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Jüdische Schulzeitung · 1935-09-01 · 9 (1.9.1935) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
9 (1.9.1935)
Date
1935-09-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer 9 sich auch überlegen müssen, in welcher Form säumige Breitragszahler und Beamte, die sich erst dann des Emser Heims erinnern, wenn sie Einkehr in es halten uolleni, zu behandeln sind. Ist es notwendig, noch ein Wort zu verlieren über das Heim selbst, seine Leitung, seine Ausstattung, über den Geist der Toleranz bei streng religiöser Gesamtführung im Hause und über das zaubrisch schöne Städtchen im romantischen Lahntal? Wir können uns das ersparen und als unbefangene Zeugen für das Erholungs- und Altersheim auf die Männer und Frauen hinweisen, die im Laufe der letzten Jahre Ruhe und Erholung in Ems suchten und fanden und die ihrem Dank dafür beredten Ausdruck gegeben haben in dem Gästebuch, das im Heim aufliegt, aber auch in der Zwiesprache von Mund zu Mund. Möchte jeder, angesichts der. Ungewißheit seines Schicksals, aber auch angesichts der Bedeutung dieser einzigartigen Institution, die weitblickende Männer rechtzeitig ins Leben gerufen haben, tun, was die Stunde fordert. Je weiter der Kreis der Mitglieder und Förderer sich dehnt, je mehr Geldmittel dem Heim zufließen, um so fester bleiben seine Grundlagen, um so leistungsfähiger wird der Verein und um so eher kann er in Fällen der Not durch Ermäßigung oder gar durch völligen Erlaß der Verpflegungskosten Erholung- Gesundung- und Ruhesuchenden helfen. Lieber das Einschulungsalter H. Kannenmacher, Äub. Das Problem der Schulreife wird wohl so alt sein wie die Einrichtung der Schule selbst, hat aber keinesfalls an Aktualität verloren. Gerade der jüdische Lehrer sieht, sich oft gezwungen, die Frage nach der Schulfähigkeit des Schulneulings zu stellen, sie von der Praxis und Theorie aus zu beJeuchten, denn man begegnet im jüdischen Kinde vielfach einer Frühreife in geistig-seelischer Beziehung. Abgesehen davon, daß auch heute noch die jüdischen Eltern in ihrem übertriebenen Ehrgeiz nicht selten die rechte Einsicht bezüglich des Einschulungszeitpunktes vermissen lassen. Muß da nicht die Tatsache Bewunderung erregen, . daß schon im Talmud (Baba batra 21a) selbst vom heutigen pädagogischen Standpunkte aus treffende, richtige Vorschriften und Regeln hierüber zu finden sind, obzwar sie der theoretischwissenschaftlichen Grundlegung entbehren? Dagegen läßt sich im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit ganz eindeutig das Bestreben nachweisen, das Kind möglichst vom 4. bis 5. Lebensjahre an schon zur Schule zu schicken. Man hat damals kaum die Eigenart des Kindes berücksichtigt, während es für uns heute fast "mehr als eine Binsenwahrheit bildet, daß das Kind kein Erwachsener en miniature ist, sondern seine Eigengesetzlichkeit besitzt und sich in ganz bestimmten Stufen! entwickelt. Eine genügend körperliche Entwicklung gilt wohl allgemein als Voraussetzung zur Einschulung, weniger beachtet wird jedoch hierbei der Stand des geistig-seelischen Wachstums. So eigenartig es erscheinen mag: Gerade weil der heutige Anfangsunterricht gewissermaßen nicht von „vorne" beginnen, sondern „weiterführen", an das kindliche Spiel, an den Erlebhiskreis des Kindes anknüpfen und erst allmählich zur ernsten Schularbeit hinüberleiten will, muß im Kinde so' viel geistig-seelische Kraft aufgespeichert sein, daß der Lehrer aus dem Vollen schöpfen kann und nur anzuregen braucht, um diese Kraft zu spontanem Handeln zu wecken und zu fördern. Andererseits muß schon allmählich aus dem Spieltrieb das Verlangen nach ernster Arbeit, ein gewisser Lern- und Wissenstrieb erwachsen, denn auch „Nur-Spielen" führt zu keinem schulischen Erfolge. Die Spieltätigkeit hat vielmehr Ausgangspunkt zur zweckbetonten Eigentätigkeit zu sein! Nach den Forschungen der Entwicklungspsychologie verspürt das Kind erst vom 7. Lebensjahre an den Drang, die von selbst gewonnenen Vorstellungen durch ältere. Personen bzw. durch den Lehrer erweitern und berichtigen zu lassen, wird erst der 6—7jährige fähig, seine Aufmerksamkeit, die sich bisher den Dingen und Personen der Umwelt ziel- und wahllos zuwandte, lebhafter und dauernder' zu gestalten. Es beginnt ihm in diesem Alter auch die Gesellschaft gleichaltriger Kameraden lieber zu werden als die Bevormundung seitens der Mutter. Kroh, der Tübinger Professor beweist zwar durch seine Darlegungen, daß schon das 4jährige Kind grundsätzlich schulfähig sei, erhebt aber aus Gründen, die ich oben anführte, nicht die Forderung eines solch frühen Schulbesuches, sondern will damit der Schaffung günstiger Umstände für den freien Bildungserwerb der vorschulpflichtigen Jugend das Wort reden. Eine Schulalterspflicht von 5, ja teilweise 4 Jahren in England, und Amerika braucht uns weiter nicht zu denken geben, denn der dortige Anfänger-Schultyp gleicht mehr einem Kindergarten. Je mehr wir uns bewußt sind, welch hohe Anforderungen in jeder Hinsicht an unsere jüdischen Söhne und Töchter im Lebenskämpfe der heutigen Zeit gestellt sind, um so mehr müssen wir erkennen, daß wir dem Kinde nicht die Grundlage im freien Bildunigserwerb entziehen dürfen. Wir können und dürfen nicht wie Penning sagt, Beruhigung in dem Gedanken suchen, es sei ja Aufgabe der Schule, das Fehlende hervorzuzaubern. Hat der Lehrer einmal ein Kind aufgenommen, das noch, nicht seinem Spieltriebe genügt hat, das nicht schulreif ist, dann wird er sich nur schwer entschließen, es nach einer Probezeit i1/^ Jahr) dem häuslichen Milieu bis zum nächsten Jahre wieder ganz zurückzugeben — und wenn dies noch so nötig erscheint Wir aber sollten daran denken, wie sich jährlich mehr Schwierigkeiten bieten, die in stufenweiser Uebung des Geistes und der Seele zu erklimmen sind, inisbesondere wenn einmal die Grundschule durchlaufen ist. Die Gefahren einer verfrühten Einschulung sind mannigfacher Art und können sich auf Körper, Geist und Gemüt des Schülers erstrecken. Etwa eintretende gesundheitliche Schäden, wie Appetitlosigkeit oder Verdauungsstörungen wirken naturgemäß auf die ganze geistig-seelische A^erfassung zurück. Der alte. Erfahrungssatz: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" gilt erst recht für das Kind. Ist die gedeihliche Selbstentwicklung in geistig-seelischer Beziehung jäh unterbrochen worden, wenn der Schulneuling sich in die vier Wände des Schulzimmers hineingedrängt fühlt, bevor er in Haus, Hof,- Garten, Feld, Wald, Straße usf. seinen Anschauungskreis so erweitert hat, daß der Lehrer genug Anknüpfungspunkte finden kann, dann tritt Hemmung der Selbstentfaltung des Kindes ein: Es fehlen Freude und Interesse am Unterricht. Wer wollte da leugnen, daß auch in diesem Falle die körperliche Entwicklung in Mitleidenschaft gezogen wird? Da jedoch unsere Grundschulen nicht dem Wesen der Kindergärten entsprechen, findet jede individuelle Behandlungsweise ihre Grenzen m den Lehrplänen, welche aber Klassenziele verlangen. Die unbedingte Rücksichtnahme auf die Entwicklung eines jeden einzelnen Kindes kann also gar nicht in der Schule erstrebt werden, es sei denn, daß der betreffende Schüler der Hilfsschule überwiesen werden kann. Der Schüler, der im Unterricht nicht mit seinen Kameraden Schritt hält, wird bald in ein träges Dahindämmern versinken. Mangelnde Erfolgsfreude, fehlendes Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein erzeugen Lähmung der Willenskraft. Willensschwäche birgt wiederum den Keim zu leichter Erregbarkeit und Ueberempfindsamkeit des Gemütes in sich. Vom Lehrer, selbst in schonender Weise auf seine Mißerfolge aufmerksam gemacht, fühlt er sich beleidigt und gekränkt. Da er sich und die Umwelt nicht verstehen kann, andererseits ihm scheinbar auch die Umwelt kein Verständnis entgegenbringt, werden unüberwindlicher Eigensinn und Heimtücke in ihm allmählich hervorgerufen. Eltern und Lehrern gegenüber bleibt er verschlossen, vertraut sich niemanden an, gesteht seine Schwächen und Fehler nicht ein, sucht bei seinen Mitschülern stets abzuschreiben und verläßt sich aufs Einsagen. Er erweckt im ganzen den Eindruck "eines Eigenibitödlers, der

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