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Jüdische Schulzeitung · 1934-12-01 · 12 (1.12.1934) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
12 (1.12.1934)
Date
1934-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 12 Jüdische S c h u 1 z e i t u n g Seite 3 bräisch geschriebenen) Werkchen die „ersten Aufzeichnungen von gottesdienstlichen Gesängen" befänden. Da meines Wissens nähere Erläuterungen nicht gegeben wurden, sckann nur eine Melodienaufzeichnung in Noten gemeint gewesen sein. In dem Falle aber muß in Zweifel gestellt werden, ob der Sprecher überhaupt einmal in das Büchlein hineingeschaut hat, sonst würde er gewußt haben, daß darin auch nicht eine Spur von einer Note sich befindet. — Wer ist nun der so „vergötterte" Maharil? Und wie verhält sichs mit dem seinen Namen tragenden Buch? (Ausführl. in meinem Aufsatz im „Jüd. Kantor" Nr. 2, 1930.) Die Namensbezeichnung „Maharil" ist eine Zusammenziehung aus Wortanfangsbuchstaben; und zwar aus: Morenu, Horaw, Jacob Lewi. Zu deutseh gewöhnlich: Jacob Mölln (auch Möllin u. ä.) genannt. 1350 in Mainz geboren, wurde seiner 1927 gelegentlich seines 500. Todestages besonders ehrend gedacht. Mit einem besonderen Interesse für den synagogalen Brauch (Minhag) und den liturgischen Aufbau des Gottesdienstes ausgestattet, widmet er (ein damals allerdings seltenes Beispiel), auch dem gesanglichen Teil der Andacht seiwe Aufmerksamkeit. Und das wohl ists, was ihn anregt und befähigt, neben seiner rabbinischen Haupttätigkeit (besonders in Mainz und Worms) verschiedentlich auch Vorbeterfunktionen auszuüben. — Allein das mehrmals schon erwähnte „S e f e r Maharil" hat gar nicht er selbst verfaßt, sondern sein Schüler und eifrigster Verehrer Salmana usSt. Goar am'Rhein. Was dieser seinen Meister bei dessen Lehrvorträgen abgelauscht, was er an ihm bezüglich des Brauches beim Gottesdienst oder in seiner sonstigen Lebensweise ,.\v i c h t i g" befunden, das hat er in gedrängter Kürze unter dein Titel „S e f e r Maharil" zusammengetragen. Es handelt sich also nicht um ein Buch des M., sondern um eine Schrift über ihn und sein Tun. Aber es beschränkt sich noch nicht einmal auf ihn allein, sondern zieht auch andere zeitgenössische Autoritäten heran. Mithin haben wir in dem Werkchen gleichsam einen Niederschlag allgemein z e i t g e - nüssischen Denkens und Verfahrens auf gottesdienstlichem Gebiete vor uns. Und nicht anders kann man die eingestreuten musikalischen Notizen werten, wenn man sie in ihrem Zusammenhange und mit der nötigen Sachkenntnis liest: Zum Teil sind es dann ganz allgemein gehaltene Vortragsangaben. Wie z. B-: „Dies wird vom Vorbeter mit schöner Melodie gesungen. — Hier erhebt er seine Stimme. — Er dehnt den melodischen Vortrag lang hin u. ä." — Wohl wird hin und wieder auch eine einzelne bestimmte Melodie namhaft gemacht: („Beniggun Ossissi lechannenoch", „beniggun Aapid neser" u. ä.) N i c h t d e r geringste Anhalt aber ist vorhanden für eiwe Identität mit entsprechenden heutigen Weiseii. Zumal, wie schon angedeutet, das wichtigste Beweismittel, die Notenaufzeichnung fehlt. Sie ist uns aus jenen Tagen (14. bis 15. Jahrhundert) für synagogale Gesänge überhaupt noch nicht bekannt, als daß sich Rückschlüsse bestimmter Art machen ließen. — Genügt das gedankenloser Mitschwärmerei noch nicht, so seien noch zwei Dinge angeführt: Zuerst, als das eigentlich Wesentliche, daß der Name Maharil, auf den es doch ankommt, überhaupt nur in ganz vereinzelten Fällen in Verbindung mit genannten Melodieangaben vorkommt. Und nur in einem einzigen Falle davon ist die Annahme eines melodischen Einflusses durch M. vielleicht nicht abweisbar; aber auch hier nur, wenn man wissenschaftlich zu Werke geht. Mach Bericht unserer Quelle hätte nämlich Maharil die T:h oraVorlesung an den Hohen Festtagen nach einer damals „Stubentropp" benannten Weise rezitiert. Es war dies die Singweise beim „Lernen" in der Schul s t u b e (Cheder). In meinem angeführten Aufsatz: „Jüd. Kantor" 1930, Nr. 2 zeigte ich mit Notenbeispielen, worum es sich bei diesem „Stubentropp" (vermutlich!) gehandelt haben mag. (Vgl. auch meine Ausführungen im „Jüd. Lexikon1", Bd. II zu „Gemarah-Niggun".) Diese Vermutung als zutreffend angenommen, lassen sich Anklänge an unsere Weise des Rosch haschonoh- Lei'nens zwar nicht von der Hand weisen. Aber — und das ist wiederum wichtig, Maharil wäre' dann auch dies mal nicht etwa als der „Schöpfe r" der Melodie für die Neujahrsvorlesung zu betrachten" sondern allenfalls als Initiator eines schließlich traditionell werdenden synagogen1 gesanglichen Brauches. Denn die Melodie (der „Stubentropp"), das wird ja ausdrücklich gesagt, war ja bereits vorhanden. — Es gibt natürlich auch Einsichtige. Unter ihnen sei besonders der große Gelehrte Abraham Berliner (gest. 1915) genannt. Zwar nicht Fachmann musikalischer Art war er. Als streng Gesetzestreuer aber hätte er wohl nie und nimmer seine Hand dazu geboten, den Nimbus einer allerersten rabbinischen Autorität, wie sie Maharil sonst mit Recht darstellt, anzutasten. Und doch treibt ihn sein wissenschaftliches Empfinden dazu, die musikalische Autorschaft Maharils geradezu ins Gebiet der Sage zu verweisen. Unser hier herangezogenes „Sefer Maharil" würde auch die beste Gelegenheit geben, über den so oft mißverstandenen und noch mehr mißbrauchten Begriff : „T r a d i t i o n e 11 e r" Gesang zu sprechen. Doch soll dies einem weiteren Aufsatz vorbehalten sein. Das erste Buch der Tora-Genesis*) übersetzt und erklärt von B. Jacob Es ist kein Zweifel, daß die ganze Geschichtskonstruktion der Wellhausenschen Schule, die davon ausging, daß die altisraelitische Religion auf dieselbe Stufe etwa zu stellen sei wie die tiefstehende, von animistischen Vorstellungen erfüllte altarabische Religion, in vollkommener Auflösung begriffen ist. Nicht nur die bibelkritische Methode, die nur im Negativen sich auswirkte und ohne jeden Blick für das Künstlerisch-Ganze Zusammengehöriges in kleine und kleinste Atome zerlegte, die der Jagd nach Konjekturen und Hypothesen reichste Nahrung bot und subjektive Urteile von höchst zweifelhaftem Wert für objektive Wissenschaft ausgab, wird immer mehr in ihrer inneren Unmöglichkeit anerkannt. Nach Willkürlichkeiten solcher Art wäre es nicht schwer, eine Regenbogenausgabe des Faust von Goethe herzustellen, wie man eine Regenbogenbibel herausgegeben hat, in der die verschiedenen Quellen und Bestandteile, aus denen angeblich die Bibel bestehen soll, durch die ganze Farbenskala des Spektrums klar und deutlich hervortreten. Auch die Auffassung über die Religion Israels hat eine wesentliche Aenderung erfahren. Je größer durch die Ausgrabungen unsere Kenntnis von der Kultur des Orients, besonders der Babylonier und Aegypter, wurde, je mehr Einblick wir in ihre religiösen Vorstellungen, die sich weit über Animismus und Totemismus erheben, erhielten, um so mehr mußte sich die Frage erheben, ob man nicht die Religion Israels unterschätzt habe, zumal allgemein die Auffassung vorherrschend ist, daß Israel in kultureller Hinsicht von den umwohnenden Völkern sehr stark beeinflußt war. So konnte die Ansicht, die vor allem Stade vertreten hat, nicht aufrecht erhalten werden, daß die Vorstellung von einem Gott, der im Himmel throne und Himmel und Erde geschaffen habe, der altisraelitischen Religion fehle, gibt es doch kein Volk des nahen oder fernen Orients, das nicht Schöpfungsmythen besessen hätte. Nicht besser erging es auch der Auffassung, nach der die eigentlichen Träger der Offeribarung in Israel die Propheten gewesen seien. Während die Geschicklichkeit einer Gestalt wie Mose vollständig geleugnet wurde, wurde die Originalität eines Arnos, Jesaia und Jeremia überschätzt, wurden sie als die ersten Vertreter des ethischen Monotheismus hingestellt. Heute hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß das Bild, das die Ueberlieferung uns von der Religion Israels bietet, in der Hinsicht wenigstens zutreffen dürfte, daß die Propheten Vorgän- *) Schocken-Verlag, Berlin, 1934. Halbleder 42 PM.

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