Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4 Jüdische Schulzeitung Seite 7 Schaftsgesinnung führt. Die Jugend will aber nicht nur fordern, sie will auch. geben. Es ist erstaunlich, mit welchem feinen psychologischen Gefühl viele Primaner und Primanerinnen erkennen, was die heutige Schule ihnen bereits gibt und wie sie dafür zu sorgen haben, daß alles Unlautere aus der Gemeinschaft entfernt werden muß. Die Schülergeneration will vor allem sich über diese Fragen in Rede und Gegenrede mit der Lehrerschaft aussprechen. Sie. will aber vor allem,, daß eine gründliche Seelsorge auf diesem Gebiet nicht nur außerhalb des planmäßigen Unterrichts getrieben wird, ja sie fordert geradezu eine Aussprache über diese Dinge im gewöhnlichen Unterricht. - Das Problem der Erziehung zur Wahrhaftigkeit, mit dem wir uns hier in Anlehnung an die Schülerberichte befassen, tritt uns also als Teilproblem der Charakterbildung entgegen. Nur auf dem Wege über eine Charakterbildung der heutigen Schulgeneration scheint mir — nach allem, was sich aus den seitenlangen mitunter sehr ernsten Berichten der Jugendlichen ergeben hat — eine erziehliche Behandlung des Lügenproblems möglich. Helfen kann im Sinne der Jugendgenera t i o n v o r a 11 e m keine klug erdachte Summe von Regeln und Anweisungen, vor allem keine Strafe und Drohung, helfen kann nur eins: Gemeinschaft schaffen und Mut machen. « Im Anschluß an dieses aus Anlaß der Pädagogischen Woche des Philanthropins gehaltene gleichlautende Referat des Verfassers ,.Zur Psychologie der jugendlichen Aussage'* erfolgte eine recht interessante Aussprache, in der verschiedene in Teil I und II aufgezeigte Forschungsergebnisse vom Referenten noch näher beleuchtet und an Hand von Vorlagen und praktischen Untersuchungsmaterialien erhärtet wurden Es wurden dann vor allem aus der Zuhörerschaft heraus noch folgende Gesichtspunkte angeführt, auf die der Referent in seinem Schlußwort zum Teil recht eingehend eingegangen ist: 1. Aussagen von Jugendlichen in Sittlichkeitsprozessen (Aussagen von Jugendlichen über Phantasietätigkeit an Hand von vorliegenden Protokollen in einem konkreten Fall). 2. Die unbewußt falsche Aussage bei Jugendlichen (Freud Adler). 3. Praktische Möglichkeiten zur Aussprache des Lehrers mit seinen ihm anvertrauten Schülern und Schülerinnen (Sprechstunden des Klassenleiters für Privatdinge der Jugendlichen, Interess;erung der Klassengemeinde, — regelmäßige Aussprachestunde der Klasse mit dem Klassenleiter. Elternaussprache, „Schullüge und Hauslüge" etc.) 4. Große Verantwortlichkeit des Lehrers bei der Beurteilung von Schüleraussagen. Nötwendige Forderung für alle Lehrer: Eingehende Beschäftigung mit den Fragen und Ergebnissen der Aussagepsychologie. besonders der praktischen Untersuchungsmethode über die Aussagefähigkeit im Jugendalter. Sonderfahrt nach Palästina Der Vorschlag hat weithin frohe Zustimmung gefunden. Viele Kollegen und Kolleginnen haben sich bereits gemeldet. Ich bitte sie und alle die, die sich in den kommenden Wochen noch melden werden, Geduld zu haben, wenn Anfragen nicht brieflich beantwortet werden.. Es wird zu gegebener Zeit geschehen. Zunächst aber werden nähere Mitteilungen ausschließlich in diesem Blatt erfolgen. Noch einmal sei darauf hingewiesen, daß die Fahrt um so billiger ist, je größer die Anzahl der Teilnehmer sein wird. Darum werbt für die Sonderfahrt nach Palästina! * Kollegen, sorgt dafür, daß jeder Lehrer und jede Lehrerin die Jüdische Schulzeitung hält! Unserer heutigen Auflage liegen Bestellkarten von der Staatlichen Lotterie-Einnahme Goldfarb, Karlsruhe, Kaiserstraße 181 und von Herrn Lehrer S. Rosenfelder, Ladenburg a. N. für „Neuzeitliche Unterrichtsmittel" bei. Persönliches In Aschersleben starb Kollege Regensburger nach einem arbeits- und erfolgreichen Leben im Alter von 68 Jahren. Der Verein Isr. Lehrer Mitteldeutschlands, dessen treues Mitglied der Heimgegangene gewesen, widmet ihm einen herzlichen Nachruf. * In Stromberg i. W. ist nach längerem Leiden Kollege Emanuel Moses verstorben. Er war beinahe vier Jahrzehnte in Rheydt tätig. Der Verein jüdischer Lehrer und Lehrerinnen Rheinlands und Westfalens widmete dem Heimgegangenen einen herzlichen Nachruf. Literarisches Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums Eine würdige Ehrung C h. N. B i a 1 i k s enthält das Dezemberheft der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" aus der Feder von Dr. E- Simon. Statt eine jener Gesamtwürdigungen zu geben, wie sie in letzter Zeit häufig erschienen sind, unternimmt der Verfasser die Erklärung eines Bialikschen Gedichtes („Vereinsamt"), dessen Text und Uebersetzung er vorausschickte, aber er führt die Erläuterung derartig durch, daß aus der Betrachtung der Einzelheiten der eigenartige Zusammenhang zwischen der Form des Gedichtes und seinem Inhalt, der Klage des Dichters über den Schwund jüdischer Geistesart, sich ergibt. So wird der aufmerksame Leser, auch der des Neuhebräischen nicht ganz mächtige, befähigt, sich ein Bild vom Wesen des Dichters zu erarbeiten. Auch andere Aufsätze — etwa von Wahrmann über die 10 Märtyrer, von M. Spanier über Pfefferkorn — dürfen ebenso sehr auf das Interesse der Forscher wie der Fernstehenden rechnen. Man abonniert die „Monatsschrift", indem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von 10 RM an die Gesellschaft (Postscheckkonto: Berlin Nr. 7030) sendet. * Gerson Stern: Weg ohne Ende. Ein jüdischer Roman. Erich Reiß Verlag, Berlin. Der Autor dieses Erstlingswerkes lebt in Kiedrich im Rheingau und entfaltet dort seit Jahren eine rege jüdische Tätigkeit. Und nun schickt er sein jüdisches Wort in die weite Welt und erringt sich einen großen Erfolg. Der Leser lacht und weint mit den Menschen dieses Buches. Aber der Kritiker soll doch nicht einfach ein Leser sein, sondern soll messen und wägen. Und er macht sich Exzerpte und Notizen, streicht da einen immer wiederkehrenden saloppen Ausdruck an „Was war es schon?' , und notiert dort eine Ungenauigkeit bezüglich der Tefillin. Aber am Ende sagt der Kritiker so: Es ist sinnlos den Wert dieses Buches an äußeren Einzelheiten zu messen und durch Ins-Licht-rücken kleiner Schönheitsfehler herabzumindern, denn seine Bedeutung ist keine literarische, sondern schlechthin eine jüdische. Denn seine Bedeutung ist die, daß die Ghettomenschen von 1700 in ihrer geistigen Geschlossenheit, in ihrer jüdischen Festigkeit vor uns erstehen. Man wird an das bekannte Lehmannsche Buch über Rabbi Joselmann erinnert. Aber dort zeigen sich nur die politischen und wirtschaftlichen Dinge, hier im Buche von Gerson Stern auch die menschlichen Beziehungen damaliger Juden. Ihr jüdisches Denken wird offenbar gemacht. „Er (Gott, der Ewige — sagt der Schutzjude Itzig zum Bürgermeister von Wallhausen) ist so in uns, daß es die Frage von dem rechten und nichtrechten Glauben für uns nicht gibt, da es ja mehr als ein Glauben, da es unser Leben selber ist." Merkwürdig: so haben die Juden damals nicht gesprochen. Aber so haben sie geglaubt und gelebt. Und darum ist das Buch so wahr.