Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 5 (2.5.1935)
- Date
- 1935-05-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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11. lahrgang Nummer 5 üdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin G 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den 2. Mai 1935 Druck und Verlag Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.SiegfriedBraun Köln, Lii^owstraSe 39 Maimonides und wir S. B. In den hinter uns liegenden Wochen hat die jüdische Welt in Wort, Bild und Schrift des Tages gedacht, an dem vor achthundert Jahren Rabbi Mosche ben Maimon geboren wurde. Eine schier unübersehbare Fülle von Betrachtungen über den Menschen Rambam und über sein Werk hat sich in die jüdische üeffentlichkeit ergossen. Die „Waffenträger" des Meisters aus Fostat in unseren Tagen haben sich des Themas Maimonides mit Leidenschaft bemächtigt; sie haben durch Schilderung des schicksalreichen Lebens und durch eingehende Darstellung und Beleuchtung der maimonideischen Gedankenwelt versucht, diese große Gestalt innerhalb der jüdischen Geistesgeschichte wieder in den Mittelpunkt unseres Interesses hinzurücken, auf daß an die Stelle einer flüchtigen Erinnerung der Vorsatz trete, sich aus der Sicht unserer Zeit heraus erneut mit Rambam auseinanderzusetzen. Ob der Versuch in der erhofften Weise Erfolg haben werde, diese Frage möchten wir nicht ohne Einschränkung bejahen. Die denkerische Arbeit Maimunis ist in ihrem rein spekulativen Teil zeitgebunden; sie muß notwendig das Schicksal aller philosophischen Systeme erleiden, einmal zu veralten. Sie repräsentiert einen markanten Abschnitt der Geistesgeschichte und bietet .sich so als Gegenstand historischer Rückschau an, dem es versagt ist, regulativ in die Weise unseres Denkens einzuwirken. Auch was darüber hinaus dem Prozeß des Altwerdens nicht unterliegt, weil es aus der Sphäre des Glaubens herstammt und deshalb wissenschaftlicher Erledigung grundsätzlich entzogen bleibt, spricht zu einem beträchtlichen Teil heute die meisten Menschen nur noch als literarisches Denkmal an. Sie tragen das jüngere Erbe einer andern Weltbetrachtung als ausschließliche Beherrscherin des Lebens in sich; es läßt sich nicht leichthin abtun wie ein abgenutztes Kleid; wir sind noch immer in seinem Bann, und von der förmlichen Lossagung von der Epoche der Aufklärung bis zu ihrer faktischen Ueberwindung ist ein weiter Schritt, wie rege auch der Wunsch sein möge, daß er bald und rasch erfolge. Es ist heute eine weithin beliebte Redewendung, das Zeitalter, in dem die Menschheit versucht habe, dem Rätsel des Daseins mit den Kategorien der Vernunft beizukommen, sei vorüber, es gelte jetzt wieder das Irrationale. Uns will scheinen, als gebe man sich, betäubt vom Lärm des wildbewegten Lebens, einer Täuschung hin, als sei der Wunsch, zu innerer Ruhe zu kommen, der Vater des Gedankens. Zwar ist der Mensch unserer Tage bis in die Tiefe der Seele hin aufgewühlt; zwar ist ihm die Rechtmäßigkeit seines religiösen Verhaltens fragwürdig geworden, so daß er sich dem Einstrom metaphysischer Kraftquellen nicht mehr willentlich verschließt. Und dennoch verharrt die ungleiche Schwester der ratio, das Organ des Glaubens, noch bei vielen im Zustand der Verkümmerung und kann nicht wirksam werden. Welch ein Abstand zwischen Rambam und uns! Dieser Mann, dem sich sein Weltbild auf dem Wege exaktester logischer Untersuchungen formte, der unerbittlich war, wenn der Verstand Klarheit zu schaffen hatte, ihm war es gegeben, aus der unendlichen Schlichtheit und. Ungebrochenheit des Glaubens heraus von der Tora also zu sprechen: „Die Tora stammt von Gott. Das heißt, wir sollen glauben, daß diese ganze, in unsern Händen heute befindliche Tora die ist, die Mosche übergeben wurde, und daß sie ganz und gar von Gott stammt, daß sie also als ganze von Gott zu ihm kam, in einer Weise, die in übertragener Wendung Rede genannt wird. Wir wissen nicht, wie sie zu ihm gekommen ist, nur, daß er, Friede über ihn, derjenige ist, zu dem sie gekommen ist, und daß er einem Schreiber glich, dem man vortrug und der nachschrieb die Ereignisse der Zeiten, die Berichte und die Gebote. Deshalb wird er Gesetzstifter genannt. Und es besteht kein Unterschied zwischen den Worten (1. Buch Mosche, 10°): „Die Söhne Chams sind Kusch und Mizrajim, Put und Kanaan", oder (1. Buch Mosche, 363,J): „Der Name seines Weibes Mehetabel, Tochter Matreds", oder (1. Buch Mosche, 361-): „Timna aber war ein Kebsweib des Elifas Sohns Essaws" und den Worten (2. Buch Mosche, 202): „Ich bin dein Gott . . ." oder (5. Buch Mosche 64): „Höre Jisrael! Er unser Gott, Er Einer!" — denn all dies kommt aus dem Munde Gottes und all dies ist die vollkommene, reine, heilige und wahre Tora Gottes . . . Auch die überlieferte Auslegung der Tora kommt aus dem Munde Gottes. Und unsere heutige Form der Laubhütte, des Feststraußes, des Hornes, der Schaufäden und der Gebetriemen und von ähnlichem ist die gleiche Form, die Gott Mosche, und dieser uns mitgeteilt hat, seiner Sendung getreu . . ." (Zitiert aus Rambams Mischnakommentar nach Nahum Norbert Glatzer in Nr. 27 der Schockenbücherei.) Es war nicht die Fülle seiner wissenschaftlichen Einsichten, die Rambam befähigten, diese dem Talmud entnommenen ülaubensgrundsätze sich zu eigen zu machen; es war ihm vielmehr die göttliche Gnade zuteil geworden, gläubig sein zu können. In seiner Seele wehrte die Vernunft dieser Gnade nicht den Eintritt, und so ward sie in der Harmonie beider Kräfte des Daseins Herr. Wenn wir uns, angeregt von äußerem Anlaß, bemühen, in Rambams Lebenswerk heimisch zu werden, wird uns vielleicht die Erkenntnis aufgehen, daß nicht der Trieb, das Leben von der Seite der Vernunft her zu bewältigen, an sich dem Gläubigwerden abträglich ist, sondern die Tatsache, daß er im Anspruch auf die ausschließliche Herrschaft sich dem Zugang der göttlichen Gnade entgegenstellt. So gesehen, mögen diese Wochen des Gedenkens in ihrer möglichen Wirkung über das Konventionelle hinausreichen und die Bemühungen fördern helfen, die Judenheit einer religiösen Wiedergeburt entgegenzuführen. * Wir jüdischen Lehrer sind Glieder des jüdischen Volkskörpers und damit eingetan in die Gesamtheit derer, zu denen die Rambamgedenkzeit sprechen soll. Darüber hinaus aber stehen wir denn doch noch in einem besondern Verhältnis zu dem Gefeierten wie zu jedem bedeutenden Menschen unseres Blutes- Wir sind dazu berufen, die Kontinuität im Geistigen der jüdischen Gemeinschaft zu wahren, sowohl durch ständige Selbstförderung als auch durch unsere Arbeit in der Schule und in der Gemeinde. Fähig zur Lösung dieser Aufgabe werden wir aber nur dann sein, wenn wir uns bemühen, Zugang zu den Quellen zu finden, aus denen jüdisch-kulturelle Leistungen her-