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Jüdische Schulzeitung · 1936-08-01 · 8 (1.8.1936) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
8 (1.8.1936)
Date
1936-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer 8 timentalität sind, herausgelassen wurden, ist das neue Lesebuch in der Tat zum getreuen Spiegel der Auffassungen geworden, wie sie diese Zeit in Deutschland hat reifen lassen.. Die Bearbeiter des Lesebuchs haben strenge Anforderungen nicht nur an den Inhalt der Lesestücke gestellt, sondern auch an das sprachliche Gewand. Für ein Literatendeutsch gaben sie keinen Raum; dagegen für eine volkstümliche Hochsprache, wie sie verkörpert wird von dem Edelgut deutscher Schriftstellerei, das seinen Platz nun schon Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hindurch in deutschen Volksbüchern behalten hat (Proben von Claudius, den Brüdern Grimm, Hebel, Unland u. a.). Mit Vorsicht, aber nicht ängstlich, haben die Herausgeber auch das Schrifttum aus der jüngsten Gegenwart zu Worte kommen lassen, der Zukunft überlassend zu entscheiden, was gültig bleiben werde oder nicht. Durchaus neuartige Wege sind gegangen worden bei der Bebilderung des Lesebuchs. Peter Seidensticker hat in einem Aufsatz*) über diese Seite der Arbeit u, a. folgende Forderungen aufgestellt: Bilder für Kinder müssen der kindlichen Auffassungsmöglichkeit entsprechen. Die Bilder eines Lesebuchs sollen Quellen sein; sie müssen dem Wesen eines deutschen Lesebuches entsprechen; sie müssen ehrlich in Gestaltung und Technik sein und erscheinen; sie müssen reich in ihrer Auswertbarkeit sein. Um diesen Forderungen zu entsprechen, entschlossen sich die Bearbeiter zum Rückgriff auf Holzschnitte und Kupferstiche aus der mitelalterlichen Zeit. Das Staatliche Kupferstichkabinett zu Berlin beaufsichtigte die Herstellung der Klischees nach Originalen aus seinen reichen Beständen. Das Lesebuch enthält so eine Fülle künstlerisch und technisch hervorragender Bilder von hohem erzieherischem Werte. * Das Lesebuch wird in unsern jüdischen Volksschulen auch in Zukunft zu den wichtigsten Schulbüchern gehören. Es wird nicht nur den Uebungsstoff liefern, an dem die Kinder dauernd die Lesefertigkeit erproben und das sprachliche Gewissen schärfen; es wird darüber hinaus einen beträchtlichen Teil der Bildungsarbeit überhaupt mitförderh helfen. Indem das Lesebuch wertvolle Proben schöpferischen Bemühens an die Kinder heranbringt, führt es sie mitten hinein in die Welt des Geistigen und hilft mit das Personhafte der jungen Menschen prägen. Seit der Zeit, da die Juden in den Kulturkreis der deutschen Umwelt eingetreten sind, hat das allgemeine Lesebuch in dem hier umrissenen Sinne auch der jüdischen Schule seine Dienste geleistet. Das neue Buch will, soweit die sprachliche und literarische Seite seiner Aufgabe in Frage steht, eine alte Tradition fortsetzen. Indem seine Schöpfer aber das rein Stoffliche, der Lesestücke in strenger Folgerichtigkeit so auswählten, daß das Ganze eine Weltanschauung repräsentiert, die der Natur des deutschen Menschen gemäß ist, hoben sie ihr Werk in eine Ebene, in der der jüdische. Mensch als Glied einer besonderen Gemeinschaft nicht steht .und nach dem Willen der maßgeblichen Instanzen nicht stehen darf. Dabei ist es unerheblich, festzustellen, ein nicht geringer Teil des Lesebiuchinhalts vermöge auch die Seele, des jüdischen Kindes zu ergreifen. Nicht das Prinzip des Auswählenkönnens gilt hier, sondern die Entscheidung, die das Taktgefühl uns Juden fällen heißt: Für uns ist das neue. Lesebuch nicht geschaffe%n; wir haben Distanz zu halten dem Ganzen gegenüber. ■ - Handelte es sich nur darum, von dieser Entscheidung her einen Weg zu suchen, der uns als Menschen, die dem Kulturkreis der Umwelt auch fernerhin verhaftet bleiben, über die Schwierigkeiten im Hinblick auf das Lesebuch hinwegführen könnte, so ließe sich die Situation wohl leicht meistern. Denn noch besitzen wir die bisher eingeführten Lesebücher, noch können wir sie, soweit die Mittel reichen, von Verlegern und Buchhändlern beziehen. Zur Not auch ließe sich geeigneter Lesestoff, in hinreichender Menge in Lesebögen gesammelt, be- *) Deutsche Volkserziehung, Heft 1/2 1936. " schaffen. Allein es drückt uns eine Problematik, die herrührt von unserer Existenz als Juden, die ihr Eigenleben in einem stärkeren Maße zur Entfaltung bringen. möchten als in. der Vergangenheit, die aber immer noch des literarischen Schatzes entbehren, aus dem her dem Trieb zu kräftigem Wachstum Nahrung zufließen könnte. Es mag angesichts der gewaltigen Fülle jüdischen Schrifttums absurd klingen, wenn behauptet wird, dem jüdischen Kinde fehle die spezifisch jüdische Lektüre. Und dennoch ist es so. Man prüfe, strengen Maßstab anlegend, die Versuche, die früher unternommen wurden und heute fortgesetzt werden-, geeigneten Lesestoff für jüdische Schulen zusammenzustellen, und man wird finden, daß sie alle ohne Ausnahme im Ganzen nicht geglückt sind und auch gar nicht glücken konnten. Dieser Tatbestand darf nicht auf eine etwa vorliegende Unfähigkeit der Bearbeiter zurückgeführt werden, sondern vielmehr auf das Fehlen der Voraussetzungen für das Vorhandensein guter für die Schule brauchbarer jüdischer. Literatur. Eine volkstümliche, das heißt eine der Jugend ' gemäße Literatur wächst nur aus einer Menschengemeinschaft hervor, die von einem lebendigen Volksbewußtsein erfüllt ist. Uns Juden in Deutschland ist dieses Bewußtsein seit mehr als hundert Jahren verloren gegangen; wir haben keine eigene Geschichte mehr gelebt und stehen so im Gegensatz zu jenen Teilen der Diaspora, in denen die Juden noch im Vollbesitz ihres Volkstums leben und diesem Faktum in schöpferischer Arbeit Ausdruck verleihen. * Auf der Suche nach „jüdischer" Literatur ist allerlei Verwirrung entstanden und infolgedessen manch bedenkliche Verkrampfungserscheinung zutage getreten. Man durchsuchte die Werke älterer und' jüngerer jüdischer Autoren, die zwar das deutsche Schrifttum gemehrt haben, deren Beziehungen zur jüdischen Geisteswelt indes häufig nur lose waren. Nun ist es durchaus in der Ordnung, wenn der jüdischen Jugend gute Proben aus dem Schaffen jüdischer Dichter und Schriftsteller vorgelegt werden. Ein verhängnisvoller Fehlgriff aber ist es, wenn minderwertige Erzeugnisse nur deshalb in Sammlungen aufgenommen werden, weil ihre Verfasser Juden sind, oder weil sie Motive aus dem jüdischen Leben behandeln. Beinahe alle unsere jüdischen Jugend- und Lesebücher sind infolge dieses Mißgriffs in eine allzu intime Nähe zur Kitsch-Literatur gerückt worden. Es ist ein Glück, daß die heranwachsende Jugend mit einem guten Instinkt begnadet ist, der sie. beim Lesen begleitet. Mag immer sie auch über die Zehn-Pfennigs-Schmöker herfallen, weil sie von deren Inhalt in Spannung gehalten wird, so ist sie sich doch sehr wohl dessen bewußt, daß es hier nicht um die Frage ernster Geschmacksentscheidung geht. Sie reagiert zwar nicht immer positiv auf das künstlerisch Gute, wohl aber mit Ablehnung auf das Minderwertige — und auf das Wertvolle, sofern es in Form und Inhalt Ansprüche stellt, die nur vom gereiften Menschen erfüllt werden können. Jüngst hat ein Lehrer in einem Berliner Blatt sich mit dem Deutschunterricht beschäftigt. Er verlangte, man solle die Werke der. beiden Zweig, Jakob Wassermanns, Max Brods, Bubers und Franz Rosenzweigs in entsprechender Auswahl in der Schule behandeln. Welch eine Ueberschätzung der Möglichkeiten! Es dürfte schwer fallen, auch nur einen Satz beispielsweise aus Rosenzweigs Aufsätzen und Briefen herauszufinden, der sich zur Besprechung vor einer Schulklasse eignete. So edel und aufs sorgfältigste geschliffen auch die Sprache Stefan Zweigs und Martin Bubers ist, die Sprache, in der das Schrifttum dem Kinde begegnen soll, ist es nicht. Man prüfe einmal die Prosa und die Poesie Heines auf ihre Brauchbarkeit im Unterricht hin. Weder die Schilderung des Aufstiegs zum Brocken in der „Harzreise", noch die des Sederabends im „Rabbi von Bacherach", zwei Stücke, die wir häufig in Lesebüchern finden, genügen den Anforderungen, die an Prosa für Schulzwecke zu stellen sind. Auch die Ausbeute aus Heineschen Gedichten ist geringer, als gemeinhin angenommen wird. Das Gleiche gilt übrigens auch von den Schriften einer Reihe nichtjüdischer Dichter bis hinauf zu Schiller und Goethe, aus

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