Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 1 (2.1.1935)
- Date
- 1935-01-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Jüdische Schulzeitung Nummer 1 erschien aus der Feder des Jakob benlsaak aus Janow (bei Pinsk) der deutschsprachige Pentateuch mit einer Fülle von erbaulichem und belehrendem Material aus Talmud, Midrasch und Volkssage, der unter dem Namen Z e'e n a ure'ena weite Verbreitung gefunden hat. Es war die Bibei der jüdischen Frau, aus der sie am Schabbatnachmittag zu lesen pflegte. Das Werk ist von Berta Pappen heim jüngst neu herausgegeben worden- Eine in jedem Betracht revolutionäre Tat bedeutete die Bibelübersetzung MosesMendelssohns. Sie sollte nicht nur den Zugang zur europäischen Kultur und zur reinen deutschen Sprache freilegen, sondern auch den Weg zu schlichter ungekünstelter Auffassung des Inhaltes der Heiligen Schrift.. Mendelssohn übertrug den Pentateuch, die Psalmen und das Hohelied. Der Pentateuch erschien 1780 bis 1783. Helfend zur Seite standen Mendelssohn vor allem Salomo D u b n o , Naphtali Herz W e s s e 1 y und Herz Homberg. Das Werk enthielt den Urtext, die Uebersetzung und einen Kommentar (Biur) in hebräischen Lettern. Es rief ungeheures Aufsehen hervor und verbreitete sich schnell über die Grenzen Deutschlands hinaus. Es stieß aber auch auf den heftigsten Widerstand vieler Rabbiner. Sie setzten es auf den Index und mancherorts wurde es verbrannt. Doch der Kampf war vergeblich, und nichts vermochte den Siegeszug dieses eine neue Epoche in der jüdischen Geschichte einleitenden Werkes aufzuhalten. Es wurde Vorbild zu einer ganzen Reihe weiterer Bibelüber-« Setzungen, von denen genannt seien die erste vollständig in deutschen Lettern gesetzte des Hamburger Predigers Gott hold Salomon (1836), die Z u n z sehe aus dem Jahre 1837, die von Herxheimer (1841/48), von Ludwig P h i 1 i p p s q n zu gleicher Zeit, von Julius Fürst, von Auerbach, und schließlich die Bernfelds che, die eine aufschlußreiche Einleitung in die Bibel Wissenschaft enthält. In unserer Zeit, da bereits der große Umbruch in der jüdischen und in der nichtjüdischen Welt sich ankündigte, haben es zwei Männer unternommen, dem biblischen Text im Gewände der deutschen Sprache ein neues Gesicht zu geben: Martin Buber, der noch rüstig schaffende und Franz Rosenzweig, sein ihm kongenialer Freund und Weggenosse, dem der Tod die Feder frühzeitig aus der Hand nahm. In seiner Einführungsschrift zur Verdeutschung des Pentateuch hat sich Martin Buber über die Grundsätze ausgesprochen, nach denen die Uebertragung erfolgen solle- Es heißt da unter anderem: „. . . Wobei unter Nachformen nicht das geistlose Unterfangen, eine vorgefundene Form in andersartigem Material zu wiederholen, zu verstehen ist, sondern das Streben, ihr in der andersgesetzlichen Sprache,- in. die übertragen wird, eine Entsprechung, Entsprechungen zu schaffen. Deutsche Lautgestalt kann nie hebräische Lautgestalt reproduzieren, aber sie kann, aus analogem Antrieb wachsend und analoge Wirkung übend, ihr deutsch entsprechen, sie verdeutschen." Pas Werk ist heute noch nicht abgeschlossen; zuletzt erschien „Das Buch der Zwölf", die sogenannten „Kleinen Propheten". Die Buber-Rosenzweig-Bibel hat in der jüdischen und in der nicht jüdischen Welt als sprachschöpferische Leistung höchsten Wertes stärkste Beachtung gefunden. Aber auch an ablehnender Kritik hat es nicht gefehlt. Die eigenwillige Art der Wort- und Satzbildung fordert vom Leser viel Hingabe. Sie verlangt aber auch stetes Vergleichen mit dem hebräischen Text, und nur in dem Akt des fortwährenden Gegeneinanderabwägens von Original und Uebertragung wird der Reiz spür bar, der von dem Buber-Rosenzweigschen Werk ausstrahlt. Es kann heute noch nicht mit Bestimmtheit vorausgesagt werden, ob es einmal zum Volksgut der deutschen Juden werden wird, weil derartig grandiose literarische Unternehmen Zeit dazu haben müssen, in die Tiefe und Breite zu wirken. Das aber ist sicher, daß uns hier eine Bibel gegeben ward, deren Text implicite einen neuartigen aufschlußreichen Kommentar enthält und dadurch Träger ist dessen, was das Suchen im Bereich des Ewigen gerade unseres Zeitalters ausmacht- — Wie die Bibelübersetzung im ganzen aussehen wird, die die B e r 1 i n e r G e m e i n d e vorbereitet und deren erster Teil just in diesen Wochen erschienen ist, kann noch nicht gesagt werden. Es liegt vorerst nur das Fünfbuch vor, das Hermann Schreiber übertragen hat und das seine Würdigung weiter unten finden soll. — Es wäre ein vergebliches Unterfangen, auch nur annähernd die Sprachen aufzuzählen, in die hinein die Bibel übertragen worden ist. Es gibt heute eine Reihe von Bibelgesellschaften, die sich die Verbreitung der Bibel in alle Welt hinein angelegen sein lassen; am bedeutendsten ist die britische' u nd ausländische in London. In mehr als 800 Sprachen ist bisher das Buch der Bücher übersetzt und verbreitet worden, und so darf denn gesagt werden, daß es in der gesamten Weltliteratur kein Buch gibt, dessen Einfluß auch nur vergleichsweise neben den der Bibel gesetzt werden dürfte. Es ist so, wie es in dem Buche Sirach, Kapitel 24 heißt, und das Heinrich Heine, dieser glühende Verehrer der Bibel, in der Vorrede zur zweiten Auflage seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" zitiert: „. . . Daraus die Weisheit geflossen ist, wie das Wasser Pison, wenn es groß ist: und wie das Wasser Tigris, wenn es.übergehet in Lenzen. Daraus der Verstand geflossen ist, wie der Euphrates, wenn er groß ist, und wie der Jordan in der Ernte. Aus demselben ist hervorgebrochen die Zucht, wie das Licht, und wie das Wasser Nilus im Herbst. Er ist nie gewesen, der es ausgelernt hätte: und wird nimmermehr werden, der es ausgründen möchte. Denn sein Sinn ist reicher, weder kein Meer: und sein Wort tiefer, denn kein Abgrund." * In dem Geleitwort zu der auf Veranlassung der Berliner Gemeinde herausgegebenen Uebersetzung der Heiligen Schrift*) heißt es: „Die vorliegende Uebertragung will die jüdische Bibel so wiedergeben, wie sie durch Jahrtausende im Judentum lebendig und geheiligt gewesen ist. Sie ist daher bemüht, soweit dies möglich ist, den überlieferten hebräischen Text mit letzter Treue zu übertragen, auch da, wo er uns schwierig und dunkel erscheint." . . . „Diese unbedingte Treue zum Urtext war auch durch den Zweck geboten, der unserer Uebersetzung als Richtziel dienen mußte: Nicht die hebräische Bibel zu ersetzen, sondern an ihren1 Inhalt, ihren Sinn und ihre Schönheit heranzuführen". Die Aufgabe, die sich der Herausgeber, Professor Harry Torezyner, hier gestellt hat, ist schon deshalb schwer zu bewältigen, weil nicht weniger als vierzehn Gelehrte an der Uebersetzung mitarbeiten. Jeder hat seine eigene Art, die Sprache zu handhaben, jeder auch seine eigene Auffassung in bezug auf den Sinn, der dem Text innewohnt. Da bedarf es einer außerordentlichen Einfühlungsgabe und Umsicht, aus den Teilen ein organisch Ganzes zusammenzufügen- Noch liegt nur der erste Band, das Fünfbuch, gedruckt vor, und es kann nicht beurteilt werden, inwieweit das Vorhaben des Herausgebers geglückt ist. Dagegen läßt sich sagen, ob dem Anfang Treue zum Urtext und dazu die Schlichtheit der Sprache eignen, die wir der Heiligen Schrift als dem von dem lebenden Geschlechtneu zu gewinnenden Buch wünschen. Wer das erkennen will, wird gut daran tun, die Lektüre der Uebertragung unter zwei Gesichtspunkten zu betreiben: man gebe sich im fortlaufenden Lesen des Textes der reinen Wirkung der deutschen Sprache hin ohne Rücksicht auf philologische Sachverhalte, und man vergleiche in einer zweiten Durcharbeitung dann den Urtext mit der Uebersetzung. Es scheint, als sei im Großen und Ganzen die Wort- und Satzbildung schlicht, plastisch und dem Charakter der Bibel durchaus angemessen. Die Uebertragung hält sich von Verschrobenheiten und Holprigkeiten fern, ohne jedoch in eine minderwertige Glätte zu verfallen. Dem Bearbeiter Hermann Schreiber sind zuweilen Neubildungen geglückt, so etwa I. Kap. 1, 6 Gefläche; Kap. 1, 26 gewältigen; Edelmutgabe IV, Kap. 15, 3 Gerotte Kap- 49, 19 u. a. m. Dagegen finden sich Ausdrücke, die sich nicht einfügen wollen in die Sprache der Heiligen Schrift, so etwa II, Kap. 24, *) Die Heilige Schrift,. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt am Main.