Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 11 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite'4 Jüdische Sch u 1 z e-i t u.n g Niimmgrijl^ V. M. 5, 16 BR: „damit fortlangen deine Tage und dirs gut ergehe auf der Seholle..." Bb: „damit sich längern deine Tage... auf dem Boden." Das ist etwas schlichter. S'gulla (z. B. II. M. 19, V. M. 7, 6) übersetzen BR mit'„Sonderschatz", Bb hat dafür „Wesensgut". Grund der Aenderung ist einleuchtend, die Aenderung selbst kaum. All diese Einzelbemerkungen treffen nicht den künstlerischen Geist, in dem das Gesamtwerk dieser Uebersetzung gestaltet ist und den es atmet. Das ist sein Hauptreiz. Die eigenartige Sprachformung wird sicher auch in späteren Zeiten ihr Fesselndes nicht verlieren, und mancher Sprach- und Bibelforscher wird durch diese Besonderheit angezogen werden'. Aber wenn diese Verdeutschung breiteren Boden gewinnen soll — denn sie will ja in ihrem Wortbau nicht Seltenheits¬ oder gar Sonderbarkeitswert haben — muß sie schlichter werden. Es. ist unleugbar, daß die Tendenz zur Vereinfachung, keineswegs auf Kosten der Genauigkeit, in Bubers Neubearbeitung Bb zu spüren ist. Aber sie muß sich noch sehr verstärken. Ein großer "Verehrer der Uebersetzung, der gern durch Vorlesen einzelner Stücke für sie wirbt, sagte mir. daß er zu diesem /Zwecke für gewisse. Ausdrücke andere an den Rand schreibe, die er beim Lesen einfüge: um nicht durch Befremdendes zu stören. Es scheint mir empfehlenswerter; wenn das Buber selbst machte. BR weisen in ihren theoretischen Schriften oft auf Luthers Ae.ußerungen hin, besonders-dann, wenn dieser geniale Uebersetzer von der notwendigen Berücksichtigung der Eigenart des Hebräischen spricht; weniger zitieren sie aus dem Sendbrief vom Dolmetschen, \yo die Forderung, den Leuten auf das Maul zu schauen, sehr nachdrücklich vertreten wird. Noch einen zweiten Wunsch möchte ich äußern. Wenn Buber seine Uebersetzung vollendet haben wird (oder auch schon früher!), müßte er einen ganz knapp gefaßten Kommentar verfassen, der nicht nur die Wortwahl nach der formellen Seite begründet, sondern auch, was allerdings häufig damit zusammenfällt, die inhaltliche Auffassung erklärt. Der Kundige versteht wohl, warum z. B. Buber gegen die meisten Erklärer Jes. 57, 16 „von meinem Antlitz aus leibt er sich ein" und b'zachzachoth (Jes. 58, 11) „mit Köstlichkeiten" übersetzt. Aber seine Uebersetzung ist doch wohl auch für die Unkundigen geschrieben, die gerne belehrt sein wollen. Nach ali dem Gesagten bleibt mir nur übrig, mit dem Hauptwunsche, den sicher alle Leser dieser Uebersetzung hegen, zu schließen, mit dem Bibelworte V. M. 31, 7. 23: Chasak weemaz. Die Frühreife K. Kannenmacher, Äub. Die folgenden Darlegungen bilden die Fortsetzung und den Abschluß des Aufsatzes „Ueber das Einschulungsalter", der in Nr. 9 ner J. Sch erschienen ist. Die Schriftleitung. Nach Urteilen vieler und großer Pädagogen und Psychologen spielt das Problem der Frühreife beim jüdischen Kinde insbesondere in geistig-seelischer Beziehung eine nicht unwesentliche Rolle. Ich selbst verdanke die Anregung zur Bearbeitung dieses Themas einem sehr interessanten Falle aus meiner Schulpraxis, durch den ich meine Ausführungen illustrieren werde. . Wenn wir auch mit Recht dem siebenten Lebensjahre in jeder Hinsicht, sei es körperlich oder geistig und seelisch, eine hohe Bedeutung beimessen, so können wir doch nicht sagen, daß die Natur nun bestimmt hätte: Alle Siebenjährigen sind gerade reif zum Schuleintritt! Auch hierin bestätigt die Ausnahme die Regel. So kann neben den gewiß nicht zahlreichen Fällen, wo Schulreife und gesetzliches Mindest-Einschulungsalter in idealer Weise zusammentreffen, der noch seltenere Fall vorkommen, daß die Schulreife schon vor diesem Alter eintritt Hier wie dort spricht man dann von Frühreife. Da beispielsweise im Regierungsbezirk Würzburg der gesetzliche Einschulungstermin mit 53/4 Jahren beginnt, wäre es bei einem solchen im guten Sinne abnormen Kinde vom pädagogischen Standpunkte aus gerechtfertigt, es auch schon.-vor 53Ai Lebensjahren einzuschulen. Allerdings muß der Lehrer in der Beurteilung eine gewisse Vorsicht.walten lassen, denn der echten Frühreife steht täuschend ähnlich gegenüber, die scheinbare Frühreife. Das e c h t -frühreife Kind muß sowohl in seiner körperlichen als auch -geistigen Entwicklung so vorausgeeilt sein, daß es schon im 6. Lebensjahre dem Durchschnitt der Siebenr jährigen entspricht; Geist und Körper sollen also v o n Natur aus gleicherweise gut ausgebildet sein. Welche. Ursachen eine solche Frühreife hervorrufen, wird uns wohl ewig ein Rätsel bleiben; wir haben uns lediglich mit den Auswirkungen derselben zu befassen. Wenn wir auch nicht ganz bestimmt von vornherein wissen, ob das Wunderkind zu einem Genie oder einem gewöhnlichen Durchschnittsmenschen heranwachsen \\rird und wenn wir auch nicht ganz gewiß voraussagen können, ob sich die Natur eines solchen Kindes in aufsteigender Linie oder in der Richtung eines Kräfteverfalis entwickeln wird, so ist uns doch die Pflicht auferlegt, den Wissensdrang nicht durch verspätete Einschulung zurückzuhalten, sondern zu suchen, ihn „rechtzeitig, taktvoll .und ziel: strebig" zu. befriedigen.. _ Die scheinbare Frühreife tritt in zwei-Formen, auf: a) Es gibt Kinder, deren Geist zwar lebhaft arbeitet, während sie körperlich schlecht entwickelt sind, b) Doch häufiger finden wir solche, die sich auf Grund übertriebener gesellschaftlicher Schulung Erwachsenen gleichstellen wollen und die man gerne als altklug bezeichnet. Daß gerade unter, unseren jüdischen Kindern neben der echten Frühreife vielfach auch beide For7 men der scheinbaren Frühreife, besonders aber die letzere. (unter b) genannte) ziemlich häufig vorkommen, darf wohl als unbestrittene Tatsache gelten. Inwieweit wirtschaftliche und soziale Momente eine derartige Struktur des jüdischen Kindes bewirken oder ob diese mehr von Erbanlage und weniger vom Milieu abhängig ist, wird sehr schwierig zu entscheiden sein. Bemerken möchte ich aber noch, daß diese Form der Frühreife unter Stadtkindern im allgemeinen als keine seltene Erscheinung betrachtet werden kann. Sehr zutreffend charakterisiert Kröh diese „Altklugheit": .,Wo etwa Erwachsene ein Kind ständig in ihrer Umgebung haben, wo es sich schon früh an ihre Denk- und Urteilsweise gewöhnt, da fügt sich das Kind vorzeitig in die Werthaltung der Erwachsenen ein, übernimmt ihre Art Stellung zu nehmen, urteilt mit ihren 'Kategorien, teilt ihre Ideale und Forderungen. Altklugheit ist das unnatürliche Produkt solcher Beeinflussungen;-diese Form der Frühreife, die man nicht selten an 4—6jährigen beobachten kann, ist nicht Merkmal besonderer Intelligenz, nicht Folge des Wissens und Könnens, sie ist unkindliche Werthaltung. Darum tritt gerade auch in den Urteilen über Personen und menschliche Angelegenheiten diese Frühreife am deutlichsten in die Erscheinung." (Krön, Psychologie des .Grundschulkindes.) Welche Art oder Form der Frühreife wir auch ins Auge fassen, es handelt sich stets entweder um eine angeborene oder anerzogene Abnormität im psychophysischen Haushalt des Kindes. Ein Geschwisterpaar unter meinen Schülern liefert sowohl für den Begriff „echte Frühreife" als auch für den der „verfrühten Einschulung" ein gutes Beispiel: Beide Geschwister — mit einem Altersunterschied von 2 Jahren —^wurden im gesetzlichen Mindesteinschulungsalter, mit 53Ai Jahren ein-' geschult, denn beide sind auch im Monat Juli geboren! Der Knabe konnte beim Schuleintritt aber keineswegs als schulreif angesehen werden. Der betreffende Lehrer nahm ihn nur auL Bitten und Drängen der Eltern auf, während das um 2 Jahre jüngere Mädchen echte Frühreife, aufzeigte und noch heute aufzeigt. Nun das Eigenartige und Bemerkenswerte! Trotz des verhältnismäßig großen Altersunterschiedes ist die Schwe-