Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4 Jüdische Schu 1 z e i t u n g Seite 3 forschen. Darin liegt ihr hoher sittlicher Wert. Wenn aber etwas zuverlässig als wahr erwiesen ist, darf sich auch der Schulunterricht dagegen nicht sträuben, am wenigsten der Religionsunterricht, der wie kein anderer die Aufgabe hat, das künftige Geschlecht in Wahrheit und zur Wahrheit zu erziehen. Diese prinzipiellen Ausführungen wollen natürlich niemandem das Recht bestreiten, anzuzweifeln, daß die Erklärungen des Genesis-Kommentars von B. Jacob richtig sind. Im Gegenteil, ich glaube zu wissen, daß der Verfasser des Kommentars wünscht, daß . nfan seine Ausführungen nicht einfach hinnehme, sondern diskutiere und daß er sich jeder gediegenen Widerlegung seiner Behauptungen freudig unterwerfen wird. Ich möchte sogar die Anregung aussprechen, solche Widerlegungen oder auch Bedenken, Fragen, Zweifel im weitesten Umfange zu veröffentlichen und damit der allgemeinen Diskussion zu unterstellen. Allerdings werden solche Veröffentlichungen nicht von meinen kurzen Andeutungen im Israelitischen Familienblatt ausgehen dürfen, sondern sich auf den Kommentar selbst mit seinem umfangreichen Beweismaterial stützen müssen. Man muß unbedingt das Buch selbst lesen, um zu urteilen. Herr Wallach bestreitet die Jacobsche Erklärung von Jacobs Kampf mit dem Engel, daß nämlich der klägliche Anblick des Hinkenden den sentimentalen Esau entwaffnen und versöhnlich stimmen soll. Herr Wallach ist aber nicht in der Lage, eine andere Erklärung dafür zu geben, warum diese Geschichte gerade an dieser Stelle steht, nämlich zwischen dem Gebet Jakobs um göttliche Hilfe und der angstvoll erwarteten Begegnung mit seinem Bruder. Das ist ja gerade die Aufgabe eines Kommentars, zu zeigen, was Herr Wallach für überflüssig erklärt, daß kein Kapitel isoliert steht, sonder „schicksalhaft — notwendig in einem inneren Zusammenhang" mit dem was vorausgeht und nachfolgt, verbunden ist. Herr Wallach meint zu Genesis, Kap. 3, Vers 14, dem Bibelschreiber sei nicht bekannt gewesen, daß die Schlange keinen Staub frißt, sondern lebendige Tiere, „sonst würde er seine religiöse Fantasie wohl mehr gezügelt haben." Dem Bi belschreiber war das genau so bekannt wie uns, denn die Erkenntnis dieser Tatsache ist keine Errungenschaft der Naturwissenschaft, sondern ein einfaches Ergebnis der Naturbetrachtung, in der das Altertum uns eher überlegen war. Was weiß denn der durchschnittliche Europäer aus eigener Anschauung von Schlangen! Der Verfasser der Erzählung kann also den Vers nicht wörtlich gemeint haben- Wie er ihn sonst gemeint habe, erklärt uns Jacob in einer Weise, die immerhin einleuchtender ist als viele andere bisher vorgebrachte Erklärungen. Wenn endlich Herr Wallach nicht gelten lassen will, daß es nicht die Brüder waren, die Joseph verkauft haben, so sei mit dem Kommentar S. 706 f. gefragt, woher wir das Recht nehmen, innerhalb des Verses Genesis 37, 28, das Subjekt wechseln zu lassen. Wer die Erklärung B. Jacobs zur gesamten Josephsgeschichte studiert, wird vielleicht doch zugeben, daß bei ihr „die göttliche Fügung im Schicksal des armen israelitischen Sklaven" noch viel wunderbarer hervortritt als man bisher wußte und damit auch religiös und pädagogisch noch viel fruchtbarer wird. Uebrigens hat der Verfasser des Kommentars bereits vor ca. 20 Jahren in einer eigenen Schrift (Quellenscheidung und Exegese im Pentateuch, Leipzig 1916} gezeigt, daß er mit dieser Erklärung eine Menge von bedeutenden Exegeten zu Vorgängern hat: Raschbam, Bechai, Chiskuni, Baal ha-turim, in neuerer Zeit Mendelssohn, Heidenheim, Chajjim Lolli, Samuel David Luzatto, Malbim, S. R. Hirsch. Diese Ausführungen gegen den Aufsatz, des Herrn Wallach wollen keine Polemik sein, sie möchten im Gegenteil mit Dankbarkeit anerkennen, welches Interesse unsere Lehrer der Tora entgegenbringen. Und wer sollte sonst Interesse für das Heilige Buch haben, wenn nicht der Lehrer, der es nicht nur im Religionsunterricht der Jugend zu vermitteln hat, sondern jedes Jahr einmal von Anfang bis Ende feierlich der Gemeinde vorliest. Wir hoffen, daß das'daraus bei jedem Lehrer entstehende Bedürfnis nach der Erklärung vieler Bibelstellen, mit denen er sich vielleicht oft schon zweifelnd und von den bisherigen Lösungsversuchen unbefriedigt beschäftigt hat, in dem Genesis-Kommentar von B. Jacob Hilfe und Antwort finden wird. Er wird sich dann vielleicht doch hier und da entschließen, in der biblischen Geschichte umzulernen und sie anders zu lehren. Ein Hochzeitsgesang für das Königspaar (Psalm 45) Von Dr. M. Spanier, Berlin. Es wallt mein Herz zu gutem Wort: Sprech ich mein Werk dem Könige, ist meine Z u n g' Griffel gewandten Schreibers. Gar schön bist du vor Menschenkindern, Huld ist ergossen auf deine Lippen, Jrunt hat Gott für immer dich gesegnet. Gürte dein Schwert an die Lende, Held, deinen Gianz und deine Zier! Fahr giückhaft aus in guter Sache für gebeugtes Recht, und Wunder wird deine Rechte dich lehren. Deine geschärften Pfeile — Völker sinken dir zu Füßen — ins Herz der Feinde des Königs! Dein Thron, gottgegründet, steht ewiglich: Zepter der Gerechtigkeit ist Zepter deines Reiches! Du liebtest Recht und haßtest Frevel, so hat dich Gott, dein Gott, gesalbt mit Oel der Freude vor deinem Genossen. Myrrhe und Aloe, Kassiadüfte all deine Gewänder! aus Elfenbeinhallen erfreuen dich Harfenklänge. Königstöchter in deinem Gepränge! es steht dir zur Rechten die Gemahlin in Ophirgold. Merk auf,' Tochter, und schau, und neige dein Ohr, — und vergiß dein Volk und dein Vaterhaus! Begehrt der "König deine Schönheit - denn er ist nun dein Herr - so neige dich ihm, o, Tochter vonTyrus, mit Gaben werden die Reichen des Volks dein Antlitz erfreuen. Ganz Pracht ist die Königstochter drinnen, aus Goldgeflecht ihr Gewand; in bunten Gewändern wird sie zum König geleitet, Jungfrauen hinter ihr drein, ihre Freundinnen, dir zugebracht; sie werden geleitet in Freuden und Jubel, treten ein in den Palast des Königs. An Stelle deiner Väter werden deine Söhne sein, du setzt sie zu Fürsten im ganzen Lande. * Ich werde deinen Namen künden für alle Geschlechter, drum werden Völker dich preisen immer und ewig. Daß dieses Gelegenheitsgedicht im Buche der Psalmen uns aufbewahrt wurde, verdanken wir jener weithin über Zeiten und Räume verbreiteten Anschauung, nach der die geschilderten Vorgänge eines weltlichen Geschehens nur ein Bild sind für tiefere religiöse Gedanken. Diese Neigung zum Allegorisieren ist nicht geringzuschätzen; denn sie wird doch ursprünglich angeregt durch das instinktive Gefühl für den Unwert alles Tatsächlichen und Vergänglichen und für seine Würdigkeit im Gedächtnis der Zeiten nur als Gleichnis wertvoller Erkenntnisse. Aber man darf sich dennoch den Blick nicht trüben lassen durch diese erst später einsetzende religiös-gedankliche Ausweitung, wenn man auf den natürlichen Ursprung der Dichtung zu ihrer Erklärung dringen will. Verhüllt durch den schützenden Nebel einer allegorischen Erklärungsweise ist so manche Kostbarkeit altisraelitischer Lite-