Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 1 (2.1.1935)
- Date
- 1935-01-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 1 Jüdische Schulzeitung Seite 3 Alle sind wieder zu ihrer Arbeisstätte zurückgekehrt. Wertvolle Anregungen wurden mitgenommen,, die für den Auf- und Ausbau der jüdischen Schule in Deutschland und für die neuen Ziele der Lehrerfortbildung ausgewertet werden mögen. B. L. Die Pädagogische Woche des Philanthropins und der deutsch-jüdische Lehrerstand Unsere Zeit ist die Zeit des Umbruchs, des Neuaufbaues und Umbaues im ganzen Staatsleben. Wir Juden müssen unsere Zukunft selbst gestalten. Auch unsere Zukunft ist die Jugend. Sie muß fürs Leben gerüstet sein, unsere Kinder müssen den Lebenskampf, sei es im deutschen Kulturkreis, sei es draußen in der Welt, bestehen können. Die Schule ist die Institution, die diese Aufgabe in erster Linie lösen muß, sie soll nicht Gelehrtenschule sein, sondern sie muß die Jugend fürs praktische Leben vorbereiten. Die Schule wird das leisten, was ihre Lehrer schaffen- Jeder jüdische Lehrer hat die Möglichkeit, zum Segen der deutsch-jüdischen Jugend zu wirken. Er ist mit seiner ganzen Arbeit in dieses Werk hineingestellt. Fach- und Sacharbeit müssen die Vorbedingungen für eine ersprießliche Tätigkeit bilden. Die Erfahrungen tüchtiger Schulmänner müssen zur Ausbildung des Nachwuchses herangezogen werden« Unsere jüdischen Verbände in Ländern und Gemeinden müssen sich entschließen, wie dies schon deutlich :"n der Oktobernummer unserer Schulzeitung zum Ausdruck gebracht wurde, die jüdische Lehrerschaft, welche die Arbeit an unserer Schuljugend zu leisten hat, mehr als seither bei den Beratungen über Erziehungs-, Schul-, Lehrerfragen heranzuziehen; die Lehrerschaft hat das Recht und die Pflicht, hierbei an erster Stelle mitzureden. Um die Forderungen der Zeit zu erfüllen, arbeitet auch die Frankfurter jüdische Lehrerschaft an der Umorganisation ihrer Vereinigung. Wir fühlen, es ist Zeit, aus dem Stadium der Beratungen herauszukommen. Jetzt muß zur Tat geschritten werden. Gerade bei der Sitzung der Lehrerschaft, die am Eröffnungstage der Pädagogischen Woche des Philanthropins stattfand, kam dies deutlich zum Ausdruck. Wir sind eine Gemeinschaft, eine einheitliche Linie muß den deutsch-jüdischen Lehrerstand leiten. Aus allen Gauen Deutschlands waren Pädagogen aller Kategorien erschienen, und alle haben wohl das Gefühl der Gemeinschaft mit nach Hause genommen. Wenn wir in der Sondernummer unserer Schulzeitung der Pädagogischen Woche die besten Wünsche mit auf den Weg gaben, so müssen wir rückschauend sagen, das Werk ist gelungen. Es wird zum Nachdenken, zur Nacheiferung anspornen. All das danken wir der Initiative des Oberstudiendirektors Dr. Driesen und seinen Mitarbeitern. Unser Frankfurter jüdischer Lehrerverein hat die Bedeutung des Werkes Driesens erkannt und es gestützt und freut sich, daß es gelungen ist. Auch unsere Sondersitzung, an der sich etwa 150 Damen und Herren beteiligten, nahm einen befriedigenden Verlauf. Die Sorgen und Wünsche der jüdischen Lehrerschaft brachte Kollege J. B. Levy in seinem Referat, das wir im Auszug bringen, zum Ausdruck. Das Thema lautete: Jüdische Schule — jüdischer Lehrerstand — jüdischer Lehrerverband. I. Die jüdische Schule. Die Zeitverhältnisse brachten die Auflösung vieler Kleingemeinden und damit der Volksschulen auf dem Lande. Gleichzeitig setzte eine Abwanderung der Juden in die Großstädte ein, so daß deren Gemeinden trotz erfolgter Auswanderung gewissen Bestand behielten; dagegen erfolgte eine starke Abwanderung der jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen der Städte. Da, wo sich keine jüdischen Schulen befanden, mußten Neugründungen von jüdischen Schulen erfolgen, oder die bestehenden mußten vergrößert werden- Die Frage des Weiterbestandes der höheren jüdischen Schulen ist noch nicht gelöst. Die innere Gestaltung der jüdischen Schulen muß nach dem Grundsatz Tora im derech erez erfolgen. Die neue jüdische Schule muß in ihrer Ganzheit jüdisch sein, es muß eine jüdische Atmosphäre in der jüdischen Schule herrschen. Alle Fächer müssen vom jüdischen Geist durchweht sein. II. Jüdischer Lehrerstand. Infolge des Ausscheidens vieler Philologen und städtischer Volksschullehrer aus dem öffentlichen Schuldienste stand die jüdische Gemeinschaft vor einem starken Angebot an Lehrkräften für die vorhandenen eigenen höheren jüdischen Schulen und die neuen oder vergrößerten Volksschulen. Die Vorbildung dieser Lehrkräfte genügte nicht den Anforderungen der jüdischen Schule. Es fehlte an jüdischem Wissen, ganz abgesehen von dem unjüdischen Leben und dem mangelnden Interesse an, jüdischem Gemeinwesen, am Gottesdienst usw. Es ist nicht das große Können, das von jedem verlangt wird, sondern die Kenntnis jüdischer Wissenschaft muß zur Allgemeinbildung jedes jüdischen Lehrers gehören (von Bibel über Mischna, Talmud, Codices, Jehuda Halevi, Raschi, Mendelssohn bis zu Bialik. Jede Einseitigkeit ist dabei zu vermeiden, besonders mit Rücksicht auf die Verwendungsmöglichkeit in der Volksschule Diese Lehrkräfte müssen umgeschult werden. In Berlin wurden deshalb zuerst Kurse und zwar liberaler Richtung veranstaltet, neuerdings auch konservativer Richtung, und zwar in 2 mal 2 Doppelstunden pro Woche- Das genügt jedoch nicht- Auch in der Provinz, vor allem in Frankfurt a. M., ist das nötig und möglich. Hier sind Lehrkräfte und Lehrstätten hinreichend vorhanden. An den bestehenden Schulen könnte man für die erforderten Zwecke ein ganzes jüdisch-pädagogisches Jahr schaffen, um die Lehrkräfte auszubilden. Das wäre auch in Köln und Breslau möglich. Es ist ein Qualifikationsnachweis, der zu diplomieren ist, für jüdische Lehrer von den maßgebenden Stellen zu fordern. Es scheint bei der Anzahl der Kandidaten für das Lehramt infolge der Abnahme der Kinderzahl und Reduzierung der deutschen Judenheit eine Einschränkung geboten. Das Problem der Ausbildung von akademischen Lehrkräften für die jüdische Schule darf nicht aus dem Auge gelassen werden. Von besonderer Bedeutung erscheint auch die Lehrbefähigung zum Religionsunterricht; ein Fach, das nicht mit Judentumskunde zu verwechseln ist, denn diese erstreckt sich auf alle Fächer der jüdischen Schule. Leider dringen in letzter Zeit Elemente in dieses Fach, die eine ordentliche Lehrbefähigung nicht besitzen. Hier ist ebenfalls unbedingt ein Diplom zu fordern. III. Vom Lehrerverband. Der Referent gibt ein Bild der Entwicklung des Lehrerverbandes aus den örtlichen und Provizialvereinen. In Frankfurt a. M. bildete sich aus dem Verein jüdischer Religionslehrer eine Vereinigung jüdischer Lehrer, dem längere Zeit städtische Volksschullehrer und die jüdischen Philologen fernstanden (auch der jüdischen Schule). Beide Gruppen sahen ihre Interessen in den allgemeinen Lehrerverbänden vertreten. Ihr Fernbleiben war daher verständlich. Heute sind alle jüdischen Lehrkräfte aus ihren Berufsvereinen ausgeschieden. Sie suchen Ersatz in den jüdischen Lehrervereinen. Diese müssen, um den Erfordernissen der Zeit zu genügen, ihr Arbeitsprogramm erweitern, ebenso müssen sie die materiellen Interessen der jüdischen Lehrerschaft gegenüber Gemeinden und Patronaten wahren, denn schon jetzt hat man Gehälter herabgemindert. Man stellt die billigsten und jüngsten Anwärter an. Es sind überall besondere Fachschaften in den Vereinen einzurichten und neue Lehrpläne für die jüdische Schule zu schaffen. Auch der Verband der jüdischen Lehrervereine hat seine Arbeitsgebiete zu erweitern. Er muß Akademiker (Philologen) in den Vorstand hineinwählen. Das Verbandsorgan ist dementsprechend zu erweitern. Der Referent bringt sein Bedauern über mangelhaftes Interesse unseres Nachwuchses an den Arbeiten fürdie- Gesamtheit zum Ausdruck. Ebenso tadelt er, daß fast überall in Gemeinden, Verbänden, Gesamtorganisationen der Anteil der jüdischen Lehrerschaft zu gering ist. Da muß