Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 6 (1.6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4\ J ü dl s ch e Sc h u 1 z e i t u n g Nummer 6 von Ihm sagen kann, ist, daß er bewußter Jude ist und dadurch in. keiner Weise von denjenigen Bezirken seines Seins und seiner Pflichten abgedrängt wird, die ihm aus der natürlichen, selbstverständlichen Verbundenheit mit seine'r Heimat erwachsen. Seine Werke haben stark autobiographischen Charakter, sie sprechen zu uns von seinem Ringen, seinem Werden, seiner Erprobung. Sie dürfen, weil sie persönliche Offenbarung mit allgemein Problematischem verknüpfen, im Unterricht erst auf der Stufe dargeboten werden, wo innerlich reife und gefestigte Menschen zu ihrer Aufnahme und Verarbeitung befähigt sind. Pourquoi je suis juif. (Warum ich Jude bin) Fürwahr, ein Bekenner- und Bekenntnisbuch ersten Ranges' Ermutigend, weil es so offen, ehrlich und wahr ist. Jedem, der mit sich und dem Religiösen seiner Existenz zu ringen hat, sei es zur Hand gegeben. „Mit 20 Jahren", so schreibt Fleg, „glaubte ich von Israel nichts mehr zu haben. Ich war davon überzeugt, daß es verschwinden würde, daß man von ihm in 20 Jahren nicht mehr sprechen würde. Die 20 Jahre sind vorbei, und weitere 12 noch, ich bin wieder Jude geworden, so augenscheinlich, daß man mich fragt: Warum?" Das Buch, das seinem Enkel gewidmet ist, gibt auf diese Frage Antwort. „Wenn du glaubst", so spricht er zum Enkel, „die Flamme Israels sei in dir zum Erlöschen gekommen, siehe und warte! Eines Tages wird sie wieder zünden. Es ist eine sehr alte Geschichte, die mit jedem Jahrhundert wieder beginnt. Israel hatte tausendmal Gelegenheit zu sterben, und tausendmal wurde es wieder zum Leben erweckt. Ich will dir erzählen, wie es in mir gestorben war und wiedererweckt wurde, damit du, wenn es in dir versinken sollte, deinerseits seine Wiedergeburt verspürst." Fleg ist in einem Hause aufgewachsen, in dem ein zwar ritenhaftes,- aber nicht lebendiges Judentum geübt wurde. Früh setzte er sich mit Gott und der Welt auseinander. Vergleiche wurden angestellt über das Wesen der Religion, die Stellung des jüdischen Bekenntnisses zu anderen und über anderes mehr. Die Frage, warum er Jude wird, setzt die andere voraus, warum er Jude zu sein aufgehört hat. Die starken inneren Kämpfe dieser Zeit bildeten die Grundlagen eines sogenannten Kinderbuches des Enfant prophete (Der kleine Prophet) Wenn man ihm diesen Namen gegeben hat, so darf und soll dies uns nicht dazu verleiten, es nur Kindern in die Hand zu geben. Denn es ist kein Lehrbuch, in dem Kindern aufgegeben wird, sich so oder so gewissen entwicklungsmäßig bedingten Konflikten zu entziehen und Prozesse zu umgehen, die in der Entwicklung nun einmal zwangsläufig eintreten. Ebenso wenig dürfte es für diese oder jene jüdisch-politische Richtung beansprucht werden. Es sei aber ausdrücklich betont, daß hinter der Naivität der Darstellung ein tiefer Ernst und ein brennendes Verlangen nach Wahrheit und Klarheit sich verbirgt. Schluß folgt! Das Buch eines Lebens Unter diesem Namen erschienen vor kurzem die Erinnerungen des ehrwürdigen Historikers S. M. Dubnow*). Der Verfasser betrachtet sein Buch als „Bekenntnisse einer Seele", als Fazit eines Lebens und als Quelle für die Geschichte einer abgeschlossenen Epoche, die am Scheidewege zweier Jahrhunderte liegt. Der Lebensbericht des Verfassers, talentvoll und teilweise glänzend geseih rieben, ist im Ganzen überzeugend und subjektiv wahr. Dieses Buch voller Farben und Leben ist ebenso^ interessant als geschichtliches Zeugnis wie als menschliches Dokument. Historiker, Kritiker und Politiker in einer Person er- *) „Buch der Lebenserinnerungen und Reflexionen" (Riga, Verlag „Jaunatnes Gramata"). zählt und bewertet er die Geschehnisse, deren Zeuge und auch bisweilen Teilnehmer er selbst war. Dieses Buch umfaßt auf seinen 420 Seiten die Zeitspanne von 1860 bis 1903, und umreißt für diese Jahre das geistige Leben und die politische Bewegung innerhalb des russischen Judentums. Von Neuem erlebt jnan in diesem Buche die letzte Vergangenheit und erfährt vieles über die Grundzüge der intellektuellen Strömungen, über den Kampf der Ideen und Riehtungen und über die sozial-politischen Geschehnisse und Bewegungen jener Zeit. In dem autobiographischen Teil der Erinnerungen fallen die Stellen auf, in denen er sein zähes Suchen nach der Wahrheit, seine Irrungen, Zweifel und Leiden schildert. Der Verfasser erzählt mit großer Objektivität von den verschiedenen Zickzackwegen, die er auf seiner Suche nach der Wahrheit ging. Mit viel Selbstkritik beschreibt er ziemlich genau, die einzelnen Abschnitte seiner geistigen Entwicklung. Als Jüngling ist er Anhänger des extremem Kosmopolitismus, und sogar der reformierte Judaismus scheint ihm eine abgetane Weltanschauung zu sein. Seit 1886 tritt in seinen Arbeiten immer deutlicher die Wendung zum historischen Evolutionismus hervor- Später tritt er zu der progressiv-nationalen Idee über, die jetzt den früheren absoluten Rationalismus ersetzt. Die Krönung seiner Lehre ist die Ueberzeugung von der Wiedergeburt des Judentums; von der These der national-religiösen Tradition ausgehend/kommt er über die Antithese der Assimilation zur Sjmthese einer progressiven Kulturnation. Die Grundlagen der von ihm ausgearbeiteten und durchdachten nationalen Ideologie unter dem Namen „Autonomismus" bekannt, sind in seinen „Briefen über das alte und neue Judentum" dargelegt. Viel Raum nimmt die Beschreibung des tiefergreifenden, komplizierten und mühseligen Werdeganges der geistigen Selbstbestimmung in der russisch-jüdischen Intelligenz ein. ebenso wie der Kampf des Verfassers mit den häßlichen Erscheinungen in der jüdischen Literatur. In seinen Erlebn'ssen zeigt Dubnow uns Geschehnisse von ungeheurer historischen Bedeutung. Hier gibt der Verfasser eine Wertung der Ereignisse, in denen er selbst als Führer einer der kämpfenden Parteien eine hervorragende Rolle spielte- Aber kann man ein unbefangener Richter in einer Angelegenheit sein, in der man zugleich Richter und Beteiligter ist? Man muß zugeben, daß der Verfasser sich bemüht, aus seinen Erinnerungen nicht ein Buch über sich selbst, sondern ein Buch über die Epoche zu schreiben. Elegant führt er eine scharfe, polemische Feder. Nur schade, daß der Verfasser — wenn auch nur sehr selten — sich selbst untreu wird und bei der Charakteristik seiner Gegner sich so weit hinreißen läßt, daß man deutlich die Erinnerungen alter Parteikämpfe spürt. Besonders scharf und ungerecht erscheint die Charakteristik des bekannten-jüdischen Schriftstellers und Politikers M. G. Morgulis, der große Verdienste um das Judentum hat. Dieser hervorragende Rechtsanwalt opferte der jüdischen Sache seine große Praxis, die ihm einen materiellen Wohlstand sicherte. In Odessa gründete er die erste jüdische Handwerkerschule von Rußland „Trud". Mit seinem umfassenden Arbeitsplan, seiner vorbildlichen Organisation, seinen Lehrern unld der Mannigfaltigkeit seiner Abteilungen fand diese Schule weder in Rußland noch im Ausland ihresgleichen. Morgulis war der tatsächliche Leiter der Odessaer Abteilung der jüdischen Aufklärungsgesellschaft, der Palästinagesellschaft und einer Reihe anderer jüdischen kulturellen Anstalten und Schulen. Mitglied der Kommission des Grafen Palen, persönlicher Freund des bekannten Pirogoff und anderer herrorragender Staatsmänner der Befreiungsepoehc, leistete der verstorbene Morgulis viel für eine Milderung in der Behandlung der Judenfrage in Rußland. Morgulis war durch und durch Jude mit seinem ganzen Wesen, mit jeder Faser seines Herzens; ihn einen „Farblosen", einen „Opportunisten", einen „Führer der Assimilatoren" zu nennen«, ist menschlich ungerecht. Ungerecht ist auch die Charakteristik des J. L. Ssaker, der sich ganz der jüdischen Sache widmete. Im Vorwort spricht der Verfasser die Befürchtung aus, daß das 20. Jahrhundert keine Fortsetzung, sondern ein Gegen-