Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 12 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 12 ger gehabt haben. Oder denken wir an die Psalmen und Proverbien. Nachdem in Babylonien und Aegypten ähnliche Lieder und Prosasprüche, aus einer Zeit, die dem Auszuge aus Aegypten Jahrhunderte vorausgeht, gefunden worden sind, kann ihre vorexilische Existenz nicht mehr bestritten werden. Aber bei aller gegen früher mehr konservativen Einstellung der heutigen Bibelforschung haftet ihr ein Fehler an, und dieser besteht in der mehr oder minder christlich-dogmatischen Gebundenheit ihrer Vertreter, denn sie ist fast ausschließlich eine Domäne christlicher Forscher, und es ist nur zu natürlich, daß nicht selten selbst beim besten Willen Werturteile sich einschleichen, die von außen hergenommen sind und ein falsches Bild ergeben müssen. Schon allein der Grundsatz christlicher Theologie, daß unsere Bibel eine Vorstufe der Grund- .uellen der christlichen Religion, darstelle, daß das „Neue Testament" und das „Alte Testament" nicht nur zeitlich voneinander sich unterscheiden, sondern sich auch wie Höheres und Niederes gegenüberstehen, mußte zu fundamentalen Irrtümern führen, und das ist ein Mangel, der sich bei allen christlichen Verfassern von Kommentaren zur Bibel findet, auch selbst bei denen, die einer freireligiösen Ansicht huldigen, denn so sehr haben sie sich doch nicht von den Strömungen ihrer Zeit und ihrer Umgebung emanzipieren können, daß sie ihnen nicht anheimgefallen wären- In dieser Entwicklungstheorie, die übrigens selbst der Konsequenz entbehrt, insofern sie auch über das Christentum hinausführen und es ein Unding sein müßte, von einer absoluten Religion zu reden, sehen wir die Grundquelle dafür, daß die Bibelforschung dem Geiste der Bibel nicht gerecht wurde, daß ihre Interpretation sie nur allzu häufig in eine falsche, ungünstige Beleuchtung rückte. Wohl hat man nicht umhin können, die Ueberlegenheit der biblischen Gottes- und Weltauffassung gegenüber den Mythen der orientalischen Völker anzuerkennen, aber es ist ganz selbstverständlich, daß sie nicht an die Ideenwelt des Christentums heranre'cht ja. man sucht überall noch nach Spuren von Polytheismus, nach allerlei Spuk- und Geisterglauben!, nur um die biblische Religion herunterzudrücken. Dabei begeht man den grundlegenden Fehler, daß man von einer Entstehung des ethischen Monotheismus redet, wie er doch der Bibel eigentümlich ist. und ihn als das Resultat einer kürzer oder länger dauernden Entwicklung aus niederen Formen der Religion hinstellt. Der ethische Monotheismus ist eine intuitive Erkenntnis, theologisch gesprochen eine Offenbarung, die keine Vorgeschichte hat. Sie ist graduell und qualitativ verschieden von allem, was vordem als Religion betrachtet wurde. Noch ein anderer Mangel macht sich bei dieser Bibelforschung bemerkbar. Ich sehe hier ganz davon ab, daß vielfach auch der Rassegedanke bei ihr Eingang gefunden und zu einer abträglichen Beurteilung der Bibel und ihrer Persönlichkeiten geführt hat. Bei anideren Disziplinen hält man es für selbstverständlich, daß man auch ihre Vorgeschichte in Betracht zieht, daß man sich vergewissert, wie eine frühere Zeit gedacht und geurteilt hat. Hätte man da nicht, da ja die Bibel in erster Reihe eine jüdische Angelegenheit ist, vor allem die jüdischen Kommentatoren der Bibel heranziehen und befragen müssen? Nicht als ob damit gesagt sein soll, daß sie über jeden Irrtum erhaben wären. Schon daraus, daß sie nicht selten über ein und dieselbe Stelle verschiedener Ansicht sind, ist zu ersehen, daß in dieser Hinsicht keine einheitliche jüdische Ueberlieferung bestand. Dies aber darf doch nicht dazu führen, die jüdische Tradition, die auf eine zusammenhängende Geschichte zurückblicken und am besten Auskunft geben kann, vollständig zu übergehen oder bestenfalls nur in ganz unzulänglicher Weise heranzuziehen. Diese Unterlassung ist wohl auf die Schwierigkeit in der Beherrschung der Materie zurückzuführen, liegt darin begründet, daß d:e christlichen Kommentatoren fast nur aus zweiter Hand schöpfen können. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, daß man der Bibel gegenüber ein Verfahren einschlägt, das sonst schlechterdings als unwissenschaftlich betrachtet wird. Welcher Forscher würde sich zum Beispiel an die Erklärung des Koran heranwagen, ohne die islamitische Tradition heranzuziehen? Ganz anders dagegen bei der Bibel. Nichtjüdisches Material von den fernsten Emden der Welt wird als Analogie zurechtgelegt, dagegen das nächstliegende im Talmud und bei den jüdischen Kommentatoren des Mittelalters vorhandene Gut wird übergangen. Demgegenüber trägt der vorliegende Kommentar durchaus , jüdisches Gepräge, nicht nur in dem Sinne, daß sein Verfasser ein jüdischer Gelehrter ist, sondern auch in der Richtung, daß er auch in jüdischem Geiste und aus jüdischer Anschauung heraus geschaffen ist, ohne daß dies die Selbständigkeit des Urteils beeinträchtigt. Damit soll keineswegs, gesagt sein, daß nun jede Erklärung, die hier gegeben wird, unumstößlich feststeht- Gerade die Genesis ist eines jener Bücher der heiligen Schrift, die dem Erklärer die größten Schwierigkeiten bereitet, und es gibt genug Stellen, deren Interpretation zweifelhaft ist,- geschweige denn, daß nicht Meinungsverschiedenheiten möglich sind. Aber ein Bestreben waltet hier vor, frei von allen Zeitströmungen und Lehrmeinungen, den eigentlichen Sinn der Tora zu erfassen. Jeder Satz, jedes Wort wird nach seiner Bedeutung innerhalb des Ganzen; geprüft, wird grammatisch und religionsgeschichtlich untersucht, es werden die Erklärungen der alten und neueren Kommentatoren, ob sie jüdisch sind oder nicht, herangezogen, um auf Grund solcher Prüfung sich Klarheit zu verschaffen. Es ist die anlythische Methode, die angewandt wird, die einen Mosaikstein an den andern fügt, bis das Gebäude fertig dasteht, im Gegensatz zu dem intuitivem Verfahren, von dem Buber zum Beispiel in seinem Buche „Königtum Gottes" ausgeht. Besonders eine Aufgabe hat sich dieser Bibelkommentar gestellt, nämlich die, die Theorie, nach der die Genesis aus mehreren Quellenschriften zusammengesetzt sei, in ihrer ganzen Willkürlichkeit und Unmöglichkeit aufzuzeigen. Der fortlaufende Text der Exegese wie auch der Anhang dienen diesen Zwecken. Während der Verfasser in seinen früheren Arbeiten über den Pentateuch noch mehr oder weniger dem Standpunkt der Quellenscheidung gehuldigt hat, ist er jetzt zu der Erkenntnis gekommen, daß sie wissenschaftlich nicht haltbar sei. Wenn man aus der Verschiedenheit der Gottesnamen auf verschiedene Quellen geschlossen habe, so sei dies ein Fehlschluß, denn es sei bewußte Theologie, die daraus spreche; aus dem Inhalt sei erklärlich, daß das eine Mal dieser, das andere Mal jer.er Gottesname genannt werde. Ebenso seien Wiederholungen; bei denen Einzelheiten anders wiedergegeben sind, aus der andersartigen Situation verständlich. An der Einheitlichke't der Genesis sei überhaupt nicht zu zweifeln, denn sowohl die Urgeschichte, welche die ersten elf Kapitel umfaßt, wie auch die Fortsetzung, die Vätergeschichte, seien nach einem bestimmten Plane abgefaßt, der deutlich auf einen Verfasser hinweise. Dieser mag wohl verschiedene Quellen benutzt haben, aber sie seien durch seinen Geist zu einer Einheit verbunden, und J, E und P und noch weitere Unterabteilungen unterscheiden zu wollen, wie die Bibelkritiker behaupten, sei mehr ein Produkt der Phantasie als der Wirklichkeit. Woher ließe es sich denn auch sonst erklären, daß in der Urgeschichte ein bestimmtes Zahlensystem vorwalte, das auf den Grundzahlen von 7,10,12 und 40 aufgebaut sei? Dieser Entdeckung gegenüber, die der Verfasser als etwas Neues für sich in Anspruch nimmt, könne das ganze Gebäude der Quellenscheidung nicht standhalten. Aber wie verhält es sich mit dem Schema der religionsgesetzlichen Entwicklung? Kann dieses etwa geleugnet werden? Heißt es doch ausdrücklich am Anfang des sechsten Kapitels von Exodus: „Und Gott redete zu Mose und sprach zu ■ ihm: „Ich erschien dem Abraham, dem Isaak und dem Jakob als El Schaddai, aber nach me:nem Namen Jahve bin. ich von ihnen nicht erfahren worden"- Hier haben wir, so behauptet die Pentateuchkritik, den Beweis für den Fortschritt in der Gotteserkenntnis von der Zeit der Erzväter zu Moses Zeit, denn die Erzväter haben noch nicht gewußt, daß Gott Jahve heißt, sie haben ihn nur unter dem Namen El Schaddai gekannt. Nun kennen wir zwar nicht die etymologische Erklärung des Wortes Schaddai, aber wein.n wir die Stellen prüfen, an denen dieses Wort vorkommt, so finden wir, daß es immer dort genannt wird, wo von der Fremde die Rede ist. Und darauf haut sich