Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 10 (3.10.1935)
- Date
- 1935-10-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 J irdisch e Schulzeitung Nummer 10 endet ist; daß es heute fast keinen Juden,-mehr gibt, der sie nicht aus innrer Zustimmung her wünschte. Mögen die Ansichten über die Zielsetzungendes Unterrichts auseinander- : gehen, so besteht doch Uebereiristimmung darüber,/daß. das jüdische Kind in die jüdische Schule gehört, und .daß ihm darin eine Atmosphäre geschaffen werden muß, in der es natürlich atmen kann, in der seine Kräfte aus der Fülle jüdischer Substanz her Anregungen zum Wachsen erhalten. Die Fürsorge unserer Gemeinden und unserer Spitzenorganisationen hat sich-denn auch in einem Eifer der Förderung des Schulwesens zugewandt, wie er in den vergangenen Dezennien unbekannt gewesen ist. Es sind bestehende Schulen ausgebaut und neue gegründet worden. Fortbildungsgemeinschaften verschiedener Art haben versucht, die im Amt stehenden Lehrenden auf der Höhe der Leistungsfähigkeit zu halten und die. dem Lehrerberuf zuströmenden älteren und jüngeren Kräfte mit dem wissenschaftlichen und pädagogischen Rüstzeug' auszustatten, dessen sie in der Schulpraxis bedürfen. Die Lehrerschaft selber hat nicht gezögert, all diese Bestrebungen tatkräftig zu fördern und die Initiative zu ergreifen, wenn es galt, der Stunde gerecht zu werden. Dafür zeugen die Arbeitstagungen in allen Teilen des Reiches, aber auch die Versuche, neue Lehr- und Lernmittel zu schaffen und alte so umzuarbeiten, wie es unsere Zeit erfordert. Mag manches dem kritischen Blick problematisch erscheinen, mag der Mangel an materiellen Mitteln zuweilen die Ausführung von Plänen hemmen, es ergibt sich dennoch ein Gesamtbild des Unterrichtswesens, dessen wir uns freuen dürfen. : ■* Der Ausblick auf die Arbeit am jüdischen Schulwerk führt ganz von selbst zu dem Erlaß des Herrn Reichserziehungs min isters hin, den wir an anderer Stelle dieses Blattes veröffentlichen. Er kommt den innerjüdischen Bestrebungen zur Neuformung der jüdischen Schule zur Hilfe, indem er die völlige Zusammenfassung aller jüdischen Schulpflichtigen in eigenen Schulen anordnet und so eine Entwicklung zu beschleunigen anhebt, die ohne den Erlaß sich kaum so rasch und so umfassend vollzogen haben würde. So gesehen bedeutet der Erlaß einen politischen Akt, der uns Juden den Weg ebnen hilft zu einem kulturellen Eigenbereich, dessen Weite und Tiefe noch nicht abgemessen werden kann. Es werden nach dem Willen der herrschenden Macht al'e Juden, auch die bekenntnismäßig nicht zu unserer Gemeinschaft gehörenden, in die jüdischen Schulen gehen müssen. So dürfte sich eine ganz neuartige Konstellation ergeben, zu der wir jüdischen Lehrer erst dann in ein Verhältnis werden treten können, wenn uns die Ausführungsbestimmungen zum Erlaß die erforderlichen Anweisungen zur Schularbeit übermittelt-haben. In das Gefühl der Genugtuung darüber, daß der Staat sich entschlossen hat, für jüdische Schulpflichtige öffentliche Volksschulen zuerrichten und zu betreuen, mischt sich die Wehmut einer Abschiedsstimmung, die Menschen erfaßt, wenn sie liebe Weggefährten verlassen müssen. Viele Jahrzehnte hindurch durften jüdische Knaben und jüdische Mädchen das Gemeinschaftserlebnis der Schulzeit mit nichtjüdischeh jungen Menschen teilen. So knüpften sich im kindlichen Geben und Nehmen Beziehungen, die häufig die Schulzeit lange überdauerten und die durch ihren Eigenwert geadelt waren. So darf es fürderhin nicht mehr sein. Das ist ein Diktünvmit dem wir uns abzufinden haben, mit dessen Gültigkeit wir uns vertraut machen müssen und vertraut machen wollen, so sehr auch die Erinnerung an Vergangenes mit h'nüberschwingen wird'in eine Zukunft, die andre Bindungen schafft als die, die einst unserm Dasein Wertfülle gaben. Eine Umschau, die vom Standort der jüdischen Schule aus erfolgt, bliebe dürftig, umfaßte sie nicht auch das Hervorstechende dessen, was der Arbeit i n der Schule, heute sein Charakteristisches gibt. Es ist zwar noch alles im Zustand der Wandlung begriffen; denn die gedankliche Fundierung des aus der Zeit herausgeborehen Unterrichts- und Erziehungsziels, eilt rasch vorwärts, indes die Erprobung in der Tagesarbeit auf mannigfaltige-Widerstände stößt und deshalb nur langsam ins rechte Gleichmaß kommt. Dennoch darf festgestellt werden, daß die jüdische Schule im Sturm der letzten Jahre zur äußern Festigung auch die innre hinzugefunden hat; daß Eltern- und Lehrerschaft im Entscheidenden der Auffassungen übereinstimmen, daß insbesondere alle Erwägungen pädagogischer Art orientiert werden an der Einsicht in die Notwendigkeit, die heranwachsende Jugend zur Auswanderung reif zu machen. So stellt sich ganz von selbst der Fragenkomplex vor uns hin, der um das Aufbauwerk in JP a 1 ä s t i n a' kreist, und damit rückt, in den Blickpunkt der Betrachtung ein bedeutungsvolles Ereignis aus den verflossenen Wochen:; der Kongreß und die Tagung, der Jewish A.gency in Luzern mit all ihren Ausstrahlungen in die jüdische Welt hinein. Es sind in Luzern eine Reihe , aufschlußreicher Referate über Kultürfragen in Erez Jisrael und in der Diaspora gehalten worden, in denen wichtige Gedanken über den Sinn und über die Weise der Erziehung geäußert wurden. Wir dürfen es uns versagen, hier darauf näher : e.nzugehen. Nicht versäumen aber möchten wir es, dankbar der Maßnahmen zu gedenken, die im Dienst der Jugendali j a h aus Deutschland ergriffen worden sind und weiterhin noch ergriffen werden. In tiefer .Verehrung blicken auch die jüdischen Lehrer auf jene tapfere Frau hin, die die große Kraft ihres Herzens und ihres Geistes den jungen Menschen schenkt, die auf dem Boden des Heiligen Landes eine neue Heimstätte finden: auf Miß Henrietta Szold. Mehr als 5 000 jüdische Kinder und Jugendliche aus Deutschland haben bisher in die über das ganze Land hin'zerstreuten Siedelungen aufgenommen werden können. Hunderte von Kindern, die die von Henrietta Szold begründete und unter ihrer Fürsorge stehende „Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Ju- .gend-Alijah" aus Deutschland nach Palästina gebracht hat, „bereiten sich in den Kinderhäusern, in den Schulen, den Wirtschaften und den Werkstätten der' nationalen landwirtschaftlichen Siedelungen, im Technikum zu Haifa, im Kinderheim der Ahavah, im Kinderdorf Ben Schemen zu einem natürlichen aufrechten und kraftvollen Leben vor. v Die ersten von ihnen verlassen bereits in der nächsten Zeit nach Beendigung ihrer. Lern- und Ausbildungszeit die Kolonien. Zusammen mit mehreren hundert Chaluzim aus Deutschland sollen sie die erste Siedelung der Jugend-Alijah in Erez Jisrael auf dem unveräußerlichen Boden des Keren Kajemeth Lejisrael gründen." (Aufruf der Landeskommission des KKL.) Das zur Gründung dieser Siedelung erforderliche. Land wird aus Geldern erworben werden, das unter den Juden in Deutschland gesammelt wird. Eine Reihe großer Organisationen, an ihrer Spitze die Reichsvertretung der deutschen Juden, werden das Werk tragen. Die Kolonie, die im Negeb errichtet wird, soll als Henrietta-Szold -Siedelung kommenden Geschlechtern die Erinnerung wachhalten an die hochgemute Frau, mit deren Namen ein Abschnitt schicksalsvoller Geschichte der Juden in Deutschland verknüpft bleiben wird. .Uns Erziehern tritt jetzt die Verpflichtung entgegen, die jüdischen Kinder nicht nur in der Schule mit den Dingen vertraut zu machen, die das Heimischwerden im Lande erleichtern, sondern auch darüber hinaus die Jugendlichen zu •betreuen, die aus der Schule entlassen werden. Man hat neuerdings für diese Arbeit das Wort „Berufsvorlehre" gebildet. Es besagt, daß große Teile unserer Jugend, namentlich in der Großstadt, die in Sorge und Ungewißheit über ihre Zukunft sind, auf das Berufsleben, wie immer es auch geartet sei, in zweckmäßiger Weise vorbereitet werden müssen. Die Anregung zu diesem Plan ging von der Reichsvertretung aus, und es ist insbesondre ihr Präsident Rabbiner Dr. Baeck ge.- wesen, der ihn eifrig gefördert hat. Den ersten praktischen Versuch hat Berlin unternommen. In Tagesschulen an der Peripherie der Stadt wird körperliche und geistige Arbeit unter besonderer Rücksicht auf die Notwendigkeit späterer Auswanderung geleistet. Und es darf schon heute, wenige Wochen , nach Beginn der Versuche, gesagt werden, daß man