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Jüdische Schulzeitung · 1936-08-01 · 8 (1.8.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
8 (1.8.1936)
Date
1936-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 8 J ü d isehe Schulzeitung Seite 3 deren Werken zuweilen Proben empfohlen werden, deren Lektüre die Schüler ebenso gähnen macht wie die gereimten biblischen Geschichten, deren Herstellung aus Respekt vor dem Original von Rechts wegen verboten werden müßte. Organisch aus dem Volkstum hervorwachsendes Schrifttum muß Zeit zur Reife haben; der Schaffensprozeß läßt sich nicht bedrängen. Was entstellt, wenn es dennoch geschieht, das trägt die Zeichen der Unechtheit an sich. Es ist der Jugend nicht zuträglich, wenn man sie in der Schule mit diesen Erzeugnissen verkrampfter Seelen befaßt. Viel besser ists, in aller Sorgfalt nach Gediegenem Ausschau zu halten, sich mit dem Wenigen zu bescheiden, das man möglicherweise findet und' der Stunde entgegenzusehen, da die Zeit Echtes gebiert. Vielleicht ist sie näher als wir ahnen. Schon rührt der Genius des jüdischen Volkes vom Schaffen in hebräischer und jiddischer Sprache aus Osteuropa und aus dem jungen Palästina her unsere Welt an. Sprachmächtige Uebersetzer finden verständnisvolle Förderung bei Verlegern und Lesern. Drüben in den Zentren jüdischer Geistigkeit begegnen sich bereits die deutsche und die hebräische Sprache, und es mag uns bald Gutes aus dieser Begegnung zufließen. Ob daneben das Geschehen in unsern Tagen um uns her einmal echten künstlerischen Ausdruck im Wort finden wird, darüber läßt sich n:chts aussagen. Und damit kommt diese Betrachtung zurück auf das Thema, von dem sie ausging: Lesebuch und jüdische Schule. Das Lesebuch, das die jüdische Schule braucht, kann nach Lage der Dinge nur e;n Werk sein, in dem neben einem reichen Schatz deutscher Dichtung, dessen Grundstock übrigens festliegt, ein bescheidenes Quantum von Prosastücken u. Gedichten steht, die die Kinder als jüdische Kinder besonders ansprechen. Hochgespannte Erwartungen im Hinblick auf die Verwendungsmöglichkeit der Schriften jüdischer Autoren dürfen nicht gehegt werden, weil deren Sprache durchweg nicht die Sprache der. Jugendlichen ist. Die „Umschichtung" jüdischer Schriftsteller von der Arbeit innerhalb des deutschen Kulturkreises auf die innerhalb des jüdischen ist fragwürdigen Wertes. Formgerechte Uebertragungen aus der echten volkstümlichen jüdischen Literatur des Ostens und Palästinas sind vorläufig nur in beschränktem Umfange vorhanden. Der vielfach vernehmbaren Auffassung, es müsse insbesondere die neueste Publizist:k, wie sie die Schicksalswende der Judenheit in Deutschland hervorgebracht hat, in der Schule gelesen werden, ist zu entgegnen, daß das Lesebuch nur sprachlich und sachlich ausgereifte Proben enthalten darf; daß keine Konzessionen gemacht werden sollten etwa des wichtigen Inhaltes wegen. Wenn es sich darum handelt, die Schüler mit den Strömungen innerhalb des jüdischen Volkes in unserer Zeit bekannt zu machen — und es ist nötig, daß es geschehe — so pflege man die Lektüre der Zeitungen und der Tages- Literatur, d:e auch in den Jugendbünden eingehend behandelt wird. Nicht aber entwerte man die exemplarische Darstellungskunst im wichtigsten Schulbuch durch Aufnahme von Stücken, die für den Tag geschrieben sind. Probleme des Deutschunterrichts an den jüdischen Schulen Von Dr. Walter Perl-Berlin Die jüdischen Schulen in ihrer gegenwärtigen Gestalt sind als reine Zweckgebilde aus den Notwendigkeiten der besonderen Zeitlage heraus entstanden. Es ist ihnen keine Muße zu einer gründlichen theoretischen Vorbereitung beschieden gewesen, sondern sie mußten im Augenblick ihres Entstehens sogleich als lebensfähige Organismen arbeiten und den breiten Kinderstrom, der ihnen aus den Staatsschulen zugeleitet wurde, aufnehmen. So kann es erst nebenher langsam möglich werden, die besonderen Aufgaben der jüdischen Schule und die damit verbundene Didaktik theoretisch zu unterbauen, während die Unterrichtspraxis zunächst noch eine ganze Weile Kompromisse und Notlösungen verlangen wird. Die folgenden Ausführungen sollen einen ersten Versuch bedeuten, einen besonders wichtigen Fragenkomplex unserer Schulen, den des Deutschunterrichtes in seiner vielseitigen Problematik zu belichten und zugleich eine Reihe von Wegen aufzuzeigen, auf denen ein Weiterarbeiten für die Praxis unserer jüdischen Schulen fruchtbar werden kann. Der Deutschunterricht ist auf den Volks- und höheren Schulen das Kernfach innerhalb aller Lehrgegenstände. Von der Muttersprache ausgehend, gibt er die Grundlage für das Verständnis und die eigene Ausdrucksfähigkeit in allen Disziplinen, er dient somit der geistigen Entwicklung des jugendlichen Menschen im weitesten Sinne. Wenn wir zunächst die Frage kritisch prüfen, welche Bedeutung der Deutschunterricht auf unsern jüdischen Schulen hat und haben soll, so müssen wir ebenfalls von der Bedeutung der Muttersprache ausgehen. Unsere Kinder haben, von verschwindend geringen Ausnahmen abgesehen, Deutsch als Muttersprache, es wird also notwendig sein und bleiben, ihnen hier alle die Grundlagen der Ausbildung zu geben, die ihnen die vollkommene Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdruck garantieren. Deutsch als Muttersprache bedeutet damit ja Grundlage für alle andern Schulfächer, die die gleiche Ausdrucksfähigkeit verlangen. Es gilt nun aber über das übliche Maß hinaus der besonderen Situation des jüdischen Kindes Rechnung zu tragen, das heute in eine Welt hineingestellt ist, ohne zu wissen, ob seine spätere Wirkungsmöglichkeit im gleichen Umkreis wird bleiben können. Die Folgerung hieraus ist die Erziehung zur Mehrsprachigkeit, die wir auch bei unsern Volksschulkindern wenigstens in beschränktem Unifange erreichen müssen. Englisch und Hebräisch werden in den meisten Fällen notwendig sein, eventuell aber auch Französisch oder Spanisch. Jeder Sprachunterricht mit seinem notwendigen Quantum Grammatik und seiner Uebersetzungsarbeit fordert nun aber ebenfalls eine exakte Kenntnis der Grundsprache und ihrer Bed'ngungen. Man wird gut tun, hier soweit als möglich vergleichende Sprachbetrachtung zur Arbeit heranzuziehen, die dem Kind oft das Lernen erleichtert und manche mnemotechnischen Hilfen gewährt. Man wird eine besondere Bedeutung der Uebersetzungstechnik beimessen, um das Kind beizeiten an eine Mehrsprachigkeit zu gewöhnen. Neben der vergleichenden Sprachlehre, die natürlich auf der Unter- und Mittelstufe in primitivster Form dargeboten werden muß, bleibt für die Oberstufe noch ein weiteres Vergleichsmoment aus der Entwicklung der deutschen Sprache übrig, nämlich den besonderen Weg des Jiddischen in seiner kulturellen Bedeutung zu erläutern. Es gilt hier dem jüdischen Jugendlichen klarzulegen, daß aus der alten Sprachstufe des Mittelhochdeutschen ein Gebilde durch Erstarrung und Vermischung mit slavischem und hebräischem Sprachgut entstanden ist, das als eigene Sprache weiterwuchert und heute noch von etwa V5 der Weltjudenheit gesprochen wird. Dieses Problem, für das eine leichtfaßliche didaktische Darsteilungsweise noch zu erarbeiten sein wird, stellt auch schon einen Uebergang zur stoff- und geistesgeschichtlichen Seite des Problems dar. Man sieht hieraus, daß auch die philologisch-grammatische Linie des Deutschunterrichtes von ganz besonderem Belang für unsere Schulen werden kann, wenn man sie unter diesen neuartigen Aspekten betrachtet. Noch problemi eicher ist die Frage der literarischen Stoffauswahl und Stoffbehandlung, die ja einen wesentlichen Bestandteil des Deutschunterrichtes ausmacht. Auch hier wird zunächst " eine unmittelbare Orientierung an den amtlichen Lehrplänen erfolgen müssen, um altersmäßig die Stoffgebiete abzugrenzen. Ob man hier ein besonderes Intelligenzniveau beim jüdischen Kind anzunehmen hat, ist eine psychologisch umstrittene Frage, die bei den Volksschulen eher zu verneinen ist. Daß eine Reihe von historischen und stammesmäßigen Stoffen in den Hintergrund zu treten hat, versteht sich von

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