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Jüdische Schulzeitung · 1935-04-01 · 4 (1.4.1935) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
4 (1.4.1935)
Date
1935-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer 4 Rücksicht (soziale Lügen) 23%, aus Angst vor Strafe (asoziale Lügen der Abwehrform) 17,2%, aus Bequemlichkeit (asoziale Lügen der Abwehrform) 10,3%, aus Ehrgeiz und Selbstbetonung (asoziale Lügen der Strebeform) 6,4%. Dann folgen die Lügen aus Angst vor Lächerlichkeit und Mißachtung (asoziale Lügen der Abwehrform) mit 5,7%. Antisoziale Lügen betrugen 1,2%. Die Sondergruppe S umfaßte die Lügen, „die mit dem Unterricht und der Lehrerpersönlichkeit zusammenhängen" und betrug 35,3%. Bei Mädchen verteilen sich die Werte folgendermaßen: aus kameradschaftlicher Rücksicht 21,1 Proz., aus Angst vor Strafe 14,4%, aus Bequemlichkeit 10,6%, aus Angst vor Lächerlichkeit und Mißachtung 4,3%, antisoziale Lügen 1,4%. Sondergruppe S 27%. Der Rest bei beiden Gruppen entfällt auf Lügen aus Ursachen, die im Fragebogen nicht mit aufgeführt waren. Die Verteilung auf die einzelnen Klassen ergab folgendes Bild: Lügen aus sozialer Einstellung haben in allen Klassen die größte Bedeutung. Ihre Häufigkeitnimmt jedoch im Laufe der Schulzeit von Sekunda bis Prima im allgemeinen ab. Lügen aus Angst vor Strafe., aus Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit spielen eine große Rolle. Lügen aus Ehrgeiz und Sel-bstbetonung treten bei Mädchen sehr stark — besonders auf Obersekunda — in Erscheinung (Mädchen 20,7%, K n a ib e n 6,4%). L ü gl e n aus a n t i s o z i ai 1. efr E i n - Stellung haben in der Schule eine nur untergeordnete Bedeutung. Wir geben nun im folgenden ganz knapp gehaltene Berichte von Schülern und Schülerinnen über einige ihrer Schullügen nach Motivgruppen geordnet: 1. Soziale Lügen. Wie wir bereits sahen, nimmt die soziale Lüge durch alle Klassen hindurch einen sehr breiten Raum ein. Ein Obersekundaner schreibt: „Eine Lüge aus kameradschaftlicher Rücksicht betrachte ich nicht als Lüge. Ich finde, der Beweggrund, aus dem sie entsteht, hebt die Lüge auf." Eine Obersekundanerin: „Lügen aus kameradschaftlicher Rücksicht habe ich nie bedauert." Ein Unterprimaner: „Eine soziale Lüge habe ich nie bedauert, wenn auch daraus für mich weitere Komplikationen entstanden." Viele Jugendliche gehen bei Beantwortung dieser Frage auch" auf den Einfluß der Klasse auf die Lügenhaftigkeit des einzelnen Jugendlichen ein. Ein Primaner schreibt hierzu: „In den unteren Klassen kann man von einer Klassengemeinschaft noch nicht sprechen, da ja die Jungens zu jung und noch nicht lange genug in der Schule sind. So kommt es also vor, daß man in den unteren Klassen lügt zum Nachteil seiner Kameraden- Dagegen entwickelt sich im Laufe der Jahre eine Klassengemeinschaft. In den höheren Klassen ist der Standpunkt ein ganz anderer geworden. Wenn man dann lügt, so tut man es meist im Interesse der Gemeinschaft und mit Rücksicht auf seine Kameraden." 2. Die Mehrzahl der Schullügen hat asozialen Charakter, teils der Abwehrform, teils der Strebeform. Was wird nicht alles in der Schule zusammengelogen aus Angst vor Strafe! Zu diesen Bestrafungen sind zu rechnen: Schlechte Noten. Tadel, Einträge in das Klassenbuch, Mitteilungen an die Eltern, Verschlechterung der Prädikate in Arbeiten und Zeugnissen, Arrest, Androhung der Verweisung usw. Besonders die Untersekundaner nahmen zu diesen Fragen Stellung und versuchten oft in unverfälschter Redeweise ihrem Herzen Luft zu machen. Ernster zu nehmen sind schon die Primaneraussagen. Ein Primaner schreibt: „Die Lügen in der Schule sind sicher nicht so zu werten wie sonst im Leben. Man muß eben besonders diesen Faktor berücksichtigen,, der vieles erklärt. Meistens handelt es sich bei diesen Lügen um Lügen aus Angst vor Strafe. Ich muß hier allerdings feststellen, daß mit dem Wandel der Unterrichtsmethoden und der Verjüngung des Lehrkörpers eine Wandlung eingetreten ist." Viele Oberprimaner behandeln diese Frage im Zusammenhang mit der Lehrerpersönlichkeit, greifen oft die Lehrergeneration an, wägen anderseits wieder feinsinnig ab, machen dem ganzen Schulsystem und nicht der einzelnen Person Vorwürfe und tragen auf diese Weise viel fruchtbare Gesichtpunkte in diese Diskussion hinein. Auch das Problem der Schulgemeinde (innere Gemeinschaft von Lehrern und Schülern) spielt eine große Rolle. Besonders die Mädchen sprechen sehr stark von diesem Vertrauensverhältnis von Lehrer und Schüler, „das diese Lügen aus Angst vor Strafe zu beseitigen imstande ist". Eine Primanerin: „. . denn heute opfern sie mehr denn je viel Zeit ihren Schülern und Schülerinnen. Ich denke an die großen Wanderungen, Festlichkeiten usw. Das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler wird dadurch ein ganz anderes als früher, weil der Lehrer eben nur Lehrer war." Wir übergeben die Motivgruppen Angst vor Lächerlichkeit und Mißachtung und bringen einige Berichte über die asozialen Lügen der Strebeform, die, wie wir bereits zahlenmäßig feststellen konnten, besonders bei Mädchen eine große Rolle zu spielen scheinen. Im weitesten Sinne gehören zu dieser Gruppe die Lügen, die eine Uebersteigungsform der Selbstbetonung darstellen können, wie Prahlereien usw. So schreibt ein Primaner: „Die meisten meiner Lügen beruhen auf dem Bestreben, einen möglichst guten Eindruck zu machen. Meist sind es nicht direkte Lügen. Ich rede von Büchern, Theater, Musik, Kino, auch wenn ich keine Ahnung davon habe, schildere auch mitunter Erlebnisse, die ich nicht hatte." (Phantasielüge? siehe Teil I dieses Aufsatzes.) 3. Die antisozialen Lügen haben eine ganz untergeordnete Bedeutung, so daß es sich erübrigt, darauf näher einzugehen. Interessant ist die Durcharbeitung des Tatsachenmaterials, das sich auf die Frage 8 des Fragebogens bezieht: „Kann nach Deiner Meinung ein Zustand in der Schule herbeigeführt werden, in dem die Schilllüge noch mehr zurücktritt oder verschwindet, und wie denkst Du Dir den Weg oder die Mittel, die dorthin führen?" Von jeher haben die Pädagogen versucht, die Lügen aus dem Herzen der Jugendlichen zu bannen und die Wahrheit zu pflegen. Jedes denkbare Mittel wurde bereits angewandt. Alle diese Bestrebungen der Pädagogen haben jedoch recht wenig positive Resultate gezeigt. Die Schülerlüge blüht heute trotz aller dieser Mittel in vielen Fällen ebenso üppig wie früher. Meiner Meinung nach, und ich stütze mich hierbei auf die vielen Berichte der Jugendlichen, wird von vielen Pädagogen die soziologische Bedingtheit der Schullüge noch nicht klar genug erkannt Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, daß der Schüler auch immer mehr oder weniger ein Produkt seines Milieus ist. Solange der Jugendliche sehen muß, daß die Erwachsenen lügen, wird er auch in die Lage kommen, die Lüge für sich zu verwenden. „Wir können die Schullüge nicht ausrotten, denn wir sind Menschen", sagt ein Untersekundaner, „aber wenn wir auch die Schullüge nicht ausrotten können, so können wir sie auf ein Mindestmaß zurückdrängen", lautet die übereinstimmende Antwort vieler Berichte. Der Jugendliche will in seiner Situation verstanden werden. Er will, daß an ihn in einem bestimmten Fall kein strengerer Maßstab angelegt wird als an Erwachsene. Er will verstanden sein. Wir dürfen also die Entwicklung psychologischer Momente einerseits, die soziologischen Bedingungen, unter denen der Jugendliche steht, andererseits bei der Beurteilung und Wertung der Schülerlüge für die Schülerpersönlichkeit nie aus den Augen verlieren. Wir müssen versuchen, Einblick zu gewinnen in die seelischen Depressionen, unter denen der Jugendliche oft in der Schule steht. Wir dürfen nicht lediglich „ein Gefäß sein voll mit Wissen, jederzeit bereit, abzugeben", wie ein Primaner seine Lehrer anklagt. Aus den Berichten wird so klar, und die Schülergeneration drängt darauf, es immer wieder auszusprechen, daß die heutige Schule nicht mehr ein vom übrigen Leben abgekapselter Organismus sein darf. Will der Lehrer den Schüler auch in diesen unangenehmen Situationen verstehen, dann ist nach den übereinstimmenden Berichten vieler Jugendlichen ein erster Weg gebahnt zu dem Vertrauensverhältnis, das dann nach und nach zu einer rechten Gemein-

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