Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1935-08-01 · 8 (1.8.1935) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
8 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825355-2825363--1000-2826655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 8 geschaffene Organisation. Die Fabrik, an deren Aufbau sich die organisatorischen und kaufmännischen Fähigkeiten der Simler erproben, ist ein lebendiges, mit Sinn und Wille begabtes Wesen, das dem Einzelnen den Sinn und den Weg seines Lebens aufzwingt und ihm letztlich das ganz Persönliche seiner freien Willensentscheidüng nimmt. Hinzu kommt als Besonderheit der Darstellung, die meisterhafte Schilderung derjenigen Krisen und Spannungen, die aus dem Zusammenprall spezifischer jüdischer und andersartiger Mentalität erwachsen. Das Phänomen des Juden in seinem Verhältnisse zur Umwelt wird anschaulich und plastisch illustriert. Es darf hier nebenbei bemerkt werden, daß Bloch mit seinem »Destin du Siede« (Vom Sinn des Jahrhunderts) in die Reihe derjenigen französischen Schriftsteller tritt, die sich mit der Krise der Kultur beschäftigen. In „Les Doubles - Juifs", läßt Jacob Levy, der durch „Les Pollaks" und „Les Demi-Juifs" bekannt geworden ist, die Konflikte und die Tragik innerhalb des rein jüdischen Milieus aus der Verschiedenartigkeit der Auffassungen über Inhalt und Form des religiösen Lebens entstehen. Mag — wogegen sich der Verfasser in dem Vorwort wendet — die Gestalt des Steiner nicht ganz echt, zum Teil abstoßend wirken: das Werk ist doch eine ergreifende und packende Darstellung menschlichen Leids. Auch hier ist die Bindung des Einzelnen an die Gemeinschaft für die Gestaltung des tragischen Konfliktes entscheidend. Durch Form und Tradition gleich stark bedingte Pflicht gerät in schweren Konflikt mit menschlichem Fühlen und Denken. David Steiner kann eine festgewordene Bindung nicht lösen, er muß dafür all das Schwere, all das Leid um der Gemeinschaft willen auf sich nehmen. >Aus dem Gebiete der im religiösen Gegensatz bedingten Problematik werden wir in „Silbermann" von de Lacretelle in eine Tragik hineingeführt, die aus weltanschaulicher Diverganz erwächst Die Handlung spielt in einem Lycee der Hauptstadt, wo der ganz von dem Geist und der Kultur des Landes erfüllte jüdische Schüler Silbermann innerlich an der Unmöglichkeit zu Grunde geht, sich mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten, seiner ganzen Person und inneren Bereitschaft Frankreich zu geben. Es kommt zu einer menschlich begreiflichen, psychologisch verständlichen Verkrampfung seines ganzen Wesens, die oft unsympathisch berührt und abstoßend wirkt. Im II. Bande, der „Retour de Silbermann" nimmt die Katastrophe ihren, durch die Erlebnisse des ersten Bandes bedingten Fortgang. In „Juifs et non Israelites" von Cohen gibt die Verschiedenartigkeit des Glaubens von Mann und Frau Anlaß zur Erörterung, wissenschaftlicher Probleme, und in Henri Bernsteins»Israel« erwächst die Katastrophe aus einem in der Gesellschaft erfolgenden Zusammenstoß zwischen Vater und Sohn, wobei der letztere von den wirklichen Zusammenhängen nichts weiß und später durch Selbstmord endet. Gegner des Judentums Jeröme et Jean Tharaud Aus der Schule von Barres sind zwei Dichterpersönlichkeiten hervorgegangen, Brüder, die zu den interessantesten Und im Zusammenhang des Themas problematischsten der modernen französischen Literatur gehören. Es sind Jeröme et Jean Tharaud. Sie dürfen schon deshalb allgemeines Interesse erwecken, weil sie gemeinsam schreiben und in ihrem literarisch-ästhetischen Geschmack derart übereinstimmen, daß wohl keine noch so gründliche stilkritische Untersuchung in der Lage wäre, das Persönliche und Spezifische des einen vom Persönlichen und Spezifischen des andern zu trennen. In ihrer Darstellung des Jüdischen dürften sie kaum als objektive Betrachter und Gestalter in Frage kommen. (Vgl. Jüdische Rundschau Nr- 3 vom 8. Jan. 1935.) Wenn es an dieser Stelle auch nicht möglich ist, auf ihre Werke im einzelnen einzugehen, so darf zusammenfassend gesagt werden, daß trotz »scheinbarer Objektivität die antisemitische Tendenz immer erneut zum Durchbruch gelangt. Ihre große Beobachtungsgabe und ihre Einfühlung in ihnen fremde Dinge zugegeben! Zu wirklicher Objektivität und unparteiischer Stellung gegenüber dem jüdischen Problem dürften sie kaum befähigt sein, einmal, weil ihnen das Eindringen in das Seelische letztlich unmöglich ist und zum zweiten, weil sie auch in Einzelschilderungen von einer ihnen genehmen Auffassung von den Dingen im ganzen erfüllt sind. Schon die Titel ihrer Bücher haben zum Teil eine überspitzte Formulierung: Quand Israel est .roi; quand Israel n'est plus roi. Ihr Mangel an Objektivität kommt auch in ihren anderen, mit der jüdischen Frage sich beschäftigenden Büchern zum Ausdruck. So in: Un royaume de Dieu, in A Tombre de la Croix und in La jument errante. Palästina Auch bei der literarischen Darstellung des Palästinaproblems muß ich mir im Rahmen dieser Darstellung eine gewisse Beschränkung auferlegen. Doch hoffe ich, in Bälde mich mit den hier einschlägigen Problemen, ihrer Bedeutung gemäß, ausführlich befassen zu können. Selbstverständlich ist, daß gerade Palästina die jüdische Oeffentlichkeit Frankreichs aufs stärkste beschäftigt. Auch hatten wir eingangs feststellen können, daß die Beschäftigung mit allen Palästina betreffen-, den Fragen einer derjenigen Faktoren gewesen ist, die eine jüdische Renaissance überhaupt erst ausgelöst haben, Persönlichkeiten wie Fleg und Spire sind an ihm nicht achtlos vorüber gegangen und haben es im Sinne seiner zweckmäßigen Bestimmung, wie auch in seiner ideologischen und moralischen Auswertung in den Kreis ihrer Betrachtungen einbezogen. Pierre Benoit stellt in seinem „Puits de Jacob" das kolonisatorische Aufbauwerk in den Mittelpunkt seiner Darstellung. Die wirklichen Helden der Erzählung sind m. E. Isaac Cochbas und Henriette Weil, wirkliche Pioniere mit selbstloser Hingabe an ihr Ideal, mit ihrer ganzen Person und einer durch nichts zu erschütternden Energie dem Aufbau des Landes verpflichtet. Eine sehr interessante und überaus anschauliche Reise: beschreibung mit vielen darüber hinausre'chenden allgemeinen Erörterungen ist das Buch von Schreiber: Gette annee ä Jerusalem. Damit haben meine, die Probleme oft nur andeutenden Ausführungen ihr Ende gefunden. Die hierbei gewonnenen Ergebnisse dem französischen Unterricht an jüdischen Schulen dienstbar zu machen, sie praktisch zu erproben, wird die Aufgabe all derer sein, die die Bildungsziele solcher Schulen klai vor Augen sehen. Zur Methodik des Hebräisch-Unterriehts Den Methoden, die im modernen Sprachunterricht. angewandt werden, setzt die hebräische Sprache durch ihre besondere Struktur bestimmte Grenzen. Das. Klangbild desselben Wortbegriffs wandelt sich durch die grammatikalischen Veränderungen, die dessen Beziehung innerhalb des ausgesprochenen Gedankens bestimmen, so stark, daß die Möglichkeit, durch Vorsprechen und Hören allein zur allmählichen Beherrschung der Sprache zu gelangen, in der Zeit, die für den Unterricht zur Verfügung steht, nicht erreicht werden kann- Wir können nicht einfach Methoden, die sich im fremdsprachlichen Unterricht bewährt haben, für das Hebräische übernehmen,, denn der Sprachunterricht soll schließlich kein Versuchsfeld für die Methode sein, sondern die Methode muß Dienerin der Sprache sein und von deren Eigengesetzlichkeit geformt werden. Da die Sprache aber im Grunde ein akustisches Phänomen ist, folgt, daß die Methode vor allem auditiv sein muß. Die Ergänzung durch motorische methodischen Mitte? kann dabei viel stärker sein als die durch visuelle, weil das Motorische durch die Grundelemente des Sprechens — Muskelbewegung und Rhythmus — viel stärker wirkt als etwa Paradigmentafeln, die immer nur eine Abstraktion sind. Obwohl das Hebräische — wie weiter ausgeführt wird — durch seine Eigentümlichkeit auf eine vorzugsweise auditive Methode hinweist, wird im Hebräisch-Unterricht diese grund-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.