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Jüdische Schulzeitung · 1935-07-01 · 7 (1.7.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
7 (1.7.1935)
Date
1935-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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11. lahrgang T^vvv^ -/f > Verlagsort: Mannheim 2 / / / ✓ Nummer 7 üdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den J.Juli 1935 Druck und Verlag Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.Siegfried Braun Köln, Lüjsowstraße 39 Zehn Jahre Preußischer Landesverband In dem verflossenen Monat konnte der Landesverband Preußischer Synagogengemeinden des Tages gedenken, an dem er vor zehn Jahren begründet wurde. Es ist an sich eine kurze Zeitspanne, die sein Dasein in sich faßt. Dennoch enthält sie eine Erlebnisfülle von gewaltiger Tragweite. Es gitwt kaum einen Abschnitt in der Geschichte der deutschen Judenheit, der eine Organisation vor derart plötzlich andrängende Aufgaben hingestellt sah wie diese letzten zehn Jahre. Der Landesverband hat sich redlich bemüht, ihrer Herr zu werden. Er hat, die Bedeutung der Erziehung wohl erkennend, das jüdische Schulwerk und all das, was mit ihm verknüpft ist, nach Kräften zu fördern gesucht. Die Lehrerschaft war nicht immer mit den Maßnahmen des Landesverbandes einverstanden; sie hat es an einer ins Positive hinzielenden sachlichen Kritik nicht fehlen lassen. Dennoch erkennt sie gern die Größe der geleisteten Arbeit an. Möchten dem Landesverband die Kräfte zu eigen bleiben, deren er in dieser notreichen Zeit bedarf! Was not tut Von Dr. Siegfried Braun Es liegt in der Natur alter Institutionen, .geschichtlichen Ereignissen gegenüber auch dann eine Weile lang unempfindlich zu bleiben, wenn sie dem Sturmwind gleich über die Menschen hereinbrechen und die gewohnten Ordnungen des Daseins urplötzlich umgestalten. Selbst dann, wenn die Träger der Institutionen Sinn und Reichweite historischer Wenden erfassen, entschließen sie sich nicht leicht, dem, was an Neuartigem fordernd vor sie hintritt, Einlaß zu gewähren. Es erweist sich vielmehr, daß der Hang zur Stetigkeit in der Arbeit stärker ist als die Einsicht in die Notwendigkeiten des Tages; daß nicht nur Menschen einer Institution ihr Charakteristisches geben, sondern daß auch im Wechselspiel der Kräfte die Institution den sie tragenden Menschen den Stempel ihrer Eigenart aufdrückt. Das, was mit dem mehrdeutigen und im Hinblick auf seinen Wert in vielfacher Tonnuancierung gebrauchten termlnus „Tradition" gemeint ist, umfaßt jene Imponderabilien, die hier dauernd am Werk sind und es zuwege bringen, daß selbst die mit atemraubender Vehemenz sich vollziehenden Umwälzungen das innre Gefüge altgewordener Einrichtungen zunächst nicht ernstlich zu erschüttern vermögen. Was im günstigen Falle geschieht, das tritt als Konzession an das Neue ans Tageslicht, als partielle Kapitula- *' tion vor ihm im Theoretischen, unter Beibehaltung des Gewohnten in der praktischen Arbeit. Es bildet sich ein Zwischenreich, in dem das Alte zwar mit dem Neuen zu kämpfen beginnt, in dem aber zumeist noch auf lange Sicht hin das Gesetz der Trägheit seine Herrschaft behält. So lange Zeitabschnitte in Frage stehen, in denen im wesentlichen eine kontemplative Haltung zur Welt durch historische Vorgänge getroffen wird, so lange mag es hingenommen werden, wenn die Menschen der Entscheidung ausweichen und lavieren. Wenn aber das Dasein in seiner nackten Kreatürlichkeit und in seiner ganz irdischen Entfaltungsmöglichkeit fordernd an sie herantritt, dann bedarf es einer besonderen Kraftanstrengung, altgewohnter Uebung zu entsagen und mit veränderter Blickrichtung in die Gestaltung der Dinge einzugreifen. Zu den Institutionen, die im allgemeinen lange Zeit gebrauchen, einen Umbruch zu vollziehen, gehört die S c h u i e. Es liegt in ihrem Wesen begründet, daß die Arbeit in ihr einen Zug zum Konservativismus aufweist, daß sie sich fernhalten muß von Experimenten, deren Ergebnis mehr als problematisch ist. Die Schule hat die Aufgabe, die Jugend nach allen Seiten hin so vorzuformen, daß das Leben nach der Schulzeit geeignete Ansatzpunkte zur Fortführung der vom Lehier geleisteten Arbeit vorfindet. Ob die Schule dieses Ziel erreichen kann, das sei hier nicht untersucht. Wer sich in ihren Dienst begibt, der kann unmöglich aus e.'ner pessimistischen Grundhaltung heraus zu Werke gehen, der muß so tun. als ob die Aufgabe der Erziehung und des Unterrichts prinzipiell gelöst werden könne. Wie hoch oder wie gering darüber hinaus der Wert der Schularbeit angesetzt werden mag: das darf nicht bestritten werden, daß ein Herumprobieren, ein fortgesetztes Jagen nach Neuem den Kindern in jedem Falle unzuträglich ist. So ergibt sich ganz von selbst die Grundrichtung in der Schule: die goldne Mittelstraße, gekennzeichnet durch ein großes Maß an Stetigkeit, durch weise Beschränkung im Versuch und durch Bewahrung eines guten Schusses konservativer Gesinnung im Ganzen des Erziehungswerkes. Damit ist nun aber auch die Grenzlinie gezogen, die den ertragreichen Fortgang der Schularbeit scheidet von unfruchtbarem Trott. Innerhalb ihrer mag immer sich der Lehrer bewegen mit einer gewissen Freiheit der Entscheidung im Sachlichen und im Methodischen. Außerhalb dagegen winkt ihm nur Erstarrung und Verkrustung, die seine Kraft lahmlegen. Das gilt für alle Schulen; es gilt heute und hier insbesondere für die jüdische Schule. In früheren Zeiten fand sie sich eingefügt in das allgemeine Schulwerk, völlig im Organisatorischen und in weitem Umfang auch im Hinblick auf Zielsetzung und praktische Verwirklichung. Lediglich der schmale Bereich, der seinen Inhalt vom Jüdischen her erhielt, eine Art Grenzgebiet, war den jüdischen Lehrern zu eigener Gestaltung überlassen. So konnte es kommen, daß sie sich zwar zuweilen recht hitzig um Fragen stritten, die die jüdische Seite der Arbeit betrafen, daß sie aber im Großen und Ganzen die Impulse zur Unterrichtsgestaltung und die zu verarbeitenden Materialien von der Umwelt erhielten.

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