Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 4 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nummer .4 J üd-i s che , S c h u 1 z e i t u n g Seife 7 nur.in der Theorie!) hervorgehoben. Ganz selten in dem Buch des evangelischen Universitätsprofessors,, häufiger in dem katholischen Kommentar.. Aber es geschieht bei beiden Autoren mit Takt und Zurückhaltung, ohne jede Gehässigkeit Die Fluchworte des . 137. Psalms, die den älteren christlichen Erklärern so oft Anlaß, gegeben haben zu einer sehr unangebrachten Ueberheblichkeit, finden bei beiden Erklärern Verständnis. So schreibt z. B. Hans Schmidt: „Ein grausiger Gedanke, eine Glut des Hasses, vor der wir erschauern. Aber was der Gefangene hier, auf die Häuser der fremden Stadt hinblickend, wünscht, das hat er — er sagt es selbst — in der eigenen, als man. ihn fortschleppte, mit Augen gesehen. Wir wissen, daß es Höheres gibt.als solchen vergeltenden Haß, aber wer wollte dem, den er erfüllt, sein Mitgefühl versagen, wer wollte die wilde Schönheit verkennen, in die er in diesen Versen gekleidet ist." Derselbe Autor hatte schon in seinem während des Weltkrieges erschienenen schönen Psalmenbüchlein geschrieben: „Es ist „Vergeltung", was dieses Lied der Gefangenen will. Wir hören es mit tiefem, mitfühlendem Empfinden." Wer tiefer in das Verständnis der Psalmen eindringen will und die wissenschaftliche Arbeit der Alttestamentler an den Universitäten kennen lernen will, wird gern ein Werk wie das von Hans Schmidt in die Hand" nehmen. Aber es ist auch wertvoll zu wissen, wie eine anders geartete Frömmigkeit ihre Nahrung aus den Psalmen zieht. Mit einer etwas abgerundeten Zahl meint Edmund Kalt, daß die Psalmen das liturgische Gebetbuch der Kirche geworden und durch zwei Jahrtausende geblieben sind, sei „ein offenkundiges Zeichen einer unzerstörbaren Lebenskraft, die den biblischen Gesängen innewohnt. Es ist ein Hauch von der Unsterblichkeit Gottes, dem sie dienen." Daß das fromme Judentum das Buch Tehillim seit dessen Entstehung als Gesang- und Andachtsbuch der Gemeinde und; des einzelnen als unverlierbaren Schatz hütet, wird Edmund Kalt sicher wissen. Vom Humor in der Scbulstübe Von Johannes Wolff-Bcrün . Die Zeit, in der wir leben ist ernst. Unsere Erziehungsarbeit an der Jugend von heute und für ein lebendiges Judentum von mprgen ist sehr schwer. Wenn einzelne verdrießlich werden — wer wollte sie deshalb verurteilen? Die Aufgabe des jüdischen Lehrers aber ist in unseren Tagen die: dafür zu sorgen, daß die Generation, die heranwächst, neben dem vielen und notwendigen an Wissen auch das noch lernt: zu lachen, herzlich zu lachen! In den Elternhäusern wird zu wenig oder falsch gelacht. Aeußere Umstände haben die Eltern verbittert; sie schmollen mit Gott und den Menschen, sie schelten ausgiebig und auf al' les — und meinen es doch im Grunde ihres Herzens nicht schlecht wind gewiß nicht mit ihren Kindern. Aber das natürliche, frohe, herzliche Lachen, das kennen sie nicht (oder nicht mehr) und können es darum nicht ihre Kinder lehren. Mütter lächeln manchmal; es ist meist ein schmerzhaftes Lächeln, unverständlich für Kinder. Dieses Lächeln setzt voraus Erinnerung an ein fernes Glück und die kaum sich selbst eingestandene Hoffnung, ähnlichen Situationen noch einmal im Leben zu begegnen. Das Lächeln der Väter aber zeigt zumeist zynische Züge. Sie haben den Glauben an das Große verloren. Sie glauben nicht, daß Gott auch in diesen Tagen lebt und wirkt und Wunder schafft. Sie lächeln selbst über das Erhabene; denn sie verstehen es nicht. Und wenn sie lachen, dann ist es kein Lachen, das befreit. Man hört das Zähneknirschen hindurch. Wenn ein Humor dabei ist — dann nur Galgenhumor. Die jüdische Schule muß bewußt eine Pflegestätte der Lebensbejahung und der Lebensfreude sein. Es darf kein Unterrichtstag verstreichen, an dem meine Klasse nicht auch herzhaft gelacht hätte. Diesem Leitsatz will ich treu bleiben, solange mir jüdische Jugend in Obhut gegeben ist. Durch, die Zeitung -geht, eine Meldung, wonach ein Arzt seine ganze Therapie auf Lachen baut- Ich weiß nicht, wie weit organische Störungen durch seine eigenartige Behandlung wirklieh zu beseitigen sind: Daß Lachen jedöcl seelische. Gesundung bringen kann, dürfte wohl unbestritten sein. Die Elterngeneration ist zu gallig. Nach ihren Erlebnissen und Enttäuschungen wohl verzeihlich. Wir aber haben die Jugend davor-zu bewahren, daß sie alle Bitternis kostet — ohne das Schöne, das Wahre, das Große und Erhabene auch nur wahrzunehmen oder zu ahnen. Dem Schönen in der Welt soll sich ihr Auge öffnen, dem Wahren sich ihr Herz auftun, für Großes sollen sie sich begeistern und sich vor dem Erhabenen in Demut beugen! Literatur- und Kunstunterricht, eingehende Beschäftigung mit dem Buch der Bücher und ein gediegener Geschichtsunterricht werden in erster Reihe jenen Zielen dienen. In welchem Zusammenhang steht hierzu aber die Forderung: Mehr Humor in die jüdische Schulstube!? Dem Humor fällt einmal die Aufgabe zu, die oben dargelegt wurde: zu kompensieren und zu neutralisieren. Dann zusätzlich die mehr propädeutische: den Weg freizulegen für die größeren Erkenntnisse. Und für tief wurzelnde Gefühle im Reich der Seele und des Herzens zu rigolen. Humor ist einmal definiert worden als die Fähigkeit: „Mit dem einen Auge zu lachen, wenn das andere weint". Humor entbehrt nie der Weisheit. Darum ist die Forderung vom Humor in der Schulstube nur sehr bedingt zu erheben. Aber für die Oberstufe hat sie ihre Geltung. Für die Unter- und Mittelstufe wird man sich begnügen müssen mit billigeren Verwandten des Humors, mit Komik und Witz. (Nie jedoch darf Ironie, Sarkasmus oder Spott die Schwelle der Schulstube überschreiten!) Es bietet sich in fast jeder Stunde und bei fast jedem' Stoff Gelegenheit, dem Frohsinn seinen Tribut zu zollen. Das soll nun nicht etwa heißen, alles ins Lächerliche zu zerren. Nein — der taktvolle Lehrer soll in seinem Unterricht und durch sein Vorleben zeigen, wie eine freie, ungezwungene Heiterkeit des Herzens sich stets verbinden kann mit den größten Gedanken. Und unsere Religion, zu der wir uns in diesen Tagen mehr als je besinnlich zurückfinden, darf nicht an die Kinder herangebracht werden mit düsterem Gemüt- Sie will ja Licht bringen in die Finsternis! Wenn ein reines Lachen den Mund unserer Jugend umspielt, dann ist das fast Gottesdienst. Unser biblisches und nachbiblisches Schriftum scheut sich nicht, Situationen, die komisch oder drastisch sind in ihrer Art, kunstvoll aber ungekünstelt zu schildern. Szenen zwischen Jakob und Esau, die Figur Labans, Elia auf dem Karmel, Bilder aus der Purimgeschichte sind in bewußter Humoristik gezeichnet und verlangen auch eine solche Darstellung. Wortspiele und £ahlenspiele aus allen Epochen jüdischen Schrifttums zeigen, daß jüdische Geistigkeit niemals das irdische aus ihrem Blickfeld verlor. Von den höchsten Höhen des Gedankenfluges zur nüchternen Umwelt zurück führte die goldene Leiter des Humors. Erst eine falsche Geistigkeit und der vernebelte Blick für die Realitäten) jüdischen Lebens schufen jene Abarten und Unarten des jüdischen Witzes und der jüdischen Selbstironie, die wir bei unserer Jugend bekämpfen sollen. Hier steckt eine Gefahr, gegen die wir uns zu wehren haben. Die beste Verteidigung aber bleibt der Angriff. Scheuen wir uns nicht: verscheuchen wir das Ungesunde durch gesundes Lachen! Wenn Lehrer und Schüler sich auf der Plattform natürlicher Freude treffen, kommen sie sich näher. Herzhaftes Lachen verbindet! Man komme niicht und sage, daß die Disziplin darunier leide. Im Gegenteil: lachen entspannt! Und ich behaupte, daß die Klassen nie aufmerksamer und aufnahmefähiger , waren, als wenn ihnen diese Art der Entspannung gegönnt war. Kein Lehrer kann dulden, daß eines seiner Schulkinder über körperliche und seelische Gebrechen änderer lacht, nicht über den, der da hinkt, noch über den Stotterer u. a. m. Schadenfreude, verbieten wir mit gutem Recht. Wir dürfen jedoch nicht nur verbieten, sondern müssen an Stelle der Verbote etwas Konkretes setzen. Wenn wir ihnen das unmotivierte und falsch motivierte Lachen nehmen — dann müssen wir ihnen das kultivierte Lachen dafür schenken-