Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 4 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer 4 die Bedeutung des biblischen Gebotes aus der Uebersetzung der Septuaginta beim besten Willen nicht zu erkennen war. y kann den Freund, kann aber auch den Fernstehenden bezeichnen; daß es in diesem weiteren Sinne gemeint ist, beweist die Ausdehnung der Liebespflicht auf den fremden Siedler, einige Verse später. Dieser Doppelsinn des Worts ist im Griechischen nicht auszuschöpfen. Der Uebersetzer sagte plesion, wörtlich: den Nahestehenden — woraus dann die heute übliche, reichlich mißverständliche Uebersetzung „Nächster" geworden ist. Und auch das Prädikat konnte er nicht wiedergeben. Für „Liebe" hat das Griechische zwei Worte: das eine, Eros, ist offenbar sexuell gefärbt; das andere, in der ersten Silbe von Phil-anthropie erhalten, bedeutet Freundschaft und schien ihm gleichfalls nicht geeignet; so griff er denn zu einer ganz seltenen Vokabel, agape (vielleicht wegen des Anklangs an nnnx 3), die soviel wie „freundlich aufnehmen" bedeutet. Wer den Text nicht kannte, mußte also das Gebot so verstehen: „du sollst den, der dir nahesteht, freundlich aufnehmen". Das war freilich kein Satz von weltanschaulicher Bedeutung. Nicht minder bedeutungsvoll wie das Liebesgebot möchte uns der biblische Satz erscheinen: „heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott". Auch ihn erwähnt Philon in seinen zahlreichen Schriften nirgends- Ueberhaupt spielt das Ideal der Heiligkeit in seinem Denken keine Rolle, während es bei den Rabbinern in Kiddusch (als Kiddusch Haschern und als Gebet) und Keduscha deutlich. hervortritt und selbst in Kidduschin als Bezeichnung für die Ehestiftung doch wohl anklingt4). Der Grund ist wiederum der, daß die Rabbinen die hebräische Wurzel gekannt und weiterentwickelt haben, während sich Philon an die griechische Uebersetzung halten muß. Und das griechische Wort für heilig, das sie wählt (es ist uns als erster Bestandteil von Hagio-graphen heilige Schriften bekannt), schließt keineswegs notwendig jene innere Heiligung ein, die ein katholischer Tbeologe4a) neuerdings als den Zentralbegriff der jüdischen Religion bezeichnet hat. Gleiches gilt von dem Worte nna. Wir übersetzen es gewöhnlich mit „Bund". Die alte griechische Uebersetzung war vorsichtiger. Hätte sie das übliche Wort für Bündnisvertrag eingesetzt, so hätte sie die Vorstellung erweckt, daß es sich um ein Bündnis auf Gegenseitigkeit handelt, wie es zwischen Gleichstehenden geschlossen zu werden pflegt. Daß das nicht der Fall ist, ist neuerdings von jüdischer und von christlicher Seite mit Recht betont worden5). Daher gab der Uebersetzer ein Wort, das von einseitigen Verfügungen gebraucht wird, insbesondere auch das Testament bezeichnet; als Fremdwort ist dieses Wort, diatheke, auch in den Talmud übergegangen. Diese übergroße Vorsicht hat sich aber schwer gerächt. Man faßte diatheke, statt als „Anordnung" als „Testament" auf; das hat zunächst zur Folge, daß wir heute von Büchern des Alten und Neuen Testaments, statt des alten und neuen Bundes, reden; schon im neutestamentlichen Schrifttum findet sich dies Mißverständnis. Ueberdies aber führte die — den Schriftsinn ganz verdeckende — Uebersetzung dazu, daß Philon von jener berit keine Ahnung hat, insbesondere auch z. B. die Beschneidung, an der er festhält, gar nicht als „Bundeszeichen" versteht6). Wie sehr aber das Zusammengehörigkeitsgefühl der jüdischen Gemeinschaft auf diesem Gedanken der gemeinsamen „Inpflichtnahme" durch Gott beruht, ist neuerdings durch A. Schlesinger7), Max Wiener8) u. a. eingehend gezeigt worden. 3) So Ernst Hoffmann, Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft 1926, S. 73, 2. 4) Vgl. meinen Aufsatz „Das Ideal der Heiligkeit im hellenistischen und rabbinischen Judentum", Jeschurun VIII 1921. S. 99 ff. 4a) J. Hänel, Die Religion der Heiligkeit, 1931. 5) Buber, Königrum Gottes I 119 nach Pedersen. c) Vgl. mein Buch „Philons griech. und jüd. Bildung" 483. 7) MGWJ. 1927, 337 ff. s) MGWJ 1933, 13. Ein Judentum ohne den vollen Begriff der Liebe, der Heiligkeit, des Zusammenhalts mag noch so begeistert und .opferwillig verkündet werden: volles Judentum ist es nicht. Nun ist gewiß die deutsche Sprache bisweilen zur Wiedergabe hebräischer Begriffe eher in der Lage als die griechische. Ist sie doch durch das Christentum, insbesondere durch Luthers Bibelübersetzung, mit hebräischer Denk- und Redeweise befruchtet. Ueberdies steht heute die Anschauung der Laien stärker als früher unter dem Einfluß der Wissenschaft, die auf den Urtext zurückgeht. Daher macht sich die nur zu verbreitende Unkenntnis des Hebräischen heute bei den genannten Begriffen nicht so stark geltend wie in hellenistischer Zeit — wiewohl der Versuch, die Nächstenliebe durch eine „Fernstenliebe" zu übertrumpfen, nur durch die Ungenauigkeit der Uebersetzung möglich geworden ist8a). Dennoch können und sollen uns jene Irrtümer einer früheren Kultur das Auge schärfen für die Gefahren, denen auch wir ausgesetzt sind. Die Sprache unserer Umwelt ist gewiß viel reicher an hochwertigen religiösen Begriffen als das Griechisch der römischen Kaiserzeit; eben deshalb besteht zweifellos die Gefahr, daß wir solche Begriffe unbesehen auf das Judentum übertragen, ihre Geltung also auch im Judentum voraussetzen und dadurch die Eigenart jüdischer Frömmigkeit, ja, jüdischen Wesens verwischen, nzixx ist nicht schlechterdings „Glaube", n-na;? nicht ohne weiteres „Gottesdienst", cnon m^aj! als echte Teilnahme am Ergehen des Bruders in Freude und Leid reicht viel weiter als „Wohltätigkeit" oder „Wohlfahrtspflege". Wir möchten die Unterschiede hier nicht ausführen; vielleicht geschieht es von anderer Seite; uns lag nur daran zu zeigen, wieviel wir von einer Zeit lernen können, die abgeschlossen hinter uns liegt und daher ein sicheres Urteil zuläßt. sa) Wichtiges Material über die universale Auffassung des Liebesgebotes im Judentum wird M. Katten in einem der nächsten Hefte der MGWJ bringen. 9) Auf die Motive der Erlernung, des Neuhebräischen gehe ich absichtlich nicht ein. Denn sie sind anderer Art als die oben erläuterten; ob das gesprochene und namentlich das werdende Hebräisch die geschichtlichen Werte des religiösen Judentums treu bewahrt, stellt neuerdings Ernst Simon, MGWJ 1934. S. 545 ff., in Frage. Umlernen - in der Biblischen Geschichte Von Bezirksrabbiner Dr. Ernst Jacob-Augsburg In Nummer 1 dieses Jahrgangs der Jüdischen Schulzeitung wendet sich Herr Lehrer i. R. Hermann Wall ach-Aachen gegen einen Aufsatz von mir im Israelitischen Familienblatt, in welchem ich gefordert hatte, daß die biblische Geschichte und zwar die des 1. Buches Mose, nach dem neuen Genesis- Kommentar von B. Jacob auch in der Schule in vielen Punkten anders erzählt werden müsse als bisher. Die Einwendungen des Herrn Wallach zeugen von großer Liebe zur Bibel und von einem starken pädagogischen Eifer für ihre echte Vermittlung an unsere Jugend, aber sie zeigen auch,,wie schwer es fällt, gewohnte und dadurch liebgewordene Vorstellungen und Gedankengänge aufzugeben. Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich, da hier Auffassungen der biblischen Geschichte geändert werden sollen, die Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende alt sind. Und doch wird das notwendig sein. Denn in diesem wie in anderen Fällen ist das hohe Alter keineswegs ein Beweis für Richtigkeit. Die biblischen Geschichten selbst sind ja unendlich viel älter, und da wir keine mit ihnen gleichzeitige Erläuterungen besitzen, müssen wir sie wie jede geschichtliche Urkunde aus ihrem eigenen Zusammenhange und nach den Gesetzen der Sprache erklären, ohne uns zunächst um die Tradition zu kümmern- Wenn sich nachher herausstellt, daß die Ueberlieferung recht hatte, mag uns das befriedigen. Wenn aber die Ueberlieferung als falsch erwiesen wird, so muß sie aufgegeben werden; denn es handelt sich ja hier um Hagada, nicht um Halacha. Die Wissenschaft, auch die von der Bibel, will nur die reine Wahrheit eri