Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 1 (2.1.1935)
- Date
- 1935-01-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite o Jüdische Schulzeitung Nummer 1 Gestaltung unseres Hauses. Das beweisen in dieser Pädagogischen Woche inmitten unserer neun Ausstellungen die Ausstellung aller an der Anstalt vertretenen Jugendbünde, ferner: „Die Spielschar des Philanthropins", ferner unser „Sportverein Philanthropin" (seit 1921), ferner: unser „Gesamt-Unterricht" (seit 1921), ferner unsere ständige „Arbeitsgemeinschaft Probleme des Judentums" (seit 1925), ferner unser „Ordnungs-Trup p". — Die Fahne aber, die wir als pädagogische Führung unserer Jugend vorantragen, zeigt auf der einen Seite unsere drei älteren Worte: Heimat, Glaube, Mensch Ii eit, auf der anderen Seite, aus diesen drei älteren Worten innerlichst geboren und innerlichst zu werten, unsere drei neuen Worte: Kraft, Zucht, Tiefe. Und getröstet und beruhigt Und getragen und gehoben durch diese Leitworte K r a f t, Z u c h t und Tiefe, die ich der „Pädagogischen Woche" und unserer ganzen Arbeit wünsche und widme, wende ich mich zum Schluß an Euch, unsere Schüler, Jungen und Mädels, klein und groß, die Garde unserer „Pädagogschen Woche", die Bürgschaft unserer Zukunft. Und ich rufe Euch voran: Hört mein Wort, und zeitlebens bleibe es wach in Euren Herzen: W ir stammen von Simson und David, dem Schützen: Makkabi, Bar Kochba rief uns ins Gewehr! Und flattern die Fahnen, und leuchten die Mützen: Seit dreitausend Jahren marschiert unser Heer! Zur Psychologie der jugendlichen Aussage von Dr. Hermann Weil-Frankfurt a. M. Vorbemerkung: Im vorliegenden Teil soll über jene Aussag e psychologischen Untersuchungen berichtet werden, die uns einen genaueren Einblick in die seelische Struktur des Jugendlichen gewähren. In einem zweiten (später folgenden) Abschnitt soll dann auf Grund der im folgenden aufgezeichneten Forschungsergebnisse allgemein jugendpsychologischer Aussagefähigkeit und die unter speziellen Bedingungen stehende Aussage des Jugendlichen in der Schule, vor allem seine falsche Aussage, behandelt werden, wobei vor allem die praktisch-pädagogischen Gesichtspunkte einer Erforschung dieser „Psychologie der Schullügen" besonders herausgearbeitet werden sollen. - I. Die Pädagogik hat es ja überwiegend mit Problemen zu tun, die ihr durch Erziehung und Unterricht von Kindern und Jugendlichen gestellt werden. Trotzdem hat man geglaubt und glaubt es manchenorts auch noch heute, jene Aufgaben unter Zuhilfenahme von psychologischen Erkenntnissen lösen zu können, wie sie die Erforschung durch das Studium Erwachsener gewinnt. Man ist dabei von der Voraussetzung ausgegangen, daß das Kind dieselben Anlagen und Fähigkeiten besitze wie der Erwachsene, nur weniger ausgebildet, im verkleinerten Maßstabe sozusagen, und daß das psychische Leben in ihm denselben Gesetzen. folge wie das der Erwachsenen, Die psychologische Forschung der letzten Jahrzehnte hat nun überzeugend nachgewiesen, daß diese Ansicht ganz und gar irre geht. Gewiß übt das Kind dieselben psychologischen Gesetzmäßigkeiten aus wie der Erwachsene; aber wir wissen heute, daß, ihr Ablauf von andersartiger Gesetzmäßigkeit beherrscht wird und zwar um so mehr, je größer der Altersabstand des Kindes oder Jugendlichen vom erwachsenen Menschen ist. Dies gilt auch in mehr oder weniger hohem Maße von der Aussage des Jugendlichen, die ja Ausdruck der seelischen Struktur des jugendlichen Menschen ist: Bei vielen Erwachsenen sind die einzelnen Funktionsschichten des seelischen Lebens so gelagert, daß sie, den Sprossen einer Leiter vergleichbar, etwa so aufgefaßt werden können: Auf die Funktionsschicht der einfachen Sinnesempfindungen lagert sich die Schicht der Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt, darauf die Schichten des Denk-, Gefühls-, Willens- und Wertlebens, um schließlich als Spitze in die „Schicht des religiösen Lebens" einzumünden. Diese verschiedenartigen Strukturen, sind bei den meisten Erwachsenen scharf von einander getrennt, z. B. Vorstellung und Wahrnehmung sind zwei ganz verschiedene Strukturen, die wohl in Wechselwirkung miteinander, aber, nicht in gegenseitiger Durchdringung arbeiten. Beim jugendlichen Menschen, aber auch bei einer Reihe künstlerisch veranlagter Erwachsener und auch bei Primitiven (wie sich dies aus der Untersuchung von Negern und Samoanern anläßlich der Frankfurter Musikausstellung im Jahre 1927 im Negerdorf der Ausstellung ganz eindeutig herausgestellt hat) herrscht nicht diese gegenseitige Unabhängigkeit der einzelnen seelischen Funktionsschichten, im Gegenteil, wir haben es hier mit einer gegenseitigen Durchdringung zu tun, der sogenannten Integration. „Dieser Bauplan der Integration" ist nun vorherrschend im jugendlicher Alter. Wirklichkeitserlebnis und Idealsphäre sind nicht voneinander getrennt. Das Ideale befindet sich nicht in einem abgesonderten, entrückten Bereich, sondern es scheint durch das Wirkliche hindurch zu schimmern und seine Fortsetzung zu bilden und auch im Wirklichen sichtbar zu werden. Das kindliche Bewußtsein grenzt ja oft an die letzten Horizonte einer wunderbaren Märchenwelt oder der jugendliche Mensch verklärt unmittelbar das Reale selbst- Dieser Bauplan der Integration beherrscht nun beim Jugendlichen nicht nur höheres seelisches Leben, sondern macht sich auch im wertindifferenten geltend. Die sonst bestehende Scheidewand zwischen Vorstellungswelt und Wahrnehmungswelt ist dann abgebrochen oder wenigstens enredrigt. Wie äußert sich diese Integration in der jugendlichen Aussage? Wir begeben uns zur Untersuchung dieser Erscheinungen in das Gebiet der strukturpsychologischen, besser gesagt, strukturtypologischen Forschungsmethode, die uns erst seit kurzer Zeit — nachdem die Methode der „atomistischen Psychologie", die an den Gesetzmäßigkeiten der Physik orientiert war, und zur Forschung dieser Verknüpfungsformen niederer und höherer seelischer Schichten nicht ausreichte und andererseits die sogenannte „geisteswissenschaftliche Psychologie" (Ganzheitspsychologie) oft nicht vermochte, diese mittleren seelischen Strukturen zu erfassen — einen genaueren Einblick in den Sachverhalt gegeben hat, daß die psychophysischen Eindrücke verschieden tief in die seelische Struktur des Jugendlichen eindringen. Einfache optische Versuche (ein rotes Quadrat wird fixiert) belehren uns, daß beim jugendlich integrierten Menschen nicht etwa auf Grund einer eindeutigen Zuordnung von Reiz und Empfindung das grüne Nachbild in gleicher Größe wie die vorbildmäßige Vorlage erscheint, sondern, daß Färb- und Gestaltabwandlungen vom Jugendlichen gesehen und ausgesagt werden, daß ferner die einfachsten psychologischen Gesetze, wie z. B. das Emmertsche Gesetz, das die Größenverhältnisse des rein physiologischen Nachbildes zum Gegenstand hat, nicht mehr gilt, oder daß z. B. bei der Vorlage von komplizierteren bunten Bildchen unsere Jugendlichen im Nachbild (richtiger sagen wir eidetischen Bild, denn das rein physiologische Nachbild ist gleichsam durch die Vorstellungskomponente, auf eine höhere Gedächtnisstufe gehoben worden) ganze .Abwandlungsreihen wie Gestalt- und Bewegungstendenzen beschrieben und ausgesagt werden. Indem wir Erwachsenen mitunter glauben, der junge Mensch flunkert oder phantasiert, s i e h t er in buchstäblichem Sinne diese Dinge. Es würde viel zu weit führen, die vielseits angestellten Kontrollversuche für diese empirische Forschungsmethode anzugeben, mit denen der Verfasser in langjähriger Arbeit am Psychologischen Institut Marburg unter Herrn Professor Jaensch solche Ergebnisse gefunden hat. Ein.solches Protokoll zur Illustration der starken Integration bei Jugendlichen sei hier angeführt: Ein Untertertianer fixiert eine Postkarte, darauf ist ein kleines buntes Häuschen. Nach der Fixa-