Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 3 (1.3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 3 guten Menschen zu machen. Sondern hierzu braucht es „unendlicher" Zeit, d. h. ich weiß nicht, ob er morgen oder nie es werden wird, und ich habe so zu arbeiten, als ob der kritische Augenblick, wo es sich entscheiden muß, eben jetzt im Augenblick da ist. („Unendlich" heißt nämlich nicht, „sehr spät", sondern unabhängig vön der Zeit, also eher zu übersetzen mit „gleich" als mit „sehr spät".) „Distanz und Ehrfurcht vor dem Werdenden wird hier gefordert; denn das zudringliche Zutappen und die aufdringliche Vertraulichkeit, die. dem Werdenden eine Entscheidung, aber eine durch und durch erzwungene, also unechte Entscheidung abzwingt, schadet der Entwicklung. Sie verhindert das freie Wachsen und die freie Wahl und bringt den Zögling in eine schiefe Situation, aus der er früher oder später entläuft, je nachdem der suggestiv zwingende Einfluß wegfällt oder durch einen anderen in andrer Richtung wirkenden abgelöst wird ... Auch Fragen der Unterrichtsmethode beschäftigen ihn: „Der gute Schulmeister verwendet die meiste Zeit darauf ... die Frage einzuhämmern. Daß man im Hören glaubt, alles zu verstehen, ist sehr nebensächlich und vorübergehend; beim guten Unterricht bleibt das Problem in einem hängen und immer, wenn man daran denkt, fällt einem die Lösung dazu wieder ein; man hat da eben (wenn auch nur reproduktiv) denken gelernt . . ." Die Themen der Briefe sind mannigfaltig und solche, die das Leben an jeden Menschen heranbringt; aber die Art, wie Rosenzweig sich ihnen stellt, ist einzigartig, in einer heroischen, sich herbe gebenden Innerlichkeit. Mit unermüdlicher Geduld und Liebe versucht er den Eltern sein Anderssein begreiflich zu machen und die drohende Entfremdung aufzuheben. Die Trostbriefe an die von Kummer zermürbte Mutter, die durch den Tod des Gatten jeglichen Sinn des Lebens zerstört sieht, sind das Tiefste und Trostreichste, was es überhaupt gibt. Man ist versucht zu zitieren, aber diese Briefe in ihrer herrlichen beispielgebenden und beispielhaften Haltung lassen sich durch Zerpflücken nur der Atmosphäre berauben, die ihr Eigenstes ausmacht. Was diese Briefe von anderen unterscheidet, ist, daß sie — so merkwürdig es klingt — aus der Subjektivität des Schreibenden und Empfangenden in eine für alle gültige Objektivität hinübergleiten und sich gültig erweisen als Halt und Trost über Anlaß, Tag und Stunde hinaus. Die Auseinandersetzung mit seinen Freunden gilt der Verkündung der Wahrheit, der Wahrheit, die sich im Tun bewährt. Er ist seinen Freunden Erzieher und Führer. Eine überreiche Fülle von wertvollstem Geistesgut erhellt Denken und Leben; aber die originellsten Gedanken zeigen sich da, wo sein religiöses Genie sich offenbaren kann. Einige dieser Gedanken, die Endschlüsse großer Gedankenketten darstellen, sollen vorgelegt werden, um den verschwenderischen Reichtum anzudeuten, der sich in den Briefen birgt. Wenn heute mit dem Begriff „Erlebnis" (seit Rudolfs Ottos Buch „Das Heilige") ein solcher Kult getrieben wird und ein Heimkehren zu den jüdischen Quellen gerade von geistig hochstellenden Juden durch die protestantische Haltung der Gesinnungsüberprüfung erschwert wird, so weisen die hellsichtigen Worte Rosenzweigs den Weg zur besseren Einsicht; nicht daß er das Erlebnis als belebendes Element oder als öffnenden Zugang beiseiteschieben möchte oder seinen Wert mindern möchte; seine Erkenntnis setzt nur das Erlebnis und den Wert des Erlebnisses an die rechte Stelle. Ich zitiere, jetzt mehrere auseinanderliegende Stellen, die sich bequem zu einer einheitlichen Gedankenführung zusammenfugen. „Im großen Augenblick liegt eine Verpflichtung, nicht die zu neuen großen Augenblicken — das wäre frivol — sondern dazu, daß die kleinen Augenblicke, die dann folgen, die großen nicht verleugnen, sondern in ihrer Weise, also ruhig in „einer" Weise bewähren. Sonst würde der Mensch nach seinem großen Augenblick hinweggenommen werden. Wenn das nicht geschieht und wenn er weiterlebt, so ist das Gewähr genug dafür, daß ihm aufgetragen ist, die Erinnerung des großen Augenblicks durch die kleinen hindurchzutragen und das Große im Kleinen zu bestätigen. Eine andere Gewähr gibt es nicht, aber, eine andere braucht es auch nicht." . . . „Das Jüdische ist keine Gefühlssache. Das ist eine "Verwechslung mit dem Christlichen; Das ist nämlich Gefühlssache. Das „Gefühl" haben wir im „Blut". Alles andere muß zunächst ganz unromantisch behandelt werden, ganz nüchtern. Das, was die Christen „Erlebnis" nennen und worauf sie für sich mit Recht solchen Wert legen, dieses persönliche Erlebnis des Einzelnen — das haben wir nicht nötig. Wir haben das, was der Christ erst im Leben eines Tages erleben muß, schon von Geburt an und durch die Geburt im Blut. Das „Erlebnis" liegt vor unserer Geburt irgendwann in der Vergangenheit unseres Volkes. Wollen wir „erleben", wie der Christ „erlebt", so müssen wir jenen Augenblick der Vergangenheit nacherleben: jeder sehe sich so an, als ob er selbst aus Aegypten gezogen wäre. Christlich ist das Hinemreißen des Vergangenen in das heutige Erlebnis, jüdisch das Her eingehen in das vergangene Erlebnis, das Sich-Erinnern. .Daraus folgt, was wir zu tun haben. Nicht warten, daß das Erlebnis in uns aufwacht, sondern zurückgehen in das schon erlebte Erlebnis unseren Bluts. Keine Sentimentalität* also! Keine Sorge um die Keuschheit des Erlebnisses — das ist alles christlich; der Christ muß mit der Kawanna anfangen; wir fangen ganz unsentimental an mit Mizwo beziehungsweise mit Talmud Toralernen in irgendeiner Form; die Kawanna kommt dann schon." < Zum Schluß möchte ich kurz darstellen, was Rosenzweig über das gläubige Vertrauen auszusagen hat. Die Sorge stört jeden Augenblick des Daseins und zerstört alle Möglichkeiten der Gegenwart. Wir leben für die Zukunft, also leben wir nie der Gegenwart. Der Glaube aber an den g'ttlichen Grund des Schicksals nimmt die Sorge weg; nicht die Besorgung dessen was uns zur Besorgung aufgetragen ist, aber die Sorge als Grundhaltung. „Es steht nichts in unserer Macht als der jeweils unmittelbar nächste Schritt, „die Forderung des Tages", nur ihr gilt das „Du kannst, denn Du sollst". Schon für den morgigen Tag braucht man die ganze Kraft des Vertrauens, um nicht zu verzweifeln." . . . „Die ganze Kunst des Lebens steckt wohl darin, in jedem Augenblick immer das Nächste, immer nur den Anfang zu wollen und das Ende G'tt befohlen sein, zu lassen (im redensartlichen und im ernsthaften Sinn der Redensart) , . . Man muß das Nächste so tun, als gäbe es weiter gar nichts. Es gibt auch weiter gar nichts. Schon das Uebernächste gehört uns nicht mehr an." Wer gläubig die über aller Auseinandersetzung stehende g'ttliche Fügung des Schicksals als g'ttlich anerkennt, der fügt sich nicht widerstrebend einem Zwang, sondern er gibt sich der Fügung hin, weil er weiß, daß sie höher ist als unsere endliche Einsicht; denn der echte Glaube ist Vertrauen in die ewige absolute Begründitheit der Schickung. Mißtrauen entsteht nur da, wo das Leiden als Schickung einer endlichen Macht empfunden wird. Vertrauensvoller Glaube bejaht das Schicksal. Darum bewährt sich der vertrauende Glaube erst, wenn das Schicksal unseren Wünschen entgegentritt. „Ahnungen über mein persönliches Schicksal habe ich nie gehabt, hingegen habe ich Grund zu glauben, daß Goethe Recht hat „unsere Wünsche sind Vorgefühle unserer Fähigkeiten", und dadurch habe ich eine Art blinder Gewißheit über mein jeweils zukünftiges Tun, aber nicht über mein zukünftiges Leiden, in bezug auf dieses habe ich statt „Ahnung" Vertrauen". . . . Auch der Gläubige leidet am Uebel; aber seinem Leiden fehlt der unfruchtbare und lähmende Protest. Er nimmt das Uebel als gegebene Aufforderung zur Leistung, und er vollzieht diese Leistung als ein von G'tt dazu befohlener Kämpfer. Daher fehlt ihm auch die gänzlich unfruchtbare Frage: Warum. Er weiß ja, daß die Schickung mit ihrem Guten nud Schlimmen Geheimnis ist, aber g'ttliches Geheimnis, also begründet. Weshalb fragen wir nicht „warum", wenn es uns gut geht? Vergebens suchen wir in den Briefen die Frage des Warum, die Frage Hiobs. Sie wird nie gestellt. Das Leiden wird in einer heroischen Selbstverständlichkeit getragen, die für uns Klein- und Schwachgläubige beinahe über jedes Begreifen geht. Und so legt man am Ende den Band aus der Hand in der wehmütigen Trauer darüber, daß ein solcher Mensch dieser Welt, die ihn so nötig „brauchte", nicht lange dienen durfte: