Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 11 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 Jü'dische Schuizeitung Nummer Ii schichte das einzige Gebiet wäre, das Gelegenheit zur Unterbringung heimatgeschichtlichen Materials böte? das heißt also, daß erst in den oberen Klassen von einer eigentlichen Heimatgeschichte die Rede sein könnte. Und doch dürfen Kinder der Mittel- und auch der Unterstufe auf diesem Gebiete nicht zu kürz kommen oder gar überhaupt nichts erfahren von Gemeinde-, gemeindlichen Einrichtungen und deren Entstehung. Eine Menge von Anknüpfungspunkten bietet sich auch für die unteren Jahrgänge: bei der Durchnahme der Patriarchen-Geschichte staunen meist die Kleinen über das hohe Alter der Urväter. Als mir ein Kind bei einer dieser Erzählungen spontan einmal zurief „Oh, so alt Verden aber die Leute heute nicht", da nahm ich auf diesen Zuruf die Gelegenheit wahr, uns einmal das Alter der Aeltesten meiner Gemeinde näher zu betrachten. Es gab eine recht lebhafte Unterhaltung, in deren Verlauf den Kindern zum Bewußtsein kam, daß wohl schon vor hundert Jahren Juden in Brandenburg gewohnt haben müssen, wenn beispielsweise der alte Herr Simon 98 Jahre art ist. (Es könnte sich um ein seit der Geburt am Platze ansässiges Gemeindemitglied handeln.) Noch größer wird ihr Erstaunen, wenn ich ihnen erzähle, daß Grabsteine auf unserm Friedhofe die Jahreszahl 1735 aufweisen, also — so folgern wir —müssen vor 200 Jahren in unserer Heimatstadt schon Juden gewohnt haben, bis die Kinder dann nach weiteren kurzen Ausführungen erfahren, daß die ersten Juden sogar um 1200 sich in Brandenburg angesiedelt haben. Die älteren Schüler führe ich zum Bes aulom selbst; nach der Erklärung der Namen Bes aulom und Bes hakwuraus lasse ich einige Kinder die Jahreszahlen von den Grabsteinen ablesen und ausrechnen, wann wohl unser Friedhof angelegt wurde. Ich erzähle von den ersten Judenfriedhöfen der Mark, die ursprünglich den Namen Judenkiewer führten, Erläuterung des Begriffs Kiewer als Ableitung vom hebräischen „keber*'. Wahrscheinlich bedurfte eine Stadt zur Anlage eines solchen Judenkiewers der landesherrlichen Erlaubnis, wie man es in Penzlau 1355 nachweisen kann. Die Stadt hatte dann, wohl die Pflicht gegen Abgaben der Juden für die Erhaltung der Anlage zu sorgen. Mit Ausnahme des ältesten Friedhofes in Frankfurt/Oder, der in der Damm-Vorstadt lag, finden, sich die .Judenfriedhöfe stets außerhalb der Stadt. Zu diesen Friedhöfen mußten die Juden ihre Toten aus solchen Städten, wo es keinen Friedhof gab, oft von weit her heranführen. Für das Begräbnis eines Juden war eine Abgabe an die betr. Stadt zu entrichten, wobei die Bestattung eines Fremden gewöhnlich höher eingeschätzt wurde, als die eines einheimischen Juden. Nach diesen Schilderungen entsteht unwillkürlich vor den Augen der Kinder im Geist ein Bild der früheren Schwierigkeiten für die Juden, Begräbnisplätze zu erhalten und der darin begründeten Tatsache der Sammelfriedhöfe mehrerer Gemeinden zugleich. Evtl. Hinweis auf Nachbargemeinden, in denen ein solcher Fall zutraf oder vielleicht noch zutrifft. Un- Bestellschein An den : Porto 3 Pf«. | Falls keine [Marke zur Hand, | unfrankiert in : den Postkasten ■ werfen! Porto trägt dann Empfänger. erläßlich ist in ,diesem Zusammenhange die Kenntnis vom Vorhandensein alter Friedhöfe am* Orte, die, soweit' sie noch . existieren, gemeinsam mit den Kindern besichtigt werden sollten. Soweit in den Stadt- oder Gemeindearchiven alte urkundliche Akten, Stadtbücher oder Protokolle,über Entstehung solcher alter Judenkiewer vorhandensind, sollten sie stets als Quellenstücke zur Ergänzung herangezogen und verwandt werden. In Brandenburg sind wir durch die vor einigen Jahren erfolgte Auffindung eines fragmentarischen Rats-Protokoll-Buches der Altstadt Brandenburg in die Lage versetzt, aus den Jahren 1490—1498, auch das Vorhandensein eines besonderen jüdischen Friedhofes in jener Zeit konstatieren zu können. Dieses Protokollbuch enthält einen Entwurf einer Abmachung zwischen dem Rat der Stadt und den Juden in bezug auf den Kiewer, den ihnen der Rat als Begräbnisplatz überlassen hat. In dem vor 2 Jahren im Ebering-Verlag erschienenen Werk von Dr. Werner Heise „Die Juden in der Mark Brandenburg bis zum Jahre 1571" befindet sich ein Quellen-, und Literaturverzeichnis, aus dem jeder Kollege ausführliches Material über die Geschichte seiner jüdischen Gemeinde auswählen kann. Ich komme auf dieses Buch bei einer anderen Gelegenheit innerhalb meiner Ausführungen noch einmal zu sprechen. (Schluß folgt!) Aus dem Lehrerverbend Verein jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover Auf der Jahresversammlung des Vereins sprachen Koll. Spier-Hannover über den Genesiskommentar von Benno Jacob und der Vorsitzende Koll. Löwenstein-Osterholz über die Arbeit des Vereins. Löwenstein-Osterholz wurde zum 1., Levisohn-Hannover zum 2. Vorsitzenden und zum Rechnungsführer wiedergewählt, ebenso Singer-Northeim a. H. zum Schriftführer. Hinzugewählt wurde Spier-Hannover zum stellvertretenden Schriftführer. Verein jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg Unsere für Bußtag (20. November) vorgesehene J a h r e S4 Versammlung wird auf unbestimmte Zeit vertagt. Die Mitglieder erhalten Sondernachricht. Der Vorstand I. A.: Guttmann. Verlag der Jüdischen Schulzeitung Gebrüder Neubauer Persönliches Allen, die mein anläßlich meines Amtsjubiläums gedacht haben, sage ich auf diesem Wege herzlichen Dank. Braun. * Im 38. Lebensjahre ist Dr. phil. Heinrich Speyer, Dozent am Jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau, plötzlich verschieden. Der Heimgegangene war in Frankfurt a. M. geboren. 1923-24 leitete er das hebräische Gymnasium in Kowno, bis 1930 war er am Jüdischen Reform-Realgymnasium in Breslau tätig und von 1933 ab lehrte er als ordentlicher Dozent am Theologischen Seminar. Nebenher entfaltete Dr. Speyerdne überaus segensreiche Tätigkeit im Dienst der Jugend und der weiteren jüdischen Oeffentlichkeit. Um den vielversprechenden jungen Gelehrten trauern neben seinen Angehörigen ungezählte jüdische Menschen,, denen er reiche Gabe aus seinem Herzen und aus seinem Geiste spendete. Sein'Andenken bleibe gesegnet. Ludwigshafen a. Rh. Schulstraße 14. Am Schemini Azereth ist der verdienstvoll im Verband wirkende Kollege J a f f e - Leipzig, 50 Jahre alt geworden. Er steht an der Spitze des Vereins isr. Lehrer Mitteldeutschlands und betätigt sich in ausgezeichneter Weise auf allen Gebieten des jüdischen Lebens. Mögen ihm die Kraft des Körpers und des Geistes noch viele Jahre erhalten bleiben!