Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825355-2825359--0965-2826616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nummer 4 Jüdische S c hui zeit u ng Seite 5 Schreibers die Ankündigung, des Königs Namen ehrenvoll den kommenden Geschlechtern zu übermitteln, am natürlichsten. Wenn der Anlaß dieser Dichtung noch so weltlich war, so strömen doch auch religiöse Gedanken von echt israelitischer Prägung in diesen Sang ein". Schönheit und Anmut sind Gaben Gottes, die nur den Würdigen verliehen werden, und daher auch dauernden Segen verheißen. Gilt es Taten der Tapferkeit zu verrichten, dann sei nur eine in Wahrhaftigkeit gute Sache des Rechts der siegverheißende Kampfanlaß. Die Dauer des Reiches wird nicht durch Macht und Gewalt, sondern durch Wahrung des Rechts verbürgt. Nur wegen seiner vorher bereits erwiesenen Gerechtigkeitsliebe hat Gott den König gewählt und geweiht. Solche Gedanken können schon die Aufnahme dieses Hochzeitssanges in eine Sammlung religiöser Dichtungen verständlich erscheinen lassen. Aber erst wenn nun all das Aeußerliche, Glänzende, Sinnliche allegorisch ausgedeutet wird, kann sogar eine liturgische Verwendung ermöglicht werden. Zur Psychologie der jugendl. Aussage von Dr. Hermann Weil-Frankfurt a. M. II. (Fortsetzung und Schluß) Nachdem ich im I. Teil dieses Aufsatzes (Jüdische Schulzeitung Nr. 1 vom 2. Januar 1935) über allgemeine psychologische Untersuchungen der Vorstellungs- und Wahrnehmungswelt des Jugendlichen berichtet habe und dabei auf die außerordentlich große Bedeutung der jugendlichen Aussage bei solchen strukturtypologischen Untersuchungen näher eingegangen bin, soll nunmehr in den folgenden Ausführungen die jugendliche Aussage unter einem ganz. speziellen Gesichtswinkel betrachtet werden: Es soll die wissentlich falsche Aussage des Jugendlichen in der Schule, also die sogenannte „Schullüge" und zwar sowohl vom psychologischen als auch vom pädagogischen Standpunkt aus charakterisiert werden. Diese pädagogisch-psychologische Situation des lügenden Schülers wird in,folgendem auf Grund einer Umfrage, die der Verfasser an den verschiedenen höheren Schulen einer größeren Stadt über diesen Gegenstand veranstaltete, aufgezeigt werden- Mit Charlotte Bühler, die die Lüge als soziales Phänomen zu fassen sucht, unterscheiden wir bei der Lüge, soweit sie als wissentlich falsche Aussage zu Anderen auftritt, drei Faktoren: Das lügende Ich, den gefälschten Tatbestand und den oder die belogenen Anderen. Innerhalb dieser drei Faktoren sind die Beziehungen phänomenologisch und auch ethisch außerordentlich verschieden. Das lügende Ich kann z. B. sozialpositiv eingestellt sein, indem es lügt. Alle Lügen in der Schule, die ihre Motive in der Kameradschaftlichkeit haben, gehören mehr oder weniger zu dieser Gruppe. Zu einer zweiten Gruppe sollen jene Fälle gezählt werden, bei denen die Lüge als Moment einer ausgesprochenen Egozentrizität erfolgt. Diese Lügen, die wir mit Charlotte Bühler als asoziale Lügen bezeichnen wollen, sind dadurch ausgezeichnet, daß das Ich im Mittelpunkt dieses Erlebnisses steht. Die beiden Unterformen dieser asozialen Gruppe sind die Abwehrform einerseits, die Strebeform andererseits. Wir finden beide Gruppen in der Schullüge wieder, etwa Lügen aus Angst vor Strafe, Angst vor Lächerlichkeit oder Mißachtung bzw. Lügen aus Ehrgeiz, Selbstbetonung, um sich bei dem Lehrer in ein besseres Licht zu setzen usw. Im ersten Falle stehen wir einem durchaus reaktiven, im zweiten einem durchaus aktiven Verhalten gegenüber. Es sei jedoch ausdrücklich betont, und die Umfrage hat dies auch gezeigt, daß zwischen diesen Gruppen auch Uebergangsformen bestehen. Als eine dritte Gruppe von Schullügen sei die der antisozialen Lügen genannt. Zu der antisozialen Lüge gehört speziell das Wissen um die Schädigung des Anderen. Irgendeine Schuld wird nicht nur geleugnet, sondern auf einen Anderen abgewälzt. Die Erfassung der Motive zur Schullüge erfolgte mittels der Fragebogenmethode. Die Beantwortung des Fragebogens sowie auch der einzelnen Fragen wurde den Jugendlichen freigestellt. Sie konnte sowohl in der Schule während einer zur Verfügung gestellten Stunde als auch zu Mause im Laufe einer bestimmten Zeitspanne erfolgen. Die bearbeiteten Fragebogen wurden klassenweise durch die Vertrauensschüler oder -Schülerinnen im versiegelten Briefumschlag an mich abgeliefert. Weder die Direktoren noch die Lehrpersonen der verschiedenen Anstalten nahmen während und nach dar Bearbeitung Einsicht. In sämtlichen Fällen wurden die Jugendlichen vor der Bearbeitung der Bogen auf den wissenschaftlichen Charakter dieser Untersuchung hingewiesen und auf die Bedeutung der Aufrichtigkeit bei der Beantwortung aufmerksam gemacht. Einige Oberprimaner (-innen) wählten das Thema auch als deutschen Klassen- bzw. Hausaufsatz, um sich eingehend über das Problem Rechenschaft geben zu können. Fragebogen wurden ausgegeben an 4 Knabeschulen (9 Knabenklassen), 1 Mädchenschule (7 Mädchenklassen). Die Bearbeitung erfolgte von 228 Jugendlichen (III Knaben, 117 Mädchen). Nach Klassen geordnet ergibt sich folgendes Bild: U II 20, O II 94, U I 51, 0 I 63. Die Bearbeitung erfolgte in der Schule von 179 Jugendlichen (Knaben 67, Mädchen 112), zu Hause von 49 Jugendlichen (Knaben 44, Mädchen 5). Im allgemeinen hat es sich erwiesen, daß die Beispiele, die von den Jugendlichen aufgezählt und analysiert wurden, sich zum größten Teil auf die jeweiligen Klassenstufen bezogen. In fast allen Bearbeitungen haben die Angefragten die einzelnen angeführten Beispiele mehrmals rubriziert. So wird also z. B. irgendein Vorkommnis in der Schule, bei dem der Jugendliche gelogen hat und dem mehrere Motive zugrunde liegen, von den Bearbeitern an verschiedenen Stellen des Fragebogens mit der gleichen Nummer bezeichnet. Im ganzen sind bei der Umfrage 644 rubrizierte Beispiele analysiert worden (Knaben 436, Mädchen 208). Wir geben nun einige kurze Berichte von Schülern und Schülerinnen über die Gedanken, die sie bei der Bearbeitung des Fragebogens hatten: So schreibt ein Oberprimaner: „Ich darf sagen, daß mir die Arbeit große Freude gemacht hat; und daß es mir leid tut. nicht noch eingehender berichten zu können. Die schriftliche Fixierung dieser kleinsten Details ist aber so außerordentlich schwierig, daß ich mich nicht zuerst daran gewagt habe..." Ein Unterprimaner schreibt: „Diese Fragen sind ja alle überflüssig. Da die Lügen bei jedem Menschen annähernd dieselben sind, kann jeder die Fragen selbst beantworten, man braucht dabei nicht die Ansicht anderer Leute zu hören. Es ist nicht wahr, wenn viele .denken, daß Schüler mehr als Erwachsene lügen. Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Die Lügen in der Schule kann man nicht ausrotten, das vererbt sich doch weiter." Die ablehnende Haltung der Arbeit gegenüber kommt in einer Reihe von Ausführungen zum Ausdruck; viele Jugendliche stellten sich der Beantwortung des Fragebogens zunächst durchaus ablehnend gegenüber, nach und nach gingen sie doch auf die Fragen ein und gaben mitunter ausführliche Berichte. So schreibt z. B. ein Primaner, der schließlich einen sehr beachtlichen Bericht lieferte, zunächst folgendes: „Ist es nicht lächerlich, dieser Schullüge nachzuspüren? Wievielmal am Tage sägen Sie bekannten Menschen guten Tag, wünschen ihnen einen guten Tag. Wieviel Prozent sind ernst gemeint? Und warum sollte es einem Schüler als größeres Uebel angerechnet werden als Ihnen? Warum kann der Schüler nicht genau so lügen, wenn doch — was ist denn überhaupt noch besonders an den Schullügen, die es wahrscheinlich zu Ihrer Schulzeit noch nicht gegeben hat —; denn sonst brauchten Sie ja nicht zu fragen, sonst würden Sie sie doch kennen müssen. Aber Sie scheinen Ihre täglichen Aufgaben immer gemacht zu haben und brauchten nicht zu sagen, Sie hätten Ihr Heft vergessen." Nun zur Auswertung der 644 Beispiele. Die Lügenmotive bei Knaben ergaben folgendes Bild: Aus kameradschaftlicher