Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1935-04-01 · 4 (1.4.1935) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
4 (1.4.1935)
Date
1935-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825355-2825359--0964-2826615
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Jüdisch e S c h u 1 z e i t ü h g Nummer 4 ratur, wie wir dankbar bekennen müssen, durch die heilige Schrift zu uns gekommen. Aber bis auf diese Zeiten, da man den wahren Sinn unseres Gedichts durch Deutung auf den Messias zu ergründen suchte, — darin wetteiferten später Juden und Christen — hat es sich erhalten, weil man das Gedicht nach seiner künstlerischen Formung und seiner dem alten Israel sympathischen Tendenz für traditionswürdig hielt. Die Spuren des langen Weges durch 'die Zeiten merkt man an manchen Stellen des Gedichts. Wenn man nun auch seine Urform nach all den Veränderungen der schriftlichen und sprachlichen Gestalt nicht genau feststellen kann — man mag das Bemühen, einzelnes durch mehr oder minder geistreiche Aenderungsversuche zu verbessern, für noch so wertvoll halten — so bietet uns doch auch der massoretische Text so viel Altes und Echtes, daß es sich lohnt, diesem Sang, der uns ein so farbenprächtiges Bild aus der Königsgeschichte vermittelt, zu lauschen. Eine genaue Datierung des gewiß vorexilischen Gedichts: ist freilich nicht möglich. Die Gründe, die für die Annahme eines israelitischen Königs angeführt werden, sind vielleicht gewichtiger als die Momente, die für einen König aus dem Hause Juda sprechen. Aber mit Sicherheit läßt sich nichts behaupten. Neuerdings hat man*) wieder die schon von Hitzig ausgesprochene Vermutung gestützt, daß die Hochzeit Achabs mit lsabel Xeiner Tochter des Königs von S i d o n , Könige 1, 16, 31) Veranlassung zur Dichtung gegeben habe- Aber wenn nun gar das Wort „ahabtha" V. 8 einen Hinweis auf den Namen des Königs enthalten soll, so erledigt sich dieser Einfall schon damit, daß der israelitische König in der Bibei eben nicht Ahab, sondern Ach-ab heißt, ein Wort, das eher mit „Oheim" als mit „Liebe" zusammenhängt. Bevor wir nun unsere Meinung über den. Dichter äußern, der im ersten und letzten Verse von sich spricht, lassen wir den eigentlichen Inhalt des Gedichtes auf uns wirken. In dieser Dichtung, die keineswegs von schmeichelnder Höflichkeit der fremden Prinzessin gegenüber erfüllt ist, überstrahlt die Persönlichkeit des Königs alles. Seine Schönheit ist unvergleichlich, sie paart sich mit dem Liebreiz freundlichen Entgegenkommens im Antlitz. So sieht, so wünscht ihn der Dichter. Wen Gott so begnadet hat, dem schenkt er sicher dauernden Segen. Ob er sich schon durch Tapferkeit ausgezeichnet hat? Vielleicht hatte der Jugendliche dazu noch keine Gelegenheit. Aber an diesem Tage hochzeitlicher Freude und festlichen Glanzes wünscht ihm der Dichter für die Zukunft eine kriegerische Ausfahrt im Heldenschmuck. Seine scharfen Waffen, die nur einer wahrhaft guten Sache, dem Schutze des Rechtes, dienen, werden die Feinde ins Herz treffen; aber der Thron des Königs, auf Gerechtigkeit gegründet, überdauert die Zeiten. Gern möchten moderne Erklärer in dem Satze:?.Dein Thron, Elohim, für immer und ewig" eine Anrede des Königs finden, der nach altorientalischer Anschauung als Gottheit angesehen werde. Aber mag nun dieses Elohim, wie schon unsere alten Erklärer meinen, die abgeblaßte Bedeutung eines Titels, wie Majestät, haben — orientalischer Hofstil hat Aeußerungen des Zeremoniells bei Staatsaktionen auch in Israel beeinflußt — oder mag, wie unsere Uebersetzung zeigt, eine andere Auffassung durchaus möglich sein, die Göttlichkeitserklärung des Königs liegt israelitischer Anschauung auf jeden Fall fern. Es ist bezeichnend, daß im folgenden Satz ausdrücklich hervorgehoben wird, daß „Elohim (ursprünglich stand hier wohl der vierbuchstabige Name!), dein Gott", den König mit dem Gel der Freude vor dem Nebenbuhler gesalbt hat, weil er sich als Freund des Rechts und Hasser des Frevels bereits bewährt hatte. Gerechtigkeit erscheint immer als schönster Kronschmuck isr. Königtums. Die Erwähnung des Salböls leitet über zum Preis der im Orient so geschätzten feinen Düfte, die des Königs Kleider ausatmen, ja, es scheint dem Dichter, als ob die Kleider ganz Duft seien. In diesen Glanz und Duft des Königtums, umtönt von Klängen auf dem elfenbein *) Hans Schmidt, Die Psalmen, 1934, S. 87. i geschmückten Palast, stellt sich nun — Gipfel der Freude! — zur Rechten des Königs die im köstlichsten Golde prangende Prinzessin aus fremdem Lande. Es wäre doch wohl auch antiker Anschauung unpassend, wenn in diesem Zusammenhange darauf hingewiesen würde, daß des Königs Harem Töchter von Königen schon berge; sondern der Inhalt dieser in der überlieferten Form unsicheren ersten Satzhälfte wird, wenn er nicht auf die mitfeiernden Töchter, benachbarter Könige hinweist, sich doch wohl auch nur auf die in der zweiten Vershälfte erwähnte Gemahlin beziehen. Nun redet der Sänger, den wir uns als einen bei Hofe hochangesehenen, erfahrenen Mann vorstellen, die Königstochter an. Man spürt die Dringlichkeit und Innigkeit des Wunsches, zu dessen Erfüllung die Geneigtheit der Königin, die fast zärtlich mit „Tochter" angeredet wird, gewonnen werden soll. Was Ruth freiwillig und ausdrücklich versprochen hat („Dein Volk sei mein Volk, dein Gott sei mein Gott!"), hier wird es in einem kurzen, herben Wort in negativer Form erbeten: „Vergiß dein Volk und dein Vaterhaus!" Einem andern Königshause soll sie nun sich anschließen und dem Könige zu Willen sein — „denn nun ist er dein Herr!" — wenn er ihre Schönheit begehrt. Sehen die Reichen des Landes, wie die Tochter Tyrus' sich in ihre neue Heimat einlebt, dann werden sie mit reichen Gaben die Gunst ihrer Königin zu gewinnen suchen. Wie die Gemahlin nun einziehen soll in die inneren Gemächer, — Individuelles weiß der Dichter anscheinend noch nicht von ihr zu berichten — da stellt sich ihm noch einmal das Bild üppigsten Prangens in Gold- und köstlichen Farbengeweben vors Auge. Ein Stück Heimat und Jugenderleben geleitet die Königin in den Palast, unter Jauchzen und Jubel ziehen die befreundeten Jungfrauen, die Gespielinnen ihrer Kindheit mit ins Haus! Der Wunsch, der natürlichste, darf nicht fehlen: daß aus diesem Bunde ein stattliches Geschlecht heranwachse, das, den Vätern gleich, als Fürsten im Lande walte. Dieses Gedicht ist nicht aus dem Drange schöpferischer Leidenschaft geboren. Es ist wie man heute sagen würde, am Schreibtisch entstanden, eine schöne Zweck- und Gelegenheitsdichtung. Der Autor zeigt sich meisterlich gewandt im Worte, man merkt ihm das Behagen an, wie er mit feinem Wort (dawar tow!) sein Werk gestalten will. Wahrscheinlich hatte er die Prinzessin noch nicht gesehen, als er sich die Feierlichkeit in seinem kundigen Geiste ausmalte. Verrät uns nicht die ausführliche Ueberschrift den Verfasser? Das ist um so weniger der Fall, als sie wohl zu jener Zeit hinzukam, als das Gedicht liturgisch verwertet werden konnte. Diese Ueberschrift, deren einzelne Teile mit voller Sicherheit nicht zu deuten sind, weist hin auf den Leiter des Chors, auf die Melodie („nach Lilien"), auf Dichter- oder Chorgilde („von Korahs Söhnen") und auf den Inhalt der Dichtung („Lehrgedicht. Liebessang"). Aus der Häufung der Bezeichnungen kann man noch die Unsicherheit und Schwierigkeit der Beurteilung und Verwendung erkennen. Wer mag nun der Dichter dieses Liedes sein? Er spricht von sich im ersten und letzten Verse. Es muß eine Persönlichkeit gewesen sein, die Autorität am Hofe besaß. Er redet die Prinzessin aus fremdem Lande mit „Tochter" an. Er darf eine sehr wichtige Mahnung an sie richten, deren Dringlichkeit er einsieht, weil er gewiß die Geschichte seines Volkes kennt (Salomo und die fremden Frauen!). Es wird ein hoher Beamter des Landes gewesen sein. Ich bin der Meinung, daß es der Staatsschreiber, der Hofhistoriograph war. So erklärt sich mir der erste Vers, in dem ich die vorangestellten Worte (omer und l'schoni in der zweiten Vershälfte) betone. Heute spreche ich, der ich sonst schreibe, mein Werk dem Könige, nun ist meine Zunge der Sofer mahir, sonst mein Amt. Mag „Sofer mahir" altkanaanitische Bezeichnung für den Schnellschreiber, gewesen sein, so konnte es doch geradezu Bezeichnung für den Beruf des Hofschreibers werden. Mag auch im Schlußsatz des Dichters stolzes Versprechen formelhaft in altassyrischen Gesängen vorkommen, so daß sich hier wie in manchem andern orientalischer Särigerbrauch ausspricht, auf jeden Fall klingt im Munde des Hofgeschichts--

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.