Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 6 (1.6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer' 6 verweisen muß. Doch gibt es Ziele, die jene Erziehung aufzuzeigen hat; solche Ziele sind: „die Ueberwindung eines vom abgetrennten Intellekt bestimmten Lebens; das Ernstnehmen des Alltagsgegenüber der Errichtung geistiger Ueberwelteh; das Abkommen von der Unrast der vielfältigen, zersplitterten Strebungen, die ruhige Gestaltung des ganzen Lebens von einem Entscheidungszentrum her; der Mut zum Vertrauen gegenüber Menschen und Geschehnissen; die offene Konfrontation mit den Forderungen jeder Situation". (S. 51). Solche Erlebnisse, die eine Sinngebung des Seins vom Religiösen her erschließen, müssen mit dem objektiven Bestand des Judentums, zumal mit der Bibel, konfrontiert werden. Beeinflußt von Buber, den Gerson ausdrücklich als seinen Lehrer bezeichnet, wird so das Bibellesen, in einer recht untraditionellen Weise der Aneignung, zu einem" zentralen Bestandstück der jüdischen Erziehung. Es ist das Besondere dieses Lernens, „daß man nicht nur von der rein persönlichen Erfahrung her zu einer Klärung des religiösen Weges gelangen muß, sondern die Erfahrung des biblischen Erzählers dabei mit aufnehmen kann". (S. 53.) Wie aber das Israel der Bibel in der eigenartigen Konzeption des Gottesvolkes zugleich Religionsgemeinde und Nation ist, so fügt das rechte Bibelverstehen den Lernenden auch „in den geistigen Zusammenhang der jüdischen Volksgeschichte" ein. 3. Auch über die Ausführungen Gersons zur zionistischen Entscheidung seines Bundes wollen wir liier nur insoweit sprechen, als sie pädagogischer Art sind- Durch den Zionismus verliert das Judentum den peinlichen Charakter der Teilha'ftigkeit, den es in der Galuth auch in gesetzestreuen Kreisen bewahren mußte. Dazu kommt im Liberalismus noch jene Abstraktheit des auf „Allgemein-Menschliches" beschränkten — nicht mehr anschaubaren und lebbaren, nur noch denkbaren — Judentums, welche Verkürzung sich ja ausreichend genug als pädagogisch steril erwiesen hat. Während ferner die Geschichtstheologie der Galuth das ewige Leiden als das unabänderliche Schicksal des jüdischen Volkes erklären mußte, wird durch den Aufbau Palästinas „das\ Jude-Sein wieder etwas, womit man seine Lebenshoffnungen im ganzen verbinden kann . . . Und fast wichtiger noch als diese Gegenwartsbedeutimg des Landes ist seine Kraft als Land der jüdischen Zukunft. Hier darf sie ja eine Bauende sein, — und das trifft eine tiefe Sehnsucht des jungen Menschen, der das Leid der Galut erfahren hat". (S. 57). Die Form des Zionismus ist für die „Werkleute" die C h a 1 u z i u t. Dieser Weg wird augenblicklich immer mehr zur Heerstraße, auf welcher der beste Teil unserer Jugend marschiert. Wir Lehrer — wollen wir nicht von unseren Schülern einfach überrannt werden — müssen uns darüber Klarheit verschaffen, welche seelische Umschichtung mit der sozialen und ökonomischen verbunden ist. Gerson verweist auf die völlige Verschiedenheit zwischen dem bürgerlichen Berufsethos der persönlichen Karriere und des persönlichen Erfolges einerseits und dem chaluzischen Ethos der . Mitarbeit an einem Aufbauwerk, das objektiv notwendig ist und dessen persönliche Bedeutung um so größer ist, je tief ergreifend der es tragende Gemeinschaftswille ist". (S. 61, f.) Daß der Bund diese Aufgaben besser lösen wird als die Schule, entbindet die Lehrer keinesfalls von ihrer Pflicht der Hilfe bei diesem Wandel vom bürgerlich-individuellen zum chaluzisch-sozialen Berufsethos. III. Die „Werkleute" sind in dem Buch ihres Führers in erster Linie angesprochen (zwei von den drei Beiträgen sind Reden vor der Führerschaft des Bundes)- Aber indem in so schöner Sachlichkeit auf die Lage und Fragen der jüdischen Jugend Deutschlands eingegangen wird, dürften sich unsere meisten Jugendlichen — unbeschadet vieler weltanschaulicher Unterschiede — von diesem Buch mancherlei sagen lassen. Der Bund bekennt von sich: „Wir waren deutsche Wandervögel . . . Unser Bund ist nicht von einer jüdischen Fragestellung ausgegangen." Heute hat er in Chedera einen eigenen Kibbuz. Man hat den Werkleuten diese Absonderung und., Elitehaltung vorgeworfen, — ich glaube, zu Unrecht. Der Zionismus, wie jede große politische Bewegung/ist stets durch Verflachung mancherlei Art gefährdet. Da muß denn "die Massenbewegung es nur begrüßen, wenn kleine Gruppen verantwortlicher junger Menschen „die Auseinandersetzung mit den letzten Lebensfragen, die Lebenssinngebung, den Aufbau des ganz persönlichen Lebens . . . zum Gegenstand. gemeinsamer Fragestellung machen und zur eigentlichsten Grundlage erheben." (S. 89.) Damit sei die Lehrerschaft auf diesen kleinen Bund von Menschen aufmerksam gemächt, denen man das große Lob zollen kann, daß sie es sich nicht leicht machen und jeder ernsten Problematik standzuhalten sich bemühen, Menschen, die um die Bedingtheit alles menschlichen Tuns wissen — „Nicht an dir ist es, das Werk zu vollenden . . — zugleich und trotzdem aber durch die Tat bis zur Grenze des Möglichen durchzustoßen sieht verpflichtet wissen —" . . . doch bist du nicht frei, dich davon zu entbinden." Kurt Bergel. Jüdische Motive in der neueren französischen Literatur Eine literarisch-pädagogische 'Studie von Dr. Max Salomon. Frankfurt a. M. (Von der Julius Höxter - Stiftung zur Veröffentlichung empfohlen.) Die jüdische Schule von heute und die in ihr zur Anwendung gelangende jüdische Erziehung ist gegenwärtig und für die Zukunft vor schwere und schwerste Aufgaben gestellt. Ohne auf das Problem im einzelnen einzugehen, darf gesagt werden, daß nur klare Erkenntnis der Zusammenhänge und Ziele uns weiter bringen kann, daß wir-uns dabei aber fernhalten müssen von allzu theoretischen Erwägungen und schlagwortartigen Patentlösungen. Unter denen, die an der Schaffung eines normativen jüdischen Schulsystems in Deutschland arbeiten, soll der berufene und in der Praxis stehende Schulmann nicht fehlen. Unser gegenwärtiges Dasein muß von dem jüdischen Erlebnis getragen und erfüllt sein. Dieses Erlebnis zu wecken, wo immer es auch sei, ist die vornehmste und höchste Aufgabe der gesamten jüdischen Erziehung. Wie weit sich hierbei verschiedenartige Kulturkreise berühren oder schneiden, das zu untersuchen, kann hier nicht meine Aufgabe sein. Ich darf mich dem anschließen, was der Herausgeber der jüdischen Schulzeitung so formulierte: „Stand in dem Mittelpunkt der jüdischen Schule der Vergangenheit der deutsche Mensch mit einer mehr oder minder großen Beigabe von Jüdischem, so zielt die neue Schule auf den jüdischen Menschen hin, der sich wieder hineinstellen will in die Geschichte seines Volkes, der dessen Schicksal miterleben und im Vollgefühl der Verantwortlichkeit teilnehmen will an jedem Werk, das darüber hinaus ohne Grenzüberschreitung zwar, aber aus freiem Entschluß der Stimme folgt, die ihn von der deutschen Heimat her anruft"- Ist es somit einerseits Aufgabe der jüdischen Schule, einen Weg einzuschlagen, -der in „einer wie immer nur möglichen Nähe der breiten Straße verläuft", so ist es andererseits unsere Pflicht, in allen Disziplinen das herauszustellen, was von unserer Grundhaltung und Grundeinstellung aus im Sinne der Wekkung eines jüdischen Lebensgefühls wichtig und wertvoll zu sein scheint. Damit dürfte die Berechtigung des zur Behandlung stehenden Themas erwiesen sein. Wer ein objektives und klares Bild des jüdischen Lebens in Frankreich in seinen mannigfachen Ausstrahlungen gewinnen will, wird zunächst feststellen, daß es heute im landläufigen Sinne des Wortes eine Judenfrage nicht gibt, oder besser gesagt: noch nicht gibt. Wenn es seit der Dreyfußaffäre,.die ja über das Besondere ihrer Entstehung und Entwicklung hinaus zu einer Auseinandersetzung über die für Frankreich im ganzen maßgebenden politischen, rechtlichen, geistigen und weit-