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Jüdische Schulzeitung · 1935-07-01 · 7 (1.7.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
7 (1.7.1935)
Date
1935-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeit uns Nummer" 7 Es ist in diesen Blättern schon des öftern dargelegt worden, daß unsere jüdischen Schulen auch heute noch in dem gleichen Raum stehen wie in früheren Zeiten; daß aber der Zustrom der Lernmassen nur noch in begrenztem Umfang angenommen werden kann. Indem die jüdische Schule — auch die nichtöffentliche — der Aufsicht und der Obhut der Staatsbehörden anvertraut blieb, indem zugleich ihre Aufgabe aus der völlig gewandelten Situation der deutschen Judenheit heraus eine weitreichende Modifikation erfuhr, sah sie sich mit einem Male vor besondre Schwierigkeiten gestellt. Mit ihnen kämpft die Lehrerschaft auch heute noch, und es kann nicht abgesehen werden, wann sie wieder einmal festen Boden unter den Füßen spüren wird. Wie sehr dieser Schwebezustand die Dynamik der pädagogischen Bemühungen hemmen mag, so darf es doch nicht sein, daß nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft würden, die uns in dem vorhandenen Spielraum geblieben sind, um den Forderungen des Tages, die unsere besondere Lage an uns stellt, gerecht zu werden. Ich denke in diesem Zusammenhang nicht so sehr an die Nöte, die der tiefgehende Wandel der seelischen und geistigen Landschaft um uns her uns gebracht hat und deren wir wohl Herr werden können in zweckfreier Bemühung um ihre Bewältigung. Nein, vor uns stellt sich vielmehr die drängende Frage hin: Wie rüsten wir unsere Jugend am zweckmäßigsten zu dem harten Kampf ums Leben, der ihrer in nie geahnter Größe wartet? Wenn wir unter dem Aspekt dieser Frage in den Unterrichtsbetrieb unserer jüdischen Schulen hineinschauen, dann will es uns scheinen, als ob vielerorts das einleitend gekenn-' zeichnete Beharrungsprinzip in einem Ausmaß vorwalte, wie es der Verantwortungsfülle nicht entspricht, die wir Erzieher der Jugend gegenüber zu tragen haben. Es fehlen nicht allein die auf die Erfordernisse der Gegenwart zugeschnittenen Lehr- und Stundenpläne und Lernmittel, sondern es fehlt auch weithin die Geneigtheit, im Unterricht die Wissensgebiete in den Vordergrund zu stellen, deren Erarbeitung im Hinblick auf die Zukunft unserer Kinder unerläßlich ist. Hier spielen ohne Zweifel auch weltanschauliche Gründe mit, über deren Rechtmäßigkeit nicht gestritten sei, von denen aber dennoch gesagt Werden darf, daß s'e Halt machen müssen vor den harten Realitäten des Lebens. In der Richtung zu einer derartigen Realität scheint es mir zu liegen, daß die meisten unserer jüdischen Kinder ihrer Lebensaufgabe einmal außerhalb ihrer deutschen Heimat werden dienen müssen; ein sehr erheblicher Teil wohl in Palästina. die übrigen in überseeischen Ländern. Bedarf es angesichts dieser Auffassung, deren Richtigkeit nur noch von Außenseitern bestritten wird, noch einer Begründung der Notwendigkeit eines intensiven Sprachunterrichts? Und dennoch zögert man, ihm den Platz einzuräumen, der ihm gebührt und ihn unter Prinzipien zu stellen, die der Aufgabe gemäß sind,, die er heute zu lösen hat. Man werfe nicht ein, daß überall Kurse in „Neuheihräisch", in Englisch und Französisch eingerichtet seien. So unentbehrlich sie auch sein mögen, sie sind noch nicht organisch in das Ganze der Schularbeit eingeordnet; es fehlt ihnen die Verknüpfung mit dem breiten Strom des Bildungsgutes, das an die Schüler herantritt, und nicht selten bedeuten sie eine fühlbare Erschwerung des Normaluntenichts, wie es deutlich zutage tritt in den Hebräischkursen. In den stundenplanmäßigen Lektionen lernen die Schüler Ssidur und Tenach in der üblichen aschkenasischen Aussprache, in den Privatkursen dagegen das Hebräisch Palästinas in der sephardischen. Der tüchtige Methodiker und der aufnahmebereite Schüler werden gewiß über die Schwierigkeiten dieser Doppelarbeit hinwegkommen. Dennoch werden wir uns entschließen müssen, die geistige Kraft der Schüler mit größtmöglicher Oekonomie in Anspruch zu nehmen und auf eine der Ausspracheweisen zu verzichten. "Ich bin der Meinung, daß es bedauerlich sei, wenn durch Maßnahmen der Schule die jüdische Gemeinschaft an kultureller Vielfalt ärmer würde, wenn also durch Verdrängung der aschkenasischen Aussprache ein wesentliches Akzidens gewachsener Eigenart aus unserer jüdischen Welt verschwinden würde. Ich erachte es aber .als unabweisbar, daß den Bedürfnissen des täglichen Lebens. Rechnung getragen werden müsse, und daß deshalb im Unterricht, auch in dem,'der der Quellenkenntnis und den Erfordernissen der Liturgie dienen will, allein Sephardith zu verwenden sei. Was für Einwendungen immer gegen diese Meinung erhoben werden mögen/es mutet doch wie eine Groteske an, wenn angesichts der Tatsache, daß viele unserer Kinder in absehbarer Zeit ausschließlich Hebräisch werden sprechen müssen, ihnen das Rüstzeug auf dem Umwege über eine im Lande nicht gebräuchliche Aussprache gegeben werden soll. AHein, es genügt nicht, dem bestehenden Problem vom Qualitativen her zu Leibe zu rücken. Der beste Unterricht wird keine befriedigenden Ergebnisse zeiligen, wenn ihm nicht ein ausreichendes Quantum an Zeit zur Verfügung gestellt wird. Diese Binsenwahrheit ist keiner Erörterung bedürftig; wohl aber muß sie dahin präzisiert werden, daß mindestens sechs Wochenstunden Hebräisch zu geben seien. Soweit dieser Forderung die behördlichen Bestimmungen entgegenstehen, also in öffentlichen Schulen, könnte ihr in etwa entsprochen werden difrch Herstellung eines organischen Zusammenhangs zwischen dem stundenplanmäßigen Unterricht und dem der nebenher laufenden Kurse. Liegt der gesamte Sprachunterricht in der Hand' desselben- Lehrers, so ergeben sich keinerlei Schwierigkeiten. Wird er von zwei Lehrkräften erteilt, so muß die Technik des Hand-in-Hand- Arbeitens auf der Grundlage eines wohlerwogenen Lehrplans ein solides, sauberes Zusammenspiel reifen lassen. Freilich bin ich mir dessen bewußt, daß ein vollwertiger Sprachunterricht nur von Lehrern erteilt werden kann, die die hebräische Sprache in der unserer Zeit angemessenen Struktur beherrschen, und daß es derartig vorgebildete Lehrer an den Volksschulen, aber auch an den Religionsschulen, nur vereinzelt gibt. Das ist ein Uebelstand, herausgewachsen aus der historischen Entwicklung der deutschen Judenheit, unabstellbar fürs erste, aber dennoch milderungsfähig, wenn die Lehrerschaft sich ihrer Verpflichtung bewußt ist und aufs energischste darangeht, den Fundus an hebräischen Kenntnissen zu erweitern und ihn gleichzeitig so umzuformen, daß er, im Unterricht sich fortwährend entwickelnd, und den Erfordernissen anpassend, am Ende doch noch in rechter Weise den Kindern zugute kommt. Es hat nie in einem Beruf zu Recht ein Stillstehen"" gegeben, sicherlich nicht in dem des Lehrers. Immer wieder stellte sich die Aufgabe vor ihn hin, umzulernen und neu an ihn herantretenden Situationen gerecht zu werden. Es wäre schlimm um die Aussichten seiner Schularbeit bestellt, wollte er sich, gestützt auf seine hebräischen Kenntnisse aus vergangenen Tagen, von dem Bewußtsein leiten lassen, er könne den Anforderungen der Zeit ohne erneute Bemühungen um die Erlangung des Instrumentes entsprechen, das die Gediegenheit seines Unterrichtes im gesprochenen Hebräisch verbürgt; * Aus der Ueberzeugung, die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Kinder werde nach Erez Israel auswandern müssen, ergibt sich die weitere Forderurig, daß die Palästinakunde — der Begriff ist hier im umfassenden Sinne genommen — mit ganz andrem Nachdruck behandelt werden muß, als es bisher geschehen ist. "Diese Forderung verliert auch dann nichts an ihrem Ernst und an ihrer Rechtmäßigkeit, wenn neben ihr die Auffassung steht, es sei unsere Pflicht, und es entspreche außerdem dem Zuge Unserer Herzen, jüdische Jugend aüch weiterhin aus dem Aspekt deutschjüdischer Seinsweise her zu belehren und zu erziehen. So gewichtig die- Gründe sein mögen, die für und gegen eine derartige Auffas-

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