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Jüdische Schulzeitung · 1935-08-01 · 8 (1.8.1935) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
8 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Situation und unserer Geschichte. Und es ist ganz selbstverständlich, daß die Schule an dieser einzigartigen Kulturleistung nicht teilnahmslos vorübergehen darf. Natürlich spielt auch hier die Kostenfrage eine erhebliche Rolle, und nur wenige Lehrer werden in der Lage sein,.sich jedes wertvolle Buch anzuschaffen. Dagegen dürfte es sehr wohl möglich sein, daß die Schul- und Gemeindebibliotheken laufend Bücher erwerben und so die Möglichkeit bieten, sie der Schule zugänglich zu machen. Als Nachteil ist es natürlich anzusehen, daß für' eine Klasse jeweilig nur ein oder zwei Exemplare des gleichen Buches zur Verfügung stehen. Es bleibt daher nichts Anderes übrig, als daß entweder der Lehrer selber oder aber ein Schüler aus dem Buche laut vorlese, während die Klasse zuhören muß. Wir wissen sehr wohl, daß sich hier gewisse Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der Ruhe und Aufmerksamkeit ergeben können. Schüler, die kein Buch vor sich haben und daher nicht mitlesen können, werden leicht abgelenkt und zu unruhigem Verhalten veranlaßt. Dem kann nur dadurch vorgebeugt werden, daß interessante Stücke wirkungsvoll vorgetragen werden. Will der Lehrer selber die Vorlesung nicht übernehmen, so muß er einen Schüler vortreten lassen, der eindrucksvoll vorzulesen versteht. Der Lehrer mag sich dann darauf beschränken, fortlaufend die notwendigen Erklärungen zu geben und nach bestimmten Abschnitten eine allgemeine Aussprache über das Gelesene zu leiten. Ein weiterer Weg, die jüdische Publizistik für die Schule fruchtbar zu machen, ist die Beauftragung eines Schülers, zu Hause bestimmte Abschnitte eines Buches durchzuarbeiten und hierüber in einer festzusetzenden Stunde in der Klasse zu berichten. Daß auch der Aufsatzunterricht von dieser Seite her befruchtet werden kann, bedarf keiner weiteren Erörterung. Zum Schluß sei es dem Schreiber dieser Zeilen gestattet, der Schriftleitung dieses Blattes eine Anregung zu geben: Es wird zwar in dankenswerter Weise fortlaufend unter der Rubrik „Literarisches" auf wertvolle Neuerscheinungen hingewiesen'; dennoch wäre es zweckmäßig, wenn in gewissen Zeitabständen Uebersichten über solche Bücher gegeben würden, die sich zur Verwendung im Unterricht der jüdischen Schulen eignen. Eine gedrängte Inhaltsangabe des jeweils aufgeführten Werkes und ein Hinweis auf die Verwendungsmöglichkeit in den Verschiedenen Klassen würde genügen. G. Sch... g. Jüdische Motive in der neueren französischen Literatur Eine literarisch-pädagogische Studie von Studienrat Dr. Max Salonion. Frankfurt a. M. (Philantropin) (Von der Julius Höxter - Stiftung zur Veröffentlichung empfohlen.) (Schluß) Die Dreyfuß-Affäre in der literarischen Darstellung Auf die Bedeutung dieses epochalen Geschehens einzugehen erübrigt sich von selbst. Wir haben schon wiederholt gesehen, wie es bestimmend in den Entwicklungsgang dieses oder jenes Schriftstellers eingegriffen hat. Es ist ebenso selbstverständlich, daß die Affäre, die eine für Frankreich nötig gewordenen Klärung im politischen und geistigen Leben beschleunigte, in verstärktem Maße literarischen Niederschlag gefunden hat. Der „Jean Barois" von Roger Martin du Gard gestaltet das Schicksal des Jean Barois und läßt die Affäre in das Leben dieses mit sich und der Welt, ringenden Menschen in einem Augenblick eintreten, wo er an ihr sich selbst zu erproben bereit ist. Wer über das Individuelle der Darstellung hinaus wirklich in den Geist der Zeit eindringen, ihre Neuerungen, Spannungen, ihre bis zum äußersten gesteigerte Vitualität erkennen will, der greife zu diesem Buch, das Geschichte in ihrer unmittelbaren Wirkung und erlebnismäßig gestaltet. Daß auch Anatole France, (Halbjude wie Montaigne, Marcel Proust), die Affäre, wenn auch nur episodisch und in einer dem Ganzen entsprechenden symbolhaften Darstellung in der Ile des Pingouins behandelt hat, sei beiläufig erwähnt. Ihres Inhaltes wegen, und um das Bild abzurunden, seien zwei weitere Darstellungen erwähnt, die zwar eine interessante, zum Teil sogar amüsante Lektüre abgeben, ohne jedoch irgendwelche Bedeutung für die unterrichtliche Behandlung zu haben. Es sind »Nicolo Peccavi« von Armand Lunel und »Levy« von Jean Richard Bloch. Nicolo Peccavi mit dem Untertitel „Weltgeschichte in Carpentras" ist ein tragikomischer Roman, und zwar ganz mit Recht als solcher charakterisiert. Denn mit der Darstellung der unmittelbaren Wirkung der Affäre, die nicht in ihrem ideologischen Kern, sondern in sehr drastischer Weise innerhalb eines eng umgrenzten Bezirkes gezeigt wird, ist viel an Situations¬ und Charakterkomik verbunden, dergestalt allerdings, daß diese Komik doch niemals in den Vordergrund gerückt ist und man doch hinter allem die Tragik und den Ernst der Zeit erschaut. Tragikomisch ist vor allem die Gestalt des Helden der Erzählung, der als unmittelbarer Anführer der antijüdischen Revolten in Carpentras schließlich von seiner eigenen jüdischen Abstammung Kenntnis nehmen muß. In ähnlicher Weise lokalisiert, in ein westfranzösisches Städtchen verlegt, erscheint die Affäre in Jean Richard Blochs: »Levy« Hier bricht doch schon mehr Seelisches, mehr Problematisches durch, und die Skizze darf mit Recht als Vorspiel zu jenem großen Werk betrachtet werden, mit dem der Dichter in die französische Literatur Eingang gefunden hat. Es ist „et Cie " Grenzprobleme Ich möchte unter dieser Ueberschrift eine Reihe von Werken zusammenfassen und inhaltlich und thematisch kurz charakterisieren, bei denen die Spannung aus der Berührung verschiedener Lebensbezirke mit von einander geschiedenen religiösen, geistigen und kulturellen Auffassungen sich ergibt. Solche Spannungen erwachsen scheinbar bloß in der Sphäre des individuellen Lebens und Erlebens; Einzelschicksal gestaltet sich im Aufeinanderprall zweier Welten. Und doch! Sehen wir genauer hin, weiten wir unseren Blick -: dann wird das Individuelle zum Universalen, sowohl im Aufbau wie in der Lösung des Konfliktmäßigen. Der Einzelne tritt zurück, sowohl im Handeln wie im Erleiden, weil die von der Gemeinschaft ausgehenden und ihn an sie bindenden Kräfte sich schließlich als die stärkeren erweisen. Jean Richard Blochs „et Cie" ist ein monumentales Werk. Es behandelt, ganz äußerlich gesehen, das Schicksal elsässischer Juden, die sich von der Heimat trennen und im Westen Frankreichs niederlassen. Das äußere Geschehen tritt jedoch vollends zurück hinter den mannigfachen Problemen, die sich aus dem Aufgeben gesicherter Lebensverhältnisse und dem Eindringen in völlig neue, neuartige und schwer zu erobernde Lebensbezirke ergeben. Mit der Schilderung des persönlichen Vorgangs ist eine so feine und feinsinnige Darstellung des Milieus, des sozialen und ökonomischen Lebens, der im Kulturellen und Glaubensmäßigen bedingten Konflikte verbunden, daß wir es völlig verstehen, wenn ein großer Dichter das Werk einleitet und es zusammenfassend folgendermaßen charakterisiert: „Ja, das ist mir der erste, unvergeßliche Eindruck, den dieses gewaltige Buch hervorruft: eine unerhörte Kraft der Schöpfung . . . Jedesmal erstand vor mir Balzacs Genie . ." Das Schicksal jedes einzelnen der Sippe Simler ist an das der Gruppe, der Kompagnie geknüpft, ist auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden. Dies nicht nur im Aeußerlichen, bloß Materiellen, sondern auch in jenen Bezirken des Lebens, wo letzte Entscheidungen durch unbewußt wirkende, aus dem Seelischen stammende Faktoren herbeigeführt werden. In krisenhaften Situationen, wenn einer sich dem Ganzen entziehen zu können vermeint, gehts auf Tod oder Leben, weil nach den geheiligten Gesetzen einer unheimlich starken, traditionsmäßigen Bindung ans Ganze der auch im Materiellen gesicherte Einzelgänger dem Untergang verfallen ist. Einmal versucht einer, Joseph Simler, der Sippe zu entrinnen — es gelingt ihm nicht. Mit der Rückkehr zur festgefügten Gemeinschaft hat er sich und diese selbst gerettet. Aber nicht nur an die Gemein-® schaft ist der Mensch gebunden, sondern auch an die von ihr

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