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Jüdische Schulzeitung · 1934-12-01 · 12 (1.12.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
12 (1.12.1934)
Date
1934-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer 12 rektors, des verstorbenen Dr. Prager, wurde. 1884 legte er seine erste Prüfung ab, war Lehrer an jüdischen Schulen in Altona umd Hamburg und an dem von seinem Freunde, dem unvergeßlichen Pädagogen und Dichter Jacob Löwenberg, geleiteten Lyzeum. Zweite Prüfung, Mittelschullehrer- und Reklorprüfung wurden schnell abgelegt. Da erwachte in ihm der Wunsch, seine Bildung durch Besuch einer Universität zu erweitern und zu vertiefen. Er ging nach Heidelberg, wo namentlich der Germanist Wilhelm Braune einen starken Einfluß auf ihn ausübte. Von ihm wurde er angeregt sich mit den Schriften Murners zu beschäftigen. Eine kritische Ausgabe der Narrenbeschwörung mit Einleitung, Anmerkungen und Glossen war die nächste Frucht dieser Anregung und weiter eine ständige Beschäftigung mit diesem Dichter, die Spanier zum besten und oft um Auskunft befragten Kenner Murners machte. Die beiden Hauptwerke Murners mit Kommentar erschienen 1925 und 1926 in der von ihm veranstalteten kritischen Ausgabe, veröffentlicht vom Wissenschaftlichen Institut der Elsaß-Lothringer im Reich. Sein 'Universitätsstudium schloß Spanier 1894 ab, nachdem er bei Braune und Kuno Fischer summa cum laude promoviert hatte. Nach Hamburg und in seine Stellung an der Löwenbergschen Schule zurückgekehrt, trat er in einen Kreis bedeutender Männer ein, die für. seine danin einsetzende literarische Tätigkeit von Einfluß wurden. Außer Löwenberg gehörten diesem Kreise an Detlev v. Liliencron, Gustav Falke, Otto Ernst, Lichtwark, Wolgast und andere. Das damals unter den Lehrern aufkommende Streben, der Kunst einen stärkeren Eingang in die Schule zu verschaffen, fand in Spanier einen tatkräftigen Förderer. Sein Buch „Künstlerischer Bilderschmuck für Schulen", das 1897 zum ersten Male herausgegeben wurde und 1902 in dritter Auflage erschien, entstand gelegentlich einer von der Lehrervereinigung für 'die Pflege der künstlerischen Bildung in Hamburg veranstalteten Ausstellung von Bildern zum Schmuck der Schulräume. Wie sehr Spanier die Hineintragung der Kunst in die Schule am Herzen lag, zeigt auch sein 1903 auf der Jahresversammlung des Vereins israelitischer Lehrer für Rheinland und Westfalen in Köln gehaltener Vortrag „Die praktischen Ergebnisse der kunstpädagogischen Bewegung". Auch die von ihm 1905 unter dem Titel „Zur Kunst'- herausgegebenen ausgewählten Stücke moderner Prosa zur Künstbetrachtung und zum Kunstgenuß, seine Einführung in 15 Gedichte Walthers von der Vogelweide, der er den Titel gab „Nemt Frouwe diesen Kranz" (1911), sein Büchlein „Gustav Falke als Lyriker" (4. Aufl. 1907) und sein Buch über den Maler Thoma (2. Aufl. 1925) verdienen hier erwälwiit zu werden. 1900 folgte Spanier einem Rufe als Leiter des Seminars der Marks-Haindorfschen Stiftung in Münster, an der er 11 Jahre wirkte, und 1911 wurde er Rektor der Mädchen-Mittelschule der Jüdischen Gemeinde in Berlin, mit der Kurse zur Ausbil- I Porto 3 Pfg. : Bestellschein j ÄSÄnd.!;• unfrankiert in : i den Postkasten; I werfen! Porto trägt dann Än den i Empfänger.; Verlag der Jüdischen Schulzeitung Gebrüder Neubauer Ludwigshafen a. Rh. Schulstraße 14. dung von jüdischen Religionslehrerinnen verbunden waren. 1930 wurde er nach Erreichung der Altersgrenze pensionierte Ueber Spamier als Lehrer kann der Schreiber dieser Zeilen aus( eigener Erfahrung nicht berichten. Aber wer weiß, wie sehr seine Zöglinge im Seminar,, von denen einer ihn ihm gegenüber, einmal als Vater seiner Schüler bezeichnete, und seine. Schülerinnen an ihm hingen, kann sich leicht vorstellen, daß es dem für alles Schöne begeisterten Manne, der sich auch der Gründe seines Fühlens bewußt ist. gelang, auch in seinen Schülern Begeisterung für alles Schöne zu wecken. Aber Spanier ist nicht ein bloßer Gefühlsmensch. Mit einem ausgeprägten Sinn für das Mögliche und Durchführbare, mit seiner Tatkraft und seinem Verantwortungsgefühl hat er die Schulen, zu deren Leitung er berufen war, auf eine ansehnliche Höhe gebracht. So freundlich und gütig er ist, so abweisend und streng konnte er auch sein, wenn er auf Pflichtvergessenheit, Nachlässigkeit und Unzulänglichkeit bei Kollegen und Schülern stieß. Seine Schule so auszubauen, daß sie das ihr gesteckte Ziel in dem Ideal möglichst nahekommender Weise erreichte, darauf war sein unermüdliches Mühen gerichtet. Darum haben auch seine Mitarbeiter es als eine Schädigung der Schule angesehen, daß er mit Erreichung der Altersgrenze die Leitung der Schule aus der Hand legen mußte. Ihren Bemühungen, bei der staatlichen' Behörde eine Ausnahmebehandluinlg für ihn zu erwirken, war freilich der Erfolg versagt. An dieser Stelle sei auch des Büchleins gedacht, das er dem Andenken seines und meines ehemaligen Schülers, Freundes und Kollegen Gottfried Sender, gewidmet hat, Leutnant Sender, 3. Aufl. 1916. So lebt Spanier seit Ostern 1930 im Ruhestande, die Ruhe seines Gemütes aber hat ihm das Aufhören amtlicher Tätigkeit nicht geraubt. Ständige wissenschaftliche Beschäftigung, sei es mit seinem geliebten Murner, sei es mit jüdischen Dingen, zu denen er sich mit den Jahren immer mehr hingezogen fühlt, Freude an Natur und Kunst erhalten ihn jugendlich und frisch. Seit mehr als einem Jahre ist er auch an den Kursen tätig, die vom Preußischen Landesverband für die Ausbildung von Studienräten zu Religionslehrern eingerichtet worden sind. Wenn sein Buch über die Psalmen hier erst jetzt erwähnt wird, so nicht deshalb, weil es seiner Bedeutung nach an die letzte Stehle gehörte, das Gegenteil ist der Fall. Es gehört zu dem Besten, was Spanier uns geschenkt hat, vielleicht mit zu dem Besten, was über die Psalmen geschrieben worden ist. Gunkel hat gewiß eine starke Gabe der Einfühlung in die poetische Literatur Israels besessen, und seine ausgewählten Psalmen verdienen alles Lob. Aber abgesehen davon, daß der christliche Gelehrte in ihnen manches „Unchristliche" entdeckt, dem mit unbefangenem Sinn die Psalmen lesenden Juden Spanier ist es gar/z besonders gelungen, in die Frömmigkeit der Psalmisten einzudringen und ihre Größe und Schönheit mit seinem treffsicheren, feinen, alles Triviale vermeidenden Wort, mit seinem eigenständigen Stil für jeden verständlich darzustellen. Dabei ist das Büch das Werk eines Mannes mit vollendeter philologischer Schulung, der sich um die Gewinnung des Sinnes eine bis ins letzte gewissenhafte Mühe gibt, und dem es doch gelungen ist, — beides: Philologie und Sinn für Schönheit sind selten in einem Manne vereinigt — die Schönheit der Psalmen sowohl in seinen Uebersetzungen als auch in seinen Erklärungen und Paraphrasen unserem Herzen nahe zu bringen. Wo so viel Licht ist, ist auch Schatten. Sein schlimmster Fehler ist seine Bescheidenheit. Seinen Freunden verbot er bei seinem 60. Geburtstag unid seinem Scheiden aus dem Amt jegliche Würdigung seines Schaffens.in der Zeitung; ohne Sang und Klang trat er in den Ruhestand. Und wenn dieser Geburtstagsgruß erst einen Monat post festum erscheint und nicht schon am 1. November, so deshalb, weil der Verfasser fürchten mußte, daß Spanier seine Veröffentlichung zu diesem Tage nur ungern sehen würde- Aber schlimmer ist es, daß er sich im öffentlichen Leben allzusehr zurückhält- In den Vorstand der Berliner Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen hat er sich niemals wählen lassen, und in den Sitzungen, an denen er früher wenigstens ziemlich regelmäßig teilnahm, trat er selten hervor. Dabei konnte man immer wieder

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