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Jüdische Schulzeitung · 1935-07-01 · 7 (1.7.1935) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
7 (1.7.1935)
Date
1935-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 7 Weckers, der von einem starken Erlebnis innerlich erfüllt ist. Manche von ihnen sind Visionen und als solche über das, was jeweils die historische Grundlage bildet, hinaus schicksalsgeladen und zukunftsweisend. So in »La Vision d'lsaac«, wo Gott Isaak den Sinn und die Deutung der jüdischen Existenz klarlegt und dann Isaak ergriffen nud erschüttert ausruft: „Elohim, Elohim! ne change pas leur sort! Qu'ils vivent, s'il le faut, condamnes au servage. Ou'ils errent en sanglots, par les lieux et ies äges — Mais qu'ils te Iouent, Dieu juste, et qu'ils voient ton visage! Wir fühlen, was das bedeutet und welch tiefer und geheimer Sinn in den Worten beschlossen ist. Und wir erfassen den Sinn der Worte, die er am Schluß von Pourquoi je suis juif seinem Enkel zuruft und wir erleben die überzeugende Kraft seines so elementar ausbrechenden Glaubensbekenntnisses. Um das literarische Bild des Mannes zu vervollständigen (die Auswahl erfolgt hier wie immer vom Grundsätzlichen des Themas aus), muß seine „Anthologie juive" erwähnt werden, die im gewissen Sinn ein Gegenstück zu Ecoute Israel darstellt und, ohne auf wissenschaftliche Anerkennung Wert zu legen, in populärer Form den Weg Israels durch die Jahrhunderte gehen will. Und zwar mit Hilfe von Texten, die den besten jüdischen Schriften aller Völker und Zeiten entlehnt sind und somit ausgesprochen enzyklopädische Bedeutung haben. Sämtliche hier erwähnten und noch zu erwähnenden Werke Flegs sind unterrichtlich auf einer Stufe zu behandeln, wo Reife und Einfühlungsvermögen ihr Verständnis ermöglichen1). „Le Marchand de Paris" tritt neben den „Kaufmann von Venedig". In ihm wird ein soziales Problem behandelt. Fleg hat sich hier eindeutig das Ziel gesteckt, einer allzu einseitigen und landläufigen Auffassung des jüdischen Kaufmanns entgegenzutreten. Er bemüht sich, dem einseitig verzerrten Bild des nur raffenden und wuchernden jüdischen Kaufmanns ein menschliches und lebenswahres gegenüberzustellen. Hierin liegt die Tendenz und m. E. auch die eigentliche Bedeutung des Stückes beschlossen. Hinsichtlich der literarischen Bedeutung des Marchand de Paris gehen die Meinungen der Kritiker sehr auseinander. Im Mittelpunkt steht Samuel Brizach, der gegen alle Widerstände die Theorie verficht und zur praktischen Anwendung verhilft, daß das im Erwerbsprozeß erworbene Vermögen auch denen zugute kommen soll, die es mit ihrer Hände Arbeit errungen haben- Kleine Meisterstücke der Form und der Darstellung sind Flegs Novellen „Salomo", die um jenen legendarischen Salomon gruppiert sind, von dem wir „buntere und umfangreichere Dokumente besitzen als von dem historischen oder biblischen". Salomon, so meint wiederum Fleg, „biete sich dar als einen Faust, einen zugleich jüdischen wie universellen, dessen Leben die ganze menschliche Erfahrung in sich birgt." Auch diese Sammlung schließt mit einer grandiosen Vision ab, die ich hier nur in ihrer letzten Phase wiedergeben kann: . . . Und hier in den Tiefen, erhob sich Salomon aufrecht auf dem Stein der Welt, wo das Herz Adams widerhallte vom Donnergetöse seiner eigenen Schläge. Mit seiner Hand erhob er die vier Edelsteine des Ringes, welcher den Namen des Ewigen trug. Alle Dämonen eilten herbei und riefen: Dir zu ewigen Diensten,: König Salomo!" Da befahl der König des Friedens: Baut den unsichtbaren Tempel! Dann starb er aufrecht." Unter denen, die eine jüdische Renaissance in Frankreich betreiben, steht Fleg an hervorragender Stelle- Im Unterricht sind Flegs Novellen etwa mit denen Gustave Kahns im besonderen als Stoffe für Nacherzählungen (Repi oduktionen) zu verwerten. Gustave Kahns: »Contes juifs« gruppieren sich um eine dem „Ewigen Juden" vergleichbare Gestalt, die im ersten und letzten Kapitel symbolisch verklärt auftritt. 1) Flegs Werke: Ma Palestine, Le Juif du Pape und Jesus werden in einem späteren Artikel behandelt. Mit Fleg sind zwei andere Persönlichkeiten zu nennen, die beide, wenn auch in ihrer Art verschieden, mit derselben Glut des Bekenners in die Erörterung und Darstellung des jüdischen Problems eintreten. Es sind Henri Franck und Andre Spire. Henri Franck Ein sehr bekannter Literarhistoriker hat im Morgen (2. Jahrgang, 2. Heft) das Wirken und die literarische Bedeutung dieses in jungen Jahren Dahingegangenen, vom Feuer seiner leidenschaftlichen Sehnsucht nach Wahrheit, Klarheit und Erweckung innerlich verzehrten Dichters so formuliert: „Henri Franck war eine der reinsten Gestalten jener Jugend, in der Frankreichs neue Geistigkeit vor dem Kriege ihren Widerhall fand. Er war, wie A. Spire meint, einer der ersten unter den französischen Schriftstellern, die sich zugleich als Franzosen und Juden empfanden und ihrem Empfinden auch mit der Feder Ausdruck verliehen. Die geistige Erneuerungsbewegung im Judentum, die seit 1912 ein französisches Organ in der ausgezeichneten „Revue Juive" hat, sieht in ihm einen Vorläufer. Er ist durch seine „Danse devant 1'Arche" be- * kannt geworden, seine Briefe wurden von Andre Spire herausgegeben". (Curtius.) Francks Familie stammte aus der jüdischen Bourgeösie des Elsaß. Als Knabe noch wurde er Zeuge jener leidenschaftlichen, politischen und kulturellen Kämpfe, die damals Frankreich erschütterten. Er fand Aufnahme in die Ecole Normale und ist, nachdem er viele Wandlungen durchgemacht hatte, sehr früh gestorben; eine zu größten Hoffnungen berechtigte Laufbahn wurde damit jäh unterbrochen. Auch hinsichtlich seiner spezifisch jüdischen Einstellung und Haltung ist, das darf man wohl sagen, damit eine Entwicklung zum beruhigenden Ausgleich unterbrochen worden- So schied Franck dahin, wohl in einer Zeit, in der er in dem Glauben an den Gott seiner Väter keinen Halt finden konnte. Les mots que tu as dits, je ne les comprends plus. „Das Gedicht »Danse devanu'Arcut:« wird zum Symbol einer gottverleugnenden und doch gottsuchenden Zeit." Wie muß dieser Mensch innerlich gekämpft und gelitten haben, der von tiefer, tragischer Sehnsucht nach Gott erfüllt ist: Je voudrais, moi aussi, m'eveiller sur ta face, Savoir, quand je te prie, au moins que tu m'entends. Le coeur le plus fidele et le plus vieux se lasse D'un roi toujours distrait, d'un coeur toujours absent. Und noch stärker erhebt sich die schmerzerfüllte und zugleich anklagende Stimme zu Gott, der stumm bleibt und den er in sich hineinrufen möchte (ähnlich wie in Zweigs: Jeremias). . Manifestez, enfin mon Dieu, Votre presence A Celui qui toujours vecut dans votre loi: Cessez de m'opposer un penible silence, Mon Dieu, approchez-vous de moi. Trotz des bloß Negativen verspüren wir die Kraft religiösen Erlebens und sind Zeugen einer dichterischen Begabung, die ihresgleichen sucht. Andre Spire Will man diesen Mann kennen lernen in seiner Offenheit Ehrlichkeit und seiner kraftvollen Energie, dann lese man das Vorwort zu Quelques Juifs et Demi-Juifs. Hier ist ein mutiger Bekenner und Erwecker am Werk, der keine Halbheiten duldet und sein Ziel einer jüdischen Bewußtwerdung und Renaissance gerade und mit offenem Blick verfolgt. Einer, der wie der Sturmwind dahin braust und dem Flegeischen » Ecoute Israel« den Ruf »Aux Armes« hinzufügt. Kraftvolles, sich seiner selbst bewußtes, vitales Judentum allein kann sich selbst erhalten und vorwärts bringen. Die jüdische Bourgeoisie hats ihm angetan. Was ist denen Judentum? Hören wir ihn selbst. (Avant-Propos IX): „Weder nach rechts, noch nach links, weder oben, noch unten: Das ist ihr Judentum. Etwas Ge- . ruhsames, Friedliches . . Sie hält sich für eine Elite, weil es ihr gelungen ist, in die katholische und protestantische

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