezügelt von der Kraft des wahren Dichters hier und ohne den Adel des Gleichmaßes dort. Doch fahren wir in unserer Betrachtung fort: Max B r o d läßt in einem Gedicht „Hebräische Lektion" die alten Laute der : hebräischen Sprache „losgelassen wie Blitz die Luft" durchschlagen, was ihm bestimmt kein Mensch glauben, wird. Ebensowenig, daß das „Wiegenlied" (die hebräische Sprache) als Blitz und jäher langer Donnerton mit Krampf und Wirrwarr erzürnt hervorbrach. Von Krampf und Wirwarr durchdrungen scheint dies ganze Poem Brods zu sein. Heranwachsende Jugendliche und insbesondere Schüler dürften zu der in ihm niedergelegten Empfindungswelt keinen seelischen Zugang haben; deshalb lehnen sie — so hat es der Schreiber dieser Betrachtung erfahren — das Gedicht ab, ebenso wie den Psalm" „Von der Schweigsamkeit" von Ernst Lissauer und Werf eis „Ich habe eine gute Tat getan" mit seinen 58 Versen, die zu lesen im Hinblick auf das "schlichte Faktum des Wohltuns yie 1 Ueberwindung kostet. Der Raum fehlt, auch aus diesen Gedichten Proben hier anzuführen. Nur zwei Verse Werfel möge der Leser anhören: .. „Mein Schreibtisch knarrt, -•-..Ich weiß, er'.will mich umarmen." Ein Schreibtisch, der den Schreiber umarmen will und noch dazu, weil dieser eine gute Tat getan hat; das dürfte genügen. Karl Wolfskehl gilt als ein besonders hervorragender Jünger Stefan Georges. Auch von seinen Gedichten haben eine Reihe in jüdische Schulen Eingang gefunden, von denen indes gesagt werden muß, daß auch sie nicht immer den Anforderungen genügen, die an gute Dichtung zu stellen sind. Man lese daraufhin ein Gedicht wie: „Und dennoch" mit den Versen: „Hat je ein Joch Nacken schwieliger gebogen? Dunkler Führung Pflug Furchen tiefer gezogen?" und der 3. Strophe in ihrer fragwürdigen Form: „Furchtbarer Fug du der Tränen und Würgegier, Alle Tage durch kauerst du, dräuend im Winkel stier, Alle Nächte durch stehst du knirschend an unserm Lager, Auf Wehruf, Schwur und Flehn warst stets du der Antwortsager. (!) Nichts sprach uns zu als wilden Hasses Ha — Und dennoch sind wir da!" Wir Juden in Deutschland und mit uns die jüdische Schule leben in einer Uebergangszeit. Vielleicht bedeutet das ein allmähliches Sich-Loslösen von deutscher, und eine Hinwendung zu jüdischer Kultur. In uns lebt noch die eine und noch nicht die andere. Das schafft Zwiespalt und Unruhe im Geistigen, wie es deutlich die Arbeit der Kulturbünde offenbar werden läßt. Es zeitigt deshalb Unfertiges und Unreifes, das den im Geiste Hungernden als Nahrung hingereicht wird. Es ist schon besser, bei der altgewohnten zu bleiben so lange, bis neue Früchte zur völligen Reife kommen. Seien wir Lehrer deshalb besonders vorsichtig und streng darauf bedacht, nichts in die Schule hereinkommen zu lassen, was nicht das Zeichen der Echtheit an sich trägt. d. n. Neue Schulbücher in deutschen Schulen Unter dieser Rubrik sollen künftig Bücher besprochen werden, die auch in den jüdischen Schulen gebraucht werden. Die Srhriftleitung. Es gibt kaum ein Schulbuch, das sich größerer Volkstümlichkeit erfreut hat als das Realienbuch Kahnmeyer und Schulze, das der Verlag Velhagen & Klasing, Bielefeld - Leipzig, nun schon seit. Jahrzehnten in immer neuen Bearbeitungen herausbringt. Tüchtige Lehrer und Methodiker haben immer wieder das Werk auf seinen Wert als Schulbuch hin überprüft und umgearbeitet, und es ist ein großer Unterschied zwischen der ersten und der letzten Auflage, sowohl was die wissenschaftliche Qualität als auch was den unterrichtlichen Wert dieses Buches angeht. Das wird jeder spüren, der den Werdegang des Realienbuches verfolgt hat. Der politische Umschwung in Deutschland hat den Verlag erneut vor die Aufgabe einer Umarbeitung des Werkes hingestellt. Es galt nicht nur den Anforderungen gerecht zu werden, die der neue Staat an den Unterricht stellt, sondern auch den Ergebnissen der neuesten Forschungen auf dem Gebiet der Geschichte, Erdkunde, Naturgeschichte, Physik, Chemie und Mineralogie. So bietet sich d:e Ausgabe des Jahres 1935 in einer wesentlich andern.Gestait dar als die früheren Ausgaben. Das Ganze ist — so darf wohl gesagt werden — durchweg wissenschaftlicher gehalten; die allzu populäre Darstellung, wie sie ursprünglich dem Werke zu eigen war, ist einer mehr in die Tiefe eindringenden gewichen. Ausgezeichnete Abbildungen, mit den neuesten Techniken hergestellt, eine g'roße Anzahl von Tabellen, Diagrammen und Uebersichten beleben die sachlichen Darlegungen; dem Grundsatz, die Selbsttätigkeit der Schüler zu fördern, dienen die vielen Fragen und Aufgaben am Ende der einzelnen Themen. So enthält das Realienbuch in der Tat eine ungeheure .Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse in einer sprachlichen Fassung und graphischen Ver*, deutlichung, wie sie ein Buch, das den gesamten Realienstoff umfaßt, selten aufweist. Zuweilen kann sich Her Lehrer des