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Jüdische Schulzeitung · 1935-06-01 · 6 (1.6.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
6 (1.6.1935)
Date
1935-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fclahrgang Verlagsort: Mannheim 2 Nummer 6 che Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichs Verbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis; 0.45 pro Quartal. Mannheim, den i. Juni 1935 Druck und Verlag; Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.SiegfriedBraun Köln, Lütjowstraße 39 ,Werkleute" Ueber bündische Erziehung und Lehrerschaft ji „Der Tag ist kurz, das Werk ist groß, die Arbeiter sind lässig, der Lohn ist groß und der Herr des Hauses drängt. — Nicht an dir ist es, das Werk zu vollenden, doch bist du nicht frei, dich davon zu entbinden. Rabbi Tarphon. (Leitwort der „Werkleute") I. : Anerkannt sind die jüdischen Jugendbiinde von den jüdischen Lehrern längst. Daß allerdings darüber hinaus eine wirklich fruchtbare Zusammenarbeit von Schule und Bund in vielen Fällen bereits gelungen ist oder auch nur tätig angestrebt wurde, muß leider bezweifelt werden. Beide Seiten zeigen eine merkliche Zurückhaltung, deren Motive aufzuspüren lohnend und notwendig wäre. Der — stets latent wache — Generationenkampf scheidet immer wieder die jungen Vertreter des Rechts auf Autonomie der Jugend von den älteren Vertretern von Forderungen der bereits geformten Gesellschaft, scheidet die erwachsenen Berufserzieher, deren Legitimierung Schulung und Erfahrung sind, von den jugendlichen Amateurerziehern, den Bundes- und Gruppenführern, die ihre Berufung oft genug durch einen unmittelbareren Zugang zum Leben und Wesen des jungen Menschen rechtfertigen dürfen. Die Zusammenarbeit von Bund und Lehrer ist nicht nur deshalb notwendig, weil die Verständigung zwischen allen Erziehern eines Kindes die Bedingung eines widerspruchslosen Erziehungsvorgangs ist, sondern weil auch — wie ich glaube — die Lehrer Bereicherung und ihre Arbeit Anregung durch die Bünde finden können. Ein Beweis für diese Behauptung ist das eben erschienene Buch von Hermann Ger so n: „Werkleute. Ein Weg jüdischer Jugend" (Kommissionsverlag Kedem, Berlin 1935), das Erziehungsprogramm des gleichnamigen Bundes zionistisch-cbaluzischer Jugend. Wir tun. dem Buche keine Gewalt an, wenn wir nur von seinem pädagogischen Inhalt sprechen, denn es ist selbst ein eminent pädagogisches Buch in dem Sinn, daß alle Fragen — politisch-soziale, weltanschauliche, religiöse — in ihrer Beantwortung durch einen klar gezeichneten Typ jüdischer Jugendlicher zu pädagogischen werden, oder anders gewendet: „die jüdische Erziehung bleibt nicht mehr teilhaft, sondern gibt die Antwort auf die menschliche Gesamtsituation des zu Erziehenden". (S. 35 f.) Weltanschauliche Auseinandersetzungen zielen immer auf ein Mögliches, pädagogische aber auf ein Wirkliches, und so wird Gersons Buch ein erfreulich konkreter Beitrag zur Klärung der Situation und Aufgaben jüdischer Erziehung. II. Aus den Betrachtungen Gersons greifen wir drei pädagogische Problemkreise heraus: „Einführung des Jugendlichen in den Zusammenhang der jüdischen Geschichte", religiöse Erziehung,Erziehung zur Chaluziut. T- Da Gerson immer sehr klar den westeuropäischen Juden als das pädagogische Objekt seiner bündischen Erziehung vor Augen hat,„einen Menschen, für den das Jüdische nicht mehr Lebensgrundlage, allenfalls Ziel eines gewollten Weges ist, muß für jedes jüdische Gebiet sozusagen der geometrische Ort des pädagogischen Zugriffs erst gesucht werden. „Die Situation, in der die Frage nach dem Wesen des Judentums auftaucht, scheint uns der Ort zu sein, an dem eine Befassung mit der Geschichte pädagogisch fruchtbar einsetzen kann." Geschichte als Wissenschaft vom vergangenen Geschehen, so würden wir radikal formulieren, hat pädagogisch nur als Mittel der Existenzerhellung Berechtigung. So verliert der Stoff das „Person-Jenseitige", das der sich selbst genügenden Wissenschaft des historisch-positivistischen Zeitalters eignete. Der Bund eignet sich seinem Wesen nach besser für eine solche Erarbeitung der Geschichte als die Schule. Der Bezug des Stoffes auf Persönliches (was nicht „Individuelles" zu bedeuten braucht) ist dem Gruppenführer meist ungezwungener möglich als dem Lehrer, der in weniger engem Verhältnis zu seinen Schülern zu stehen pflegt. Wichtiger aber ist, daß der Bund vor allem eine Lebensgemeinschaft ist und daher, wenn er zur Lerngemeinschaft wird, viel weniger abgetötete Wissensfragen stellt. „In der Befassung mit der jüdischen Geschichte müssen nach unserer Ueberzeugung drei Schichten der Darstellung herausgearbeitet werden; die ersten beiden ergeben sich mit Selbstverständlichkeit: die Darstellung des politisch-ökonomischen Geschehens, daran anschließend die Darstellung der geistigen Bewegungen und Leistungen der Zeit. Darüber hinaus aber soll noch einer übergeordneten Frage Raum gegeben werden. Man soll an diesem dargestellten Geschehen etwas von der Bestimmung des Volkes zu erfassen suchen; und im Zusammenhang damit wird man die jeweiligen geistigen Bewegungen als Verwirklichungsformen menschlicher Grundentscheidungen zu zeigen haben." (S. 42, f.) Die „Bestimmung des Volkes" wird allerdings von Gerson dann nicht deutlich genug dargestellt. 2. Auch die Behandlung der religiösen Erziehung wird bestimmt von der rechten Kenntnis der Menschen-, die es hier zu erziehen gilt. In einer religiös gesicherten Gemeinschaft kann jene pädagogische Rückfrage unterbleiben. Nicht aber hier, wo die Unfähigkeit zum Glauben — wie bei der Mehrzahl der jüdischen Jugendlichen in Deutschland — gerade aus Ehrlichkeit oft bis zur Religionsgegnerschaft gesteigert wird1)- Diesen Zustand als endgültig anzuerkennen, ist ebenso unmöglich, wie wenn man, umgekehrt," den Versuch machen wollte, diese Jugendlichen unvermittelt in das religiöse Leben der jüdischen Tradition hineinzustellen. So empfiehlt Gerson mit feinem pädagogischen Empfinden „religiöse Abstinenz" und meint damit „eine innere Distanz, die auf alles Religiöse Verzicht leistet, so weit es nicht lebensmäßig erfahrene Wirklichkeit ist." (S. 50.) Gerson weiß, daß religiöse Erziehung stets nur Hilfe und Wegweisung zu leisten vermag, den Menschen aber gerade im Entscheidenden auf sich selbst allein *) Man vergleiche hierzu meinen Aufsatz über „Religiöse Jugenderziehung" im Februarheft 1935 des „Morgen."

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