Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 8 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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die Hälft© aller in Frage kommenden jüdischen Kinder in Berlin, die Volksschulen der Gemeinde besuchen. Die Mittelschule hat insgesamt rund 1000 Schüler und Schülerinnen. Daneben subventioniert die Gemeinde eine Anzahl privater, nicht von ihr selbst unterhaltener jüdischer Schulen und trägt so auch auf diesem Wege zur Beschulung einer erheblichen Zahl jüdischer Kinder bei. Diese Schulen sind zum Teil sogenannte „RichtungsschulenV während die Gemeinde für ihr eigenes Schulwerk an dem Grundsatze der Einheitsschule festhält. Neben den genannten Anstalten unterhält die Gemeinde : eine Hebräische Lehranstalt sowie eine Koch- und Haushaltungsschule. Beide sind im Zuge der Entwicklung ebenfalls erweitert worden. ■ •■- . Eine Schwierigkeit für diesen Ausbau unseres Schulwerks lag in der Gewinnung geeigneter Lehrkräfte. Hier haben die von den zentralen Körperschaften eingerichteten Kurse gute Dienste geleistet, sie vermittelten der großen Zahl der aus dem allgemeinen Schuldienst übernommener Lehrer die für den Unterricht an einer jüdischen Schule notwendige besondere jüdische Vorbildung, die vielfach gefehlt hatte. Insgesamt wurden 135 neue Lehrkräfte eingestellt. Was die Lehrplangestaltung im einzelnen anlangt, so wird das Hebräische auch als Umgangssprache überall gelehrt, wobei die Schwierigkeit des Nebeneinander von sephardischer und aschkenasischer Aussprache pädagogisch noch nicht überall gelöst ist. (Die Meinungen sind unter den Fachgelehrten ohne Rücksicht auf die Parteistellung noch recht geteilt.) Den Leibesübungen wird überall der ihnen gebührende erhebliche Raum gewährt. Besondere Aufmerksamkeit wird der Ausgestaltung des Handfertigkeitsunterrichts als einer Vorbereitung für das praktische Leben geschenkt. Ueberau ist dafür Sorge getragen, daß die Schüler im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen, innerhalb oder außerhalb des Lehrplanes Gelegenheit zu neusprachlichem Unterricht finden. Hilfsmittel für den Leseunterricht In dem Aufsatz „Was not tut" in der Juli-Ausgabe dieses Blattes war auf den Mangel an geeigneten Lernmitteln in der jüdischen Schule hingewiesen worden. Wenn auch dieser Hinweis nicht völlig zurecht erfolgt — es gibt doch, manches Schulbuch, auch aus der Zeit geschaffen, das gebraucht werden kann — so dürfte es doch zutreffen, daß namentlich geeignete Stoffsammlungen für den Leseunterricht fehlen. Daß dieser Mangel deutlich empfunden worden ist, zeigen nicht nur die fortwährenden Klagen aus der Mitte der Lehrerschaft, sondern auch, die Bestrebungen, dem Mangel abzuhelfen. Die Reichsvertretung der deutschen Juden beispielsweise hat eine Reihe von Leseheften herausgebracht, die als Ergänzung der vorhandenen Lesebücher dienen sollen. Ganz abgesehen von der Frage, ob diese Hefte, soweit das Stoffliche in Frage steht, auf dem rechten Wege sind, muß festgestellt werden, daß sie bei Weitem nicht hinreichen, die Lücke zu schließen. Was uns in der Volksschule fehlt, das kann durch derartige Unternehmungen in keiner Weise ersetzt werden, nämlich das Lesebuch. Der Schriftleiter unserer Schulzeitung hat der Lehrerschaft die Herausgabe eines derartigen Werkes für die oberen Jahrgänge zu Ostern in Aussicht gestellt. Wenn wir auch hoffen dürfen, diaß hier etwas Brauchbares für die Schule geschaffen wird, so müssen wir doch für die Uebergangszeit zur Selbsthilfe greifen. Wer "die außerordentlich reiche jüdische Publizistik der letzten Jahre auch nur einigermaßen aufmerksam verfolgt hat, der wird mit-dem Schreiber dieser Zeilen der Meinung sein, daß diese Selbsthilfe unschwer bewerkstelligt werden könne. Es bedjarf nur sorgfältiger Sammlung, Sichtung und Durcharbeitung des ungemein umfangreichen Quantums an jüdischem Schrifttum, um eine wertvolle Lektüre für die Schüler bereit zu haben. Zwei Möglichkeiten ergeben sich zur Verwertung der jüdischen Publizistik in der Schule. Die eine liegt in der regelmäßigen systematischen Durcharbeitung der jüdischen Zeitungen im Unterricht, und die andere in der Verwendung des jüdischen Buches. Es gibt heute im Gegensatz zu früheren Zeiten, da: die Tageszeitung gehalten wurde, kaum eine jüdische Familie, die nicht irgendeine der vielen jüdischen Blätter hielte. Eine Umfrage in den Klassen wird diese Behauptung bestätigt finden. Trotz der Buntheit im sachlichen Inhalt der verschiedenen Zeitungen hat es die Nachrichtentechnik unserer Zeit mit sich gebracht,- daß bestimmte Artikel und'Notizen, die über reine Tatsachen berichten, in allen Blättern im gleichen Wortlaut wiedergegeben werden. Dieser Umstand er- : gibt die Möglichkeit, daß jede Klasse über ausreichend viele Exemplare verfügt, um einen geordneten Leseunterricht zu gewährleisten. Der Lehrer hat weiter nichts zu tun, als seine Schüler zu veranlassen, die Zeitung, die von den Eltern gelesen wird, an einem jeweils zu bestimmenden Tage der Woche zur Schule mitzubringen. Natürlich ist es erforderlich, daß er selber die Blätter durchgearbeitet hat und weiß, welche Teile aus der Zeitung gemeinschaftlich gelesen werden1 sollen. Auf diese Weise wird es erreicht, daß die Lesefertigkeit der Schüler in der wünschenswerten Weise auf der Höhe gehalten wird, daß aber darüber hinausgehend die Schüler auch sachlich in hohem Maße gefördert werden können. Die. Ereignisse der Zeit, die sowohl die jüdische Gemeinschaft überhaupt als auch jeden einzelnen jüdischen Menschen angehen, werden auf diesem Wege auch in: der-Schule Gegenstand eingehender Aussprache, und es wird vom Lehrer der Forderung nach einem lebensnahen Unterricht weitgehend entsprochen werden können. Es dürfte sich erübrigen, hier diese Auffassung an einzelnen Beispielen zu demonstrieren. Man braucht nur an die mannigfachen Versuche zu denken, die von jüdischer Seite her unternommen werden, um das Schicksal, das uns zu ertragen auferlegt ist, zu meistern und man wird zugeben, daß ein derartiger Leseunterricht geradezu eine Notwendigkeit ist. Und auf noch etwas Anderes möge in diesem Zusammenhang hingewiesen werden. Das ist die Frage nach geeigneten poetischen Stücken für den Deutschunterricht Unsere Lesebücher enthalten zwar eine große Auswahl der besten Gedichte aus der deutschen Literatur. Was dagegen der jüdischen Schule fehlt, das sind Dichtungen, in denen sich das Fühlen, Denken und Wollen des Juden selber spiegelt. Daß dieser Mangel empfunden wird, das zeigen die Versuche mehrerer Schulmänner zur Sammlung und Herausgabe jüdischer Anthologien. In manchen Schulen hat die Lehrerschaft zur Selbsthilfe gegriffen und eine größere Anzahl spezifisch jüdischer Gedichte zu eigenem Gebrauch vervielfältigen lassen. Im übrigen aber fehlt das jüdische Gedichtbuch noch. Dabei liegen die Dinge so, daß namentlich in den letzten Monaten eine Reihe sehr wertvoller Gedichtsammlungen erschienen sind, die im Unterricht gut verwendet Werden könnten, wenn die Schüler sie besäßen. Wer aber weiß, wie schwer es ist, auch nur die allerhotwendigsten Lernmittel anzuschaffen, der wird zugeben, daß nur wenige Schüler in der Lage sein werden, die Bücher zu erwerben. Wollen wir Lehrer dennoch nicht darauf Verzicht leisten, moderner jüdischer Dichtung Einlaß in die Schule zu gewähren, so bleibt uns nichts Anderes üibrig, als geeignete Gedichte, wie sie häufig in jüdischen Zeitungen veröffentlicht werden, zu behandeln und andere, die sich in den obengenannten Gedichtbüchern befinden, den Schülern zu diktieren und auf diese Weise die erforderliche Anzahl zu erhalten. Zweckmäßig erscheint es, für derartige Diktate ein eigenes Heft beschaffen zu lassen und die Schüler anzuweisen, es mit besonderer Sorgfalt zu schonen und es dauernd aufzubewahren. Was die Verwertung des jüdischen Buche s anbetrifft, so wird niemand leugnen können, daß trotz oder gerade wegen der Schwere der Zeit eine Blütezeit für die jüdische Publizistik gekommen ist, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Die jüdischen Verleger wetteifern geradezu miteinander, inhaltlich gediegene und im Aeußern einwandfreie Bücher auf -den Markt zu bringen. Es steckt in ihnen ein ungeheuer wertvolles Material zur Förderung der Erkenntnis unserer