Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 5 (2.5.1935)
- Date
- 1935-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825355-2825360--0971-2826623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 J ü d i s c h e S c h u 1 z e i t u n g Nummer 5 vorkamen. Zu ihnen gehören neben der Bibel und dem Talmud auch die grundlegenden Werke unserer mittelalterlichen Meister mindestens bis hin zum Kodex des Josef Karo. Wir wollen es nicht verschweigen, daß die überwiegende Mehrheit der Lehrer diese Werke zumeist nur dem Namen nach kennt, abgesehen vielleicht vom Schulchan aruch; der indes auch nur in einem kurzen Auszug gelesen zu werden pflegt. Im günstigsten Falle sind ihnen in den üblichen Leitfäden zur jüdischen Geschichte wenig besagende Textproben zu Gesicht gekommen, an die sie nicht ohne Unbehagen zurückdenken.. So mag es manchen-Lehrer geben, der etwa die „Emunot wedeot" des Saadja, den „Kusari" des Jehuda halevi oder den „More newuchim" und den „Mischne tora" des Rambam noch nie zu Gesicht bekommen hat. Es seien hier nicht die Männer angeklagt, die die Aufgabe hatten, werdende Lehrer mit dem notwendigen wissenschaftlichen Rüstzeug zu verseilen. Ganz abgesehen davon, daß nicht alle unter ihnen die erforderlichen Studien getrieben hatten und daß manchem die Gabe des rechten Lehrens fehlte,, ermangelte es auch den Schülern an Interesse, Zugang zu finden zur Welt des jüdischen Schrifttums. Sich etwa ebenso willig in hebräische Dichtkunst einzulesen wie etwa in das Nibelungenlied oder in Goethes und Schillers Dramen, wurde — so brachte es der Zeitgeist mit sich — nicht als selbstverständliche Verpflichtung empfunden. Das ist heute von Grund auf anders geworden. Auch wenn nicht infolge des politischen Umbruchs unser Verhältnis zur deutschen Kultur, wenigstens so weit ihre Förderung und Mehrung in Gegenwart und Zukunft in Frage steht, das Zeichen weitgehender Abstinenz trüge, auch dann sähe es freundlicher auf dem Gebiet des jüdischen „Lernens" aus als ehedem. Unter dem starken Einfluß von Männern wie Franz Rosenzweig, Martin ßuber und andere, und im Banne geistiger Bewegungen innerhalb der jüdischen Jugend hat die „Erwachsenenbildung" und mit ihr die Lehrerbildung starke Impulse erfahren, die natürlich noch gekräftigt wurden durch die Ereignisse der Zeit. Hinzu kam noch ein anderes, das in engem Zusammenhang mit den Bildungsbestrebungen steht: das Aufblühen« jüdisch verlegerischer Arbeit. Es mutet uns — darauf wurde in diesen Blättern schon des öfteren hingewiesen — wie ein Akt der Vorsehung an, daß in dieser Notzeit jüdische Verlagsunternehmungen, an ihrer Spitze das einzigartige des großzügigen und feinsinnigen Kaufmanns und Bibliophilen Salman Schocken, all die Kräfte zu mobilisieren verstehen, die in der Lage sind, altjüdisehes Schrifttum von neuem zum Leben zu erwecken und es der jüdischen Welt in modernem Gewände zugänglich zu machen. Gerade aus Anlaß des Rambamgedenktages sind uns eine Reihe von Büchern geschenkt worden, die uns Brükken sein können zum Eintritt* in die Gedankenwelt des Maimonides. Freilich, uns Lehrern dürfen derartige Brücken nicht genügen. Wir müssen darüber hinaus zu den unverkürzten hebräischen Texten mit ihren wesentlichen Kommentaren greifen. Und da Rambams Werk, soweit es im Bereich des Halachischen gründet, gewissermaßen die Spitze einer Pyramide ist, deren Basis von der Mischna und Gemara gebildet wird, so ist es, um die letzten Feinheiten seiner Gesetzessammlung, -Ordnung und -interpretation zu verstehen, erforderlich, den Zugang zu Rambam vom Talmud her zu suchen. — Zur unterrichtlichen Verwertung in den Schulen dürfte, soweit es sich um die Volksschule handelt, nur Weniges aus Maimonides geeignet sein. Vom More gar nichts, von dem Mischne tora eine umsichtige Auswahl. Professor Elbogen hat bei Schocken ein Leseheft erscheinen lassen, das mancherlei wertvolles Material, zum Teil nur für gereiftere Schüler geeignet, enthält. (Das Leben Rabbi Mosche ben Maimon.) Wir bringen weiter unten eine Probe aus Mischne tora unter der Ueberschrift „Wie der Weise lebt" (aus Rabbi Mosche ben Maimon von Nahum Norbert Glatzer, Doppelband Nr. 27 aus der Schocken-Bücherei). Derartige Themenbearbeitungen lassen sich mit vielem Gewinn in allen, Schulen behandeln. Und so dürfen wir unsere Betrachtung zu Maimonides Geburtstag in der Erwartung abschließen, daß Anaschim wenaschim, ketanim, gedolim usekenim, daß alle jüdischen Menschen teilhaben dürfen an dem Werk des erleuchteten und edlen Rabbi Mosche ben Maimon, dessen Andenken zum Segen sei! " ' . Neuerscheinungen zum Rambamtag Aus dem Schocken Verlag Nahum Norbert G1 a t z e.r: Rabbi Mosche ben Maimon. Doppelband 2.50 RM. Alexander Altmann: Des Rabbi Mosche ben Maimon More Newuchim. 1.25 RM. Ismar Elbogen: Das Leben des Rabbi Mosche ben Maimon; Leseheft Nr. 5. 0.40 RM. Fritz Bamberger: Das System des Maimonides. 6 RM, 7.20 RM. Leo Strauß: Philosophie und Gesetz. 6 RM, 7.20 RM. Aus dem Erich Reiss Verlag Abr- Heschel: Maimonides Biographie. 3.80 RM, 4.80 RM. Aus dem Verlag von Felix Meiner Der Führer der Unschlüssigen, übersetzt von Dr. Adolf Weiß. 2 Leinenbände 13.50 RM. Wie der Weise lebt Aus dem Mischne tora Der Weise wird, wenn er spricht, nicht schreien und lärmen, wie Tier und Wild, er wird seine Stimme nicht übermäßig erheben, sondern in Gelassenheit mit allen Menschen reden. Und wenn er also gelassen redet, sei er darauf bedacht, nicht zu übertreiben, damit sichs nicht wie hochmütige Rede anhöre. Auch komme er einem jeden Menschen mit seinem Gruße zuvor, damit man Wohlgefallen habe an ihm. Bei der Beurteilung eines Menschenneige er nach der günstigen Seite hin; seines Nächsten Lob teile er mit, seinen Schimpf nie. Er liebe den Frieden und eifre um den Frieden. Sieht er, daß seine Worte nützen und gehört werden, dann rede er, sonst bleibe er still. Wie das? Er versuche nicht, seinen Nächsten zu begütigen, solange der# noch erregt ist; er gehe auf die Lösung eines Gelübdes nicht ein, bevor der Gelobende sich gefaßt und beruhigt hat; er versuche nicht zu trösten, während die Leiche noch da liegt, weil vor ihrer Beerdigung der Mensch verwirrt ist. Wenn sein Nächster sich vergeht, schaue er nicht zu, sondern wende sein Auge von ihm ab".- An seinem Worte ändere er nichts ab; er füge nichts hinzu und streiche nichts davon, außer wenn es um den Frieden geht. Ein Weiser gehe nicht mit hoch aufgerichteter Gestalt und gereckten Halses. Auch gehe er nicht mit winzigen Schritten und langsam. Auch laufe er nicht auf der Straße wie ein Toller und krümme nicht seine Gestalt Wie ein Höckriger, sondern er senke sein Auge, als stünde er im Gebet, und gehe auf der Straße wie einer, der mit seinen Sachen beschäftigt ist. Auch daran, wie ein Mensch geht, "kann man erkennen, ob es ein Weiser und ein Mann von Charakter ist, oder ein Narr und Tor. Die Kleidung des Weisen sei einwandfrei und. rein. Er kleide "sich nicht in Prachtgewänder, in Gold und Purpur etwa, daß alle hinschauen müßten, aber auch nicht in ein ärmliches "Kleid, das seinen Träger herabsetzt, sondern in schlichte einwandfreie Kleider. Der Weise ordnet sein Leben nach dem Grundsatz der Rechtlichkeit. Er esse und trinke und ernähre seine Familie nach seinem Vermögen, bürde sich aber keine Lasten auf, die unerträglich sind. Unsere Weisen fordern diese Lebensart: Der Mensch esse nicht eher Fleisch, als es ihn danach verlangt. Einem gesunden Manne genügt es, nur am Sabbatvorabend Fleisch zu essen. Hat er aber die Mittel, so mag er jeden Tag Fleisch essen. Unsere Weisen fordern:. Der Mensch ernähre sich bescheidener, als es seinen Verhältnissen entspräche. Er kleide sich seinen Verhältnissen gemäß und gebe seiner Frau und seinen Kindern mehr, als es den Verhältnissen entspräche.