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Jüdische Schulzeitung · 1935-12-01 · 12 (1.12.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
12 (1.12.1935)
Date
1935-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nummer 12 Jüdische Schulzeitung Seite 7 kam Qutmann auf das Mindener Realgymnasium, das er bis zur Versetzung nach Prima besuchte. Im Münsterschen Seminar wurde er dann zum Volksschullehrer ausgebildet. Als Religionslehrer und Kantor-in Gera (1885—1888) fand er Gelegenheit, im dortigen Realgymnasium sich auf die Reifeprüfung vorzubereiten, die er 1888 bestand. Es folgten dann die Universitätsjahre in Berlin. Er studierte neue Philologie und Germanistik. Nach seiner Promotion in Halle (1892) wurde er Erzieher am Reichenheimschen Waisenhause und Lehrer an der 5. Religionsschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sein schon vom Vater aufs beste begründetes Wissen in den Religionsfächern vertiefte er durch eifrige Studien an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Die Prüfung für das höhere Lehramt bestand er vor der Prüfungskommission seiner He.imatprovinz 1894. So aufs beste vorbereitet auf denTWege, den er mit seiner stillen, nachhaltigen Energie sich selbst gebahnt hatte, trat er seine amtliche Laufbahn an, die durch folgende Stationen bezeichnet wird: Leitung des Lehrerseminars in Münster (1895—1900), der Mädchenmittelschule in Berlin (1900—1911), des Lehrerseminars (bis 1925) und der Knabenmittelschule**) als Nachfolger unseres gemeinsamen unvergeßlichen Freundes Michael Holzman (1911 bis zu seiner Dienstaltersgrenze 1931). Nach dem Eingehen des Lehrerseminars leitete er die als Vorbereitungsanstalt im selben Hause gegründete Höhere Schule des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Trotzdem seine Amtspflichten ein gerütteltes Maß von * Arbeit ihm abverlangten, fand Gutmann doch immer die Kraft, im Ehrendienst unserer Gemeinschaft zu wirken. Jahrelang leitete er als Nachfolger Salo Adlers, dessen wir in Liebe und Verehrung gedenken, vorbildlich die Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Lehrer. Als Repräsentant der jüdischen Gemeinde wirkt er vom Standpunkt der liberalen Partei aus im Dienste der Gesamtheit. Auch seine Parteigegner werden anerkennen, daß dieser Mann sich den Blick frei hält für alle Notwendigkeiten jüdischen Lebens und^daß — auch schon in früheren Jahren — engherzige Parteipblitik nie seine Sache war. Bis vor einigen Wochen hat er in der Schillverwaltung der jüdischen Gemeinde über 3 Jahre an leitender Stelle eine arbeitsreiche und verdienstvolle Tätigkeit entfaltet, besonders zur Zeit der plötzlichen Umwandlung der Schulverhältnisse. Wie jeder Tüchtige, den seine Arbeit lehrt, was er kann, ist Gutmann sicherlich seines. Wertes sich bewußt, aber er kennt auch die Grenzen seines Könnens, und immer ist er geneigt anzuerkennen, was andere leisten, und Hochachtung zu hegen für wertvolle, wenn auch andersartige Betätigung. Seine oft rührende Zurückhaltung und Bescheidenheit — wohl ein Erbteil aus dem-Elternhause — läßt ihn vielleicht sein tieferes Verständnis und seine bessere Einsicht nicht so kraftvoll zur Geltung bringen, wie es gegenüber einer nur äußeren Autorität manchmal nötig erscheint. Rücksichtsloses Draufgängertum ist eben nicht seine Art. Die Wurzeln seiner Kraft senken sich tief in den Boden eines gesegneten Familienlebens, das in der Jugend ihn nährte und. am eigenen Herd beglückt. Liebe- und verständnisvoll umhegt von der Fürsorge einer still bescheiden wirkenden Frau, sieht er nun seinen Sohn in zeitgemäßer Ferne mit seiner tüchtigen, liebenswerten Gattin einen Wirkungskreis tapfer und klug sich erkämpfen. Wenn nun auch das liebe Enkelpaar nicht unter großeiterlicher. Obhut heranwächst, so ist doch auch die Entfernung nicht so groß, daß nicht manchmal Gelegenheit gegeben wäre, in Willkommen und Abschied des Lebens spannungsvolles, aber im Grunde doch heiteres Spiel zu durchkosten. **)In der Festschrift zur Feier des hundertjährigen Bestehens der Knabenschule der jüdischen Gemeinde 1925 hat Gutmann eine gründliche Geschichte dieser Anstalt geliefert und ferner zur Holzmanschen Geschichte des Seminars (Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens 1909) einen II. Teil verfaßt, der die weitere Entwicklung der Lehrerbildungsanstalt bis zu ihrem Eingehen (1925) darstellt. Gutmann wird in diesen Tagen sicherlich oft den von vielen so geschätzten Glückwunsch des otium cum dignitate hören. Die dignitas hat er immer gehabt, und sie wird ihn Zeit seines Lebens nicht verlassen. Aber Muße im Sinne von Ausruhen, das ist nichts für diesen tätigen Mann, der sich einer ganz seltenen Elastizität des Geistes und Körpers erfreut. Es wird ihm an Arbeit nicht fehlen. Die Lehrerwelt kann z. B. von ihm ein Buch erwarten, zu dessen Abfassung er besonders befähigt ist: eine Einführung ins Bibellesen. Es fehlt uns ein Werk, das die einzelnen Bücher der Heiligen Schrift in ihrer Besonderheit liebevoll charakterisiert, inhaltlich überschauend darstellt und zugleich über die wissenschaftlichen Ergebnisse auf diesem Gebiete objektiv orientiert. Junger Freund, gehen Sie an die Arbeit! Noch ein Siebzigjähriger Louis Meyer, früher in Lünen i. W. tätig, jetzt in Hannover im Ruhestand lebend, Freund und Studiengenosse Gutmanns, vollendete am V6. November sein 70. Lebensjahr. In Gestalt und im Geblüt ein Westfale, begabt mit markiger Sprechweise, die aus einem feinen Humor und aus einem gediegenen Schöngeisttum heraus sich entfaltet, ein vorbildhaft wirkender Lehrer und „Erwachsenenbildner", eine Führernatur von Format, so lebt Louis Meyer im Gedächtnis der vielen Schutzbefohlenen seiner Heimat und Gemeinde Lünen, der Schüler, der Freunde, der Berufsgenossen, die sein Wort willig aufnahmen, weil es das ehrliche Wort eines kämpferischen Menschen war, der allen etwas von Gewicht zu sagen halte. Der jüdischen Lehrerschaft Rheinlands und Westfalens war er lange Jahre hindurch im Vorstand ihres Vereins ein kluger zuverlässiger Berater, eine Weile auch ihr Führer. Dem Allgemeinen deutschen Lehrerverein gab er seine Kraft in der Jugendschriftenkommission. Man schätzte hier sein Urteil, weil es fundiert war durch Sachkenntnis und sichern literarischen Geschmack. Er ward den Lesern jüdischer Zeitungen kund in manchem Beitrag aus der geübten Feder Meyers. Die Versetzung in den Ruhestand führte diesen prächtigen Menschen hinweg aus seiner engeren Heimat. Wer immer auch eine Weile in Meyers Nähe durch das Leben gehen durfte, wird dem rüstig und wach gebliebenen Siebziger freundschaftlichen Gruß und Glückwunsch nach Hannover hinsenden. Möge ihm und seiner Gattin Ungemach fernbleiben! Ad mea weessrim schana! Persönliches | Hermann Becker"] Unser alter Freund Hermann Becker weilt nicht mehr unter den Lebenden. Als hochbetagten Greis hat man ihn vor wenigen Tagen zu Grabe getragen, und unser verehrter Verbandsvorsitzender Dr. Stern hat ihm namens der jüdischen Lehrerschaft noch deren innigen Dank für alles, was er für sie geleistet, ausgesprochen. Becker war einer der letzten, die an der Wiege des Verbandes gestanden und durch eine lauge Reihe von Jahren seiner Gründung die Wege geebnet haben. Als Mitglied des Vereins in den Provinzen Schlesien-Posen, sowie des Vereins jüdischer Lehrer der Ostprovinzen war er unermüdlich für den Zusammenschluß der jüdischen Lehrerschaft tätig und hat später fast an allen Tagungen des Verbandes teilgenommen. Auch als durch den Verlust der Provinz Posen er seine alte Wirkungsstätte Wollstein verlassen mußte und nach Berlin übersiedelte, blieb er unser allezeit treu bewährtes Mitglied. Einen persönlichen innigen Dank schulde ich noch dem langjährigen, stets zuverlässigen Mitarbeiter, der mir stets, wenn einmal eine Frage der jüdischen Schule oder des Standes in den „Blättern für Erziehung und Unterricht" der Bearbeitung eines besonders gründlichen Sachkenners bedurfte, treu zur Seite stand. Er wahrte uns die Treue bis in den Tod, wahren wir sie ihm über den Tod hinaus; sein Andenken sei und bleibe gesegnet! M. Steinhardt.

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