Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 10 (3.10.1935)
- Date
- 1935-10-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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?\~VZf£*?t&S-liJ>r--' -^-.»-.w . Nummer 10 Jüdisehe Schu 1 zeititng Seite 3 auf dem rechten Wege ist. Andere Gemeinden im Reich werden dem Beispiel der Hauptstadt folgen: Und damit erweitert sich das Tätigkeitsfeld der jüdischen Lehrer um ein Beträchtliches. Sie werden sich der Pflichten, die^zu den altgewohnten treten, nicht entziehen, ob gleich die Arbeitslast schwerer ist als je zuvor. Sie werden darüber hinaus als Glieder des großen Le'hrerverbandes. in ihrer Gesamtheit der andrängenden Frage der kommenden Lehrerbildung ihre Aufmerksamkeit zuwenden und im Verein mit andern Organisationen die Maßnahmen prüfen, die ergriffen werden müssen, um den neuartigen Aufgaben unserer Schule, deren Struktur noch nicht erkennbar ist, gewachsen zu sein. * - Einen Höhepunkt in dem dramatisch bewegten Geschehen, das unsere Gemeinschaft angeht, bilden die A n o r d n u n g e n und Gesetze, die von der Regierung und ihren Organen in den letzten Wochen zur Neuordnung des Verhältnisses zwischen dem deutschen Volke und den Juden erlassen worden sind, und deren Wirkung tief eingreift in unser gesamtes kulturelles Leben. Der Zusammenschluß aller Vereinigungen, die ihm Inhalt zu verleihen berufen sind, unter die Obhut des Reichsverb-and es- Jüdisch er Kulturbünde und unter die Kontrolle des Herrn Staatskommissars Hinkel hat die scharfe Abgrenzung' des geistigen und künstlerischen Schaffens von dem der Umwelt vollendet. Wenn auch die Schule und unsere Lehrervereine den Anschluß an den Kulturbund nicht zu vollziehen brauchten, so wird doch auch deren Bemühung aufs nachhaltigste durch die Neuordnung der Dinge angeregt werden, die Herausbildung einer in sich sicher ruhenden, innerlich ausgeglichenen jüdischen Gemeinschaft zu intensivieren. Auf der gleichen L'nie wie die Anordnung der Reichskulturkammer bewegen sich die einschneidenden Gesetze des Nürnberger Reichstages, die eine Entwicklung des Status der Judenheit zitm Abschluß gebracht haben, um dessen Erringung unsere Väter und Großväter leidenschaftlich gekämpft haben- Wir. die wir uns ihrer Errungenschaften erfreuen durften, treten nicht ohne das Gefühl tiefer Wehmut aus deren Banne heraus. Wir stehen vor der schweren Aufgabe, zu allem, was uns teuer gewesen ist, einen Abstand zu gewinnen. Es wird kein Akt des leichtherzigen Wegwerfens sein, den wir vollz'ehen müßten; die stille Liebe zu den hohen Werten deutscher Kultur wird in uns wach bleiben, auch wenn wir uns in die räumliche und seelische Enge unseres eigenen Lebensbezirks zurückziehen. Zugleich aber wird sich uns eine weite Sicht auftun in die Welt, die das Judentum vor uns hinbreitet. Indem wir Juden näher zueinander hinrücken, erschließt sich ganz von selbst die ungeheure Fülle dessen, was die Jahrtausende an seelischen und geistigen Schätzen innerhalb des Judentums hervorgebracht haben. Die jüdische Schule wird so ärmer und reicher zugleich werden. Sie wird bereit stehen, das große Erbe der Vergangenheit zu pflegen und zu mehren. * In diesen Tagen liegt ein hesondrer Ernst über den jüdischen Häusern. Die Jeme hateschubah, die lange Ze't hindurch an vielen jüdischen Menschen spurlos vorübergezogen sind, haben ihre Gewalt über die menschlichen Herzen wieder erhalten. Sie lenken unser Sinnen einmal wieder mit der alten Kraft auf das ewig gültige Wort der Bibel hin, und wir spüren von neuem die Wucht des Anrufs, den Jeschajahu an die Brüder und Schwestern ringsumher ergehen ließ: „Er gibt den Ermatteten Kraft, den Ohnmächtigen vielfältigt er Kernhaftigkeit. Jünglinge ermatten, ermüden. Rüstige straucheln und strauchln, aber die Sein narren, tauschen Kraft ein, wie die Adler treiben sie Schwingen, sie rennen und werden nicht müde, gehen zu und werden nicht matt." Die Pläne der Reichsvertretung Die Pressestelle der Reichsvertretung teilt mit: Die vom Reichstag in Nürnberg beschlossenen Gesetze haben die Juden in Deutschland aufs Schwerste betroffen. Sie sollen aber eine Ebene schaffen, auf der ein erträgliches Verhältnis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke möglich ist. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist willens., hierzu mit ihrer ganzen Kraft beizutragen. Voraussetzung für ein erträgliches Verhältnis ist die Hoffnung, daß den Juden und jüdischen Gemeinden in Deutschland durch Beendigung ihrer Diffamierung und Boykottierung die moralische und wirtschaftliche Existenzmöglichkeit gelassen wird. Die Ordnung des Lebens der" Juden in Deutschland erfordert die staatliche Anerkennung einer autonomen jüdischen Führung. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist das hierzu berufene Organ. Hinter ihr steht bis auf geringe Ausnahmen die Gesamtheit der Juden und jüdischen Gemeinden, insbesondere alle Landesverbände und alle Großgemeinden, sowie die freien jüdischen Organisationen Zionistische Vereinigung für Deutschland Centralverein der Juden in Deutschland Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Vereinigung für das religiös-liberale Judentum die organisierte Gemeinde-Orthodoxie Jüdischer Frauenbund Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände. Die dringendsten Aufgaben der Reichsvertretung, denen sie in energischer Verfolgung des bisher von ihr eingeschlagenen Weges mit aller Hingabe nachgehen wird, sind: •1. Das eigene jüdische Schulwerk muß der Erziehung1 der Jugend zu religiös gefestigten, aufrechten Juden dienen, die aus bewußter Verbundenheit mit " der jüdischen Gemeinschaft, aus der Arbeit an jüdischer Gegenwart und dem Glauben an jüdische Zukunft die Kraft schöpft, den schweren Anforderungen zu entsprechen, die das Leben an sie stellen wird. Ueber die Wissensvermittlung h'naus muß die jüdische Schule der planvollen Vorbereitung für den künftigen Beruf dienen. Mit Rücksicht auf die Auswanderungsfähigkeit, insbesondere nach Palästina, wird dabei die Hinführung zu handarbeitenden Berufen und das Erlernen der hebräischen Sprache im Vordergründe stehen. Die Erziehung und berufliche Ausbildung der weiblichen Jugend muß darauf hinzielen, sie zur Erfüllung ihrer Aufgäben als Erhalterin der Familie und als Mutter der künftigen Generation vorzubereiten. Ein eigenständiger Kulturaufbau muß den kunst- und kulturschaffend en Juden Betätigungsmöglichkeiten geben und dem kulturellen Eigenleben der Juden in Deutschland dienen. 2. Dem gesteigerten Auswanderungsbedürfnis ist mit einer großzügigen Planung zu entsprechen, die vor allem Palästina, aber auch alle anderen in Frage kommenden Länder einbezieht und besonders der Jugend gilt. Hierzu gehört die Sorge für die Vermehrung der Auswanderungsmöglichkeiten, Ausbildung in für die Auswanderung geeigneten Berufen, insbesondere Landwirtschaft und Handwerk, die Schaffung von Möglichkeiten zur Mobilisierung" und Liquidierung des Vermögens wirtschaftlich Selbständiger, die Erweiterung bestehender und die Schaffung neuer Transfermöglichkeiten. 3. Die Erhaltung und Betreuung der Hilfsbedürftigen, der Kranken und der Alten muß in Ergänzung der staatlichen Fürsorge durch weiteren systematischen Ausbau der von den Gemeinden getragenen jüdischen Wohlfahrtspflege sicher gestellt werden.