Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 1 (2.1.1935)
- Date
- 1935-01-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 1 Jüdische Schulzeitung Seite 5 X. So soll jeder unserer Schüler und jede unserer Schülerinnen sich persönlich verantwortlich fühlen lernen. Sie müssen dereinst mitarbeiten, als Arbeiter der Hand und des Geistes, an der schweren Aufgabe, der deutschen Judenheit einen lebenswürdigen und lebensmöglichen Platz zu gestalten in dem weltpolitisch wieder freien heimatlichen Deutschland, und dem Judentum, im Bewußtsein seiner religiösen Menschheitsaufgaben, eine Möglichkeit zu schaffen, innerhalb des Raumes und des Geistes der Menschheit. - Nach wie vor leben wir, die Zukunft zwingend, der dreifachen Liebe, das ist: der dreifachen Pflicht: Heimat, Glaube, Menschheit. Und doch — auch ein Merkblatt ist nur ein Blatt. Ein Blatt, vom Wind verweht, vom Lärm des Tages verschwiegen. Ob der pädagogische Organismus seinen Worten entspricht, das kann nur ein Miterleben erhärten. Und darum haben wir, am Ende dieses Schicksalsjahrs 1934, eingeladen zu einem . Miterleben: Eine ganze Woche lang sollen alle, die es angeht, Lehrer, Eltern, Schüler, jüdische Schulverwaltungen und jüdische Bildungsgemeinschaften, Gelegenheit haben, uns bei der Arbeit zu sehen- Natürlich kann auch diese Pädagogische Woche nicht die ganze Fülle je eines laufenden Arbeitstages in ihrer verwirrenden Buntscheckigkeit einfach kopieren und ausbreiten. Die Pädagogische Woche kann nur einen Ausschnitt bieten. Und dieser Ausschnitt muß sich auf das Charakteristische beschränken. Sonst reicht auch eine ganze Woche nicht, um aus der Menge des Möglichen gerade das Notwendige des Wesentlichen zu erkennen und zu erleben. II. Was möchten wir nun als das Haupterlebnis dieser Pädagogischen Woche in unserer aller Herzen haftend wünschen? Nichts anderes als die Freude der älteren Generation über die Schul-Freude der jüngeren. Nichts anderes als einen Trost in der Dämmerung von heute und eine Hoffnung auf die Sonne von morgen. Wir dürfen diese Erwartung hegen, nicht als pädagogische Ausflucht und als Notbehelf von heute. Wir leben dieses Geistes seit gestern und vorgestern. Haben wir doch unsere Jugend bewußt stets in diesem Sinne geführt! Und wir haben im Jahre 1929 zum hundertfünf undzwanzigsten Geburtstage der Anstalt in unseren „Bausteinen praktischer Pädagogik" an die Spitze gestellt: „Erziehung zur Freude als sittlicher Grundhai t u n g". Für uns, das Philanthropin als alte Erziehungs¬ und Lebensgemeinschaft, hat es also nicht erst der Erfahrungen der letzten Monate bedurft, um die Freude als stärkste Quelle der Kraft, der sittlichen Kraft, zu erkennen und zu bewähren. Trotzdem verkennen wir nicht: Erziehung zur Freude ist immer etwas sehr Ernstes. Und um so ernster, je drückender auf die Seele der äußere Alltag preßt. Nun ist unserer Anstalt schon immer durch ihre Eigenart eine pädagogisch ebenso reizvolle wie schwierige Sonderaufgabe zuteil geworden. Das Philanthropin i s t und will gern sein: Die Gemeinschafts-Schule der Juden deutscher Sprache. Die Juden deutscher Sprache sind keine Einheit. Aber sie sind eine Gemeinschaft, die Gemeinschaft deutscher Sprache und aller kulturellen Folgen und Werte und Beziehungen, die sich aus dieser Sprachgemeinschaft als Kulturgemeinschaft ergeben- Das Philanthropin, in der Vielgestaltigkeit seiner Elternhäuser und ihrer Kinder, ist das getreue Spiegelbild des deutschen Judentums als Gemeinschaft der deutschen Sprache. Das verpflichtet uns Lehrer zu vielseitigem Verständnis, ich möchte sagen: Zu der Humanität auch innerhalb des deutschen Judentums, die wir nach außen stets gepflegt haben, und die wir nie verleugnen werden. Und erst durch diese innerjüdische Humanität des Verstehenwollens und Verstehenkönnens erhält die Sprachgemeinschaft und Kulturgemeinschaft der deutschen Juden ihre innere Wärme und ihren inneren Wert. Mit dem vielseitigen Verständnis allein ist es aber nicht getan: Es genügt auch nicht, die charakteristische Eigenart, den Wesenskern eines jeden der uns anvertrauten Kinder aufzuspüren, sie freundlich und freudig zu entfalten und dem Jugendlichen immer eindringlichst wieder einzuprägen, trotz aller Umschichtungsnotwendigkeit und trotz allen Umschichtungslärms: „Werde, was Du bist, und nur das, und nichts anderes! Wenn Du werden willst, was Du bist, wirst Du Dich durchsetzen, hier oder wo anders. Aber Du wirst Dich durchsetzen, und Du mußt Dich durchsetzen." Es genügt nun nicht, das zu sagen, das zu predigen, das einzuschärfen. Wir müssen hinzufügen und zu dem Werde, was Du bist, hinzufügen können: „Wir werden Dir dabei helfen." Und da liegt heute die Schwierigkeit. Nicht nur in der Berufswahl. Sondern darin, alle Wege zu einer seelisch freien und seelisch natürlichen Berufswahl offen zu machen und offen zu halten. Mit anderen Worten: Die pädagogische Schwierigkeit liegt vor der Berufswahl und nach der Berufswahl. Insofern muß die Anstalt neben ihrem Schwerpunkt der deutschen Sprache und der deutschen Kultur und neben neuen fachlichen und technischen Möglichkeiten eine Reihe von Brennpunkten schaffen, in denen das Feuer aller Zukunftsmöglichkeiten flackert und glüht, erwärmt, beruhigt und ermutigt. Und so soll die „Pädagogische Woche" unserer Gemeinschafts-Schule der Juden deutscher Sprache und deutscher Kultur diese Gemeinschaft unserem Herzen einprägen dadurch, daß wir'sie alle, Jung und Alt, miterleben, als freudige, natürliche Wirklichkeit! III. Eine „Pädagogische Woche" des Jahres 1934 wäre aber unwesentlich, wollte sie, ohne ein Wort tiefster Besinnung, vorübergehen an einem gewaltigen pädagogischen Wegweiser, an dessen Aufbau, Aufschriften und Inschriften täglich tausende brennender Herzen und sinnender Köpfe der Jugend sich abmühen und aufopfern: an dem Wegweiser der Jugend- Bünde. Um diesen Wegweiser herum ist L e b e n , ist drängendes, kraftbewußtes, stürmendes, tollendes, mutiges und übermütiges Leben, trotziges, von unbändigem, fantastischem Willen angetriebenes Leben, ein Leben der unaufhaltsam zur Tat treibenden Jugend. Dies Leben, laut und bunt in Tönen und Farben, rücksichtslos nur in die Zukunft gerichtet, dies Leben mit Trommeln und Pfeifen und Liedern und Fahnen und Märschen und Zelten und Uniformen, das sich, trotz aller Probleme äußerer und innerer Gefahr, seines Glückes bewußt ist und bewußt sein will, dies Leben lockt und ruft uns Aeltere und reißt uns in seinen Bann. Gern laufen wir ihm z u! Aber — wir laufen ihm nicht nach! Weder äußerlich noch innerlich- Wir meiden das Zerrbild des Alten, der Jugend markiert! Aber wir gehen mit, im gleichen Schritt und Tritt. Und im Einklang mit der Jugend und ihrem Bau an allen Zukunftsmöglichkeiten bleiben wir, kameradschaftlich, aber fest und sicher in der Führung. Diese Führung respektiert nach wie vor das Elternhaus — und wenn es sein muß — erzwingt diesen Respekt. Diese Führung ist den Jugend-Bünden herzlich zugeneigt. Diese Führung fühlt sich von unserer Jugend verstanden und getragen. Und diese pädagogische Führung lassen wir uns von niemand nehmen! Diese pädagogische Führung bringt die Eigenart und den Eigenwillen und das Zukunftswollen der Jugend voll und vollberechtigt zur Geltung und Entfaltung. Die Jugend hat bei uns das Wort, wenn auch nicht das große Wort! Und die Jugend baut mit an der inneren und äußeren