Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 6 (1.6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 6 J ü d i sch e Schul zeitung Seite 3 anschaulichen Grundsätze geworden ist, zu keiner ausgesprochenen Aufrollung der Judenfrage mehr gekommen ist, so hat das zunächst seinen Grund darin, daß seit langem die Juden Frankreichs nur in Großstädten wie Paris, Lyon, Marseille, Nizza und andern Städten wohnen, was als eine grundsätzlich bedeutende und entscheidende Tatsache zu werten ist. Weiterhin muß man in diesem Zusammenhange wissen, daß . aus der jüdischen Sphäre stammende Erscheinungen oder Entwicklungen alsbald vom gesamten öffentlichen und geistigen Leben der Nation erfaßt und verarbeitet werden (z. B. Dreyfuß. Bergson ist heute der Franzose, der mit seiner Abkehr vom Rationalen undseiner Hinwendung zum Irrationalen, zum Schöpferisch-Dynamischen Wegbereiter einer ganz neuen Auffassung von Menschen und Leben geworden ist.) Schließlich darf die Tatsache nicht außer Acht gelassen werden, daß zwischen sephardischen Juden und den Franzosen des Südens gewisse Uebereinstimmungen der Art und der Haltung bestehen, eine zunächst rein äußerlich zu wertende Erscheinung, die aber trotzdem in ihrer tiefen, weithin reichenden Wirkung nicht unterschätzt werden dürfte. „Bei beiden dieselbe Lebendigkeit, dieselbe Raschheit der Auffassung, dieselbe Liebe zur Klarheit, dasselbe eifrige Bemühen, das Beiläufige und Nebensächliche dem Großen und Ganzen unterzuordnen" (Parafe: Israell93l). Wenn es trotzdem in den letzten Jahren, vor allem in der Zeit nach, dem Kriege, zu einer Verlebendigung und Verinnerlichung des jüdischen Lebens in Frankreich gekommen ist, so geschah das einmal unter dem unmittelbaren Einfluß des Zustroms aus dem Osten, dann aber auch, weil bedeutende jüdische literarische Persönlichkeiten zu dem zentralen Problem ihrer Existenz Stellung zu nehmen begannen und schließlich auch, weil die politische und ideologische Auswirkung zionistischer Gedanken und Auffassungen in Frankreich ein verstärktes Interesse an jüdischen Fragen erzwang. In dem Vorwort zu „Quelques juifs et Demi - Juifs" (Bernard Grasset) spricht kein geringerer als Andre Spire (wir werden von ihm später zu reden haben) von der ungeheuren Wirkung, welche von dem von Charles Peguy in den Cahiers de la Quinzaine in der Uebersetzung von Mathilde Salomon veröffentlichen Werk Israel Zangwills: „Chad Gadya" ausging. Spire, das sei schon jetzt gesagt, sieht ungeheuer klar, vermeidet jegliche oberflächliche Betrachtungsweise und geht ohne Rücksicht, ohne falsche Scham und mit seltenem Einfühlungsvermögen an die Erforschung des jüdischen Phänomens heran. So heißt es im oben erwähnten Vorwort S. VIII: Französische Juden, die jeden Kontakt mit dem jüdischen Leben verloren hatten, die kaum etwas von der jüdischen Geschichte wußten, machten sich mit Eifer an ihr Studium' . . Allmählich fühlten sie, anstatt wie früher ihre jüdische Seele zu verbergen, das Bedürfnis, sie auszugießen, sie zu singen. Jüdische Gedichte, Romane, Dramen und Komödien erschienen. Eine in französischer Sprache geschriebene jüdische Literatur war entstanden. Und zwar waren es nicht nur Werke jüdischer Schriftsteller, sondern auch solche von Christen. Ihr Interesse war erweckt an dem „pittoresque" des jüdischen Lebens und den beängstigenden Problemen, welche das Vorhandensein jüdischer Massen inmitten der christlichen Völker Osteuropas und des Balkan aufwirft." Wie sich die jüdisch-französische Bourgeoisie zu diesen Renaissancebestrebungen verhielt, wird von Spire mit wenigen Strichen plastisch geschildert. Das Problem als solches wird in seiner Gesamtbedeutung psychologisch richtig erkannt und ausgewertet. Ich möchte im Rahmen dieser Ausführungen auf ausgedehnte geschichtliche und literarhistorische Bemerkungen verzichten. Nur soviel sei gesagt, daß die französische Revolution die Juden politisch eingliederte und die allgemein gültigen Grundsätze des öffentlichen und sozialen Lebens auch auf sie übertrug. Weiterhin soll nicht unerwähnt bleiben, daß die französische Romantik diejenige Richtung gewesen ist, die jüdische Stoffe wohl zum ersten Male, nicht um des Materials und der Probleme willen verarbeitet hat, sondern um einer gewissen Uebereinstimmung auf seelischem Gebiete willen. Nicht die in der Romantik allgemein vorherrschende Tendenz, sich älteren Stoffgebieten, somit auch dem biblischen zuzuwenden, ist für ihre Grundeinstellung zum Judentum entscheidend. Vielmehr dürfte eine in ihrem innersten Wesen begründete seelische Haltung die Aufnahme und Verwendung jüdischer Motive bedingt und gefördert haben. Bevor ich nunmehr von einem Gedichte des Romantikers Vigny zu meinem eigentlichen Thema überleite, sei mir an dieser Stelle eine grundsätzliche Bemerkung gestattet. Ich habe im folgenden, ohne deshalb ganz wahllos das Gebiet zu durchstreifen, die Art einer mehr beziehungsgemäßen Verknüpfung der Stoffe einer schematisch-katalogisierenden Betrachtungsweise vorgezogen. Ich habe es auch unterlassen, die Stoffe in jedem einzelnen Falle unterrichtlich einzugliedern, sie methodisch zu ordnen. Es bedarf für den Lehrenden hierzu einer gewissen unterrichtlichen Erfahrung, auch hinsichtlich der Frage, wie weit in der Behandlung der einschlägigen Stoffgebiete verschiedene Disziplinen zusammenzuarbeiten haben werden. — Und zuletzt glaube ich, daß dem, der sie darbietet und sie schöpferisch gestaltet, ein möglichst großer Spielraum in der Auswahl der Motive überlassen werden muß. Das Gedicht, das uns den Uebergang zum Thema erleichtern soll, ist »Moise« von Alfred de Vigny. Stark und ergreifend zugleich! In einer packenden, das Seelische unheimlich stark widerspiegelnden Form zeigt es uns den großen, an äußeren Erfahrungen und inneren Erlebnissen gleich reichen Mann in seinem letzten, heroischen, gigantischen Kampf. Er ringt sich zur schmerzlichen Erkenntnis durch, daß er in seiner Macht einsam blieb: »J'ai marche devant tous, triste et seule dans ma gloire« und nie verstanden und geliebt wurde. »Aussi, loin de m'aimer, voilä qu'ils tremblent tous« . . 0 Seigneur! J'ai vecu puissant et solitaire. Kein geringerer als Edtnond Fleg hat das Mose-Motiv aufgenommen und es in eigenartiger Form schöpferisch neugestaltet. Er hat das Wissenschaftliche mit dem im Volke Weiterlebenden zu einer wundervollen Legende harmonisch verbunden, wobei er nach seinen eigenen Worten „ in der Art der Rabbiner selbst erfunden oder geschaffen hat oder den mitunter zahlreichen Fassungen neue Varianten hinzugefügt hat." Vor der rein wissenschaftlichtheologischen Kritik wird und kann dieses Buch nicht bestehen. Aber dem mit sich und der Welt ringenden und reifenden Jugendalter wird es erfüllende und klärende Lektüre sein: „Das Leben des Moses, des Mannes Gottes, ist in der heiligen Schrift enthalten. Aber wie unser Talmud lehrt, hat das Wort des Herrn mehr als einen Sinn. Hinter den heiligen Worten, die unsere Weisen lasen und wieder lasen, entdeckten sie manches Geheimnis, das der Einfältige nicht darin findet, auch hinter den bekannten Ereignissen manche unbekannten Ereignisse; daraus schöpften sie die Erzählungen, aus denen dieses Buch erwuchs." Diese Worte des Dichters geben seiner Auffassung und seiner Zielsetzung beredten Ausdruck. Das letzte Kapitel „Der Kuß Gottes" ist von seltener Tiefe des Erlebens und wie das Ganze in einer Sprache geschrieben, die in ihrer Einfachheit und Klarheit auch die bewegtesten Szenen und Situationen spielend meistert. Fleg, der vor kurzem seinen 60. Geburtstag feierte, stammt aus der Schweiz und ist der Sohn eines Schweizer Vaters und einer französischen Mutter. Er ist ein Mann von ungewöhnlicher Kraft des Geistes und der Seele- Erst in verhältnismäßig späten Jahren hat er sein jüdisches Erlebnis; das seiner jüdischen Haltung die endgültige Formung gab, nachdem schwere Kämpfe und gewaltige Erschütterungen voraufgegangen waren. Es ist m. E. falsch, diese heute klar zu überschauende und in ihrem Gehalt und Wesen restlos zu erfassende Persönlichkeit für diese oder jene religiöse oder jüdisch-politische Richtung zu beanspruchen. Das einzige, was man zusammenfassend und unter Vermeidung allzu kleinlicher Gesichtspunkte