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Jüdische Schulzeitung · 1934-12-01 · 12 (1.12.1934) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
12 (1.12.1934)
Date
1934-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 J ü di-s-c-fae S c fa u 1 z-eitun g Nummer 12 deren Verlauf die Leser demnächst unterrichtet werden. Wir stehen also der Behandlung all der genannten Fragen durchaus nicht grundsätzlich ablehiniend gegenüber, sondern sind bereit, der neuartigen Umwandlung der Lehrpläne auch innerhalb der jüdischen Schülerschaft Rechnung zu tragen. Was uns mit Sorge erfüllt, ist also keineswegs das Was sondern das Wie des Unterrichtes. So lange die Lehrerschaft ohne Bindung an bestimmte literarische Grundlagen zur Judenfrage Stellung nehmen konnte, war ihr ein Spielraum gegeben, iwnlerhalb dessen sie es in der Hand hatte, eine geistige und seelische Atmosphäre in der Schulstube zu erhalten, in der auch die jüdischen Kinder atmen konnten. Der Schreiber dieser Zeilen bekennt es denn auch gern,, daß ihm aus der ihm räumlich nahen Schülwelt Fälle rührender Obsorge christlicher Erzieher gegenüber'jüdischen Schülern und nur gainz wenige Beispiele verletzender Unterrichtsgespräche bekannt geworden sind. Nun werden Schriften Einkehr in die Schulen halten, in denen nach unserer Ueberzeugung die Judenfrage einseitig und in vielem Betracht falsch dargestellt wird. Wir erinnern nur an jenes Pamphlet, das gegenwärtig wieder einimal eine Rolle vor Gericht spielt und das geeignet ist, Haßempfindungen gegen alles Jüdische zu erwecken, wenn nicht ein kritisch richtender Sinn auf die Tatsache hinweist, daß es sich bei den „Protokollen der Weisen von Zion" um eine alte Fälschung handelt. Wir dürfen das Zutrauen zur Lehrerschaft haben, daß sie bei der Lektüre der vom Minister empfohlenen Werke dem Grundsatz folr gen wird: audiatur et altera pars, wenngleich wir nicht die Befürchtung unterdrücken können, es stehe ihr nicht immer das Material zur. Verfügung, das tiestimmte Sachverhalte von der andern Seite her beleuchtet. Aber ganz "abgesehen davon wird innerhalb der Klassengemeinschaft leicht eine Stimmung hervorgerufen werden, die es den jüdischen Schülern schwer macht, ihr seelisches Gleichgewicht zu erhalten- Man male sich die Folgen aus, die entsteh ein,, wenn die Klasse das Fritsch'sche „Handbuch der Judenfrage" liest und nicht Gelegenheit nimmt, das darin vorgetragene Material mit anderem zu vergleichen, und es bedarf ke'nes pädagogischen Weitblickes, um zu ermessen, wie hier etwas in- Unordnung geraten muß zum Schaden der jüdischen Kameraden. Selbst dann, wenn im Ablauf des Unterrichtes mancherlei zurechtgerückt werden mag, kann leicht etwas hängen bleiben, weil die Macht des gedruckten Wortes in ihrer Wirkung unberechenbar ist. Es eröffnen sich uns Juden sorecht trübe Aussichten für die Zukunftsmöglichkeiteri auf dem Gebiet der Bildung, die auch n:cht völlig verscheucht werden können durch die Hoffnung auf ein umfassendes jüdisches Schulwerk. Eine Jiebgewordene Tradition, die seit mehr als 100 Jahren entscheidend auf die Entfaltung der Persönlichkeit des deutschen Juden eingewirkt hat, gibt man nicht leichten Herzens auf, udd es geht etwas vom Letzten des Menschen verloren, wenn er ausscheiden muß aus einer gesellschaftlichen Ordnung, der er sich zuinnerst verhaftet fühlte. Jüdische Jungens und Mädels ohne Zahl haben einträchtig neben ihren christlichen Kameraden und Kameradinnen gesessen; sie haben schönstes Menschentum gegeben! und empfangen; sie haben — wie die andern — auch ihre Schwächen offenbart. Wäre es möglich, Zeugnisse von Lehrern und Mitschülern über die jüdischen Klassengenossen zusammenzutragen, so brauchten wir nicht zu fürchten, sie könnten vielleicht in ihrem Gesamt ein ungünstiges Urteil ergeben. Nün soll Distanz geschaffen werden, aus Gründen rassischer Auffassungen, denen die jüdischen Schüler nichts anderes entgegensetzen können als ihre leibhafte Person. Bedarf es da erst der Erwägung, auf welcher Seite die stärkste seelische Belastung liegen wird? Ergibt sich nicht ohne weiteres die Perspektive, daß in kurzer Frist der letzte jüdische Schüler von der allgemeinen Schule verschwunden sein wird? Dann aber wird die Spannung zwischen der kleinen jüdischen Gemeinschaft und der großen Umwelt eine Verschärfuinlg erfahren, von der wir nicht glauben können, daß sie einem Teile zuträglich sei. So bleibt uns nur die Hoffnung, es werde sich doch noch ein modus vivendi finden lassen, und das um so leichter, je reinlicher die Grenzen abgesteckt werden innerhalb der kulturellen Bezirke, in die hinein wir alle — Juden wie Christen — gegeben sind kraft der Geschichte, die von einer höheren Macht gelenkt wird, als von der. deren sich die Menlschen bedienen können. " Etwas über synagogale Musik Von S. Guttmann, Potsdam Nachdruck mit Genehmigung des Verfassers In der sangesreichen Festeszeit ist auch das Interesse des Nurlehrers sicherlich nicht ohne Anteilnahme an der musikalischen Seite des Gottesdienstes geblieben; geschweige, daß das Interesse der vielen unter uns gesteigert worden ist, die", mit dem Lehramt eine kantorale Tätigkeit verbinden. Das hat, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger, wohl auch die altbekannten und doch immer neuen Fragen nach Ursprung, Alter, Wesen usw. der altsynagogalen Weisen hervorgerufen. Wieviel ist darüber doch schon geschrieben und gesprochen worden! Und doch, wie so manches davon hält vor der ernsten, wissenschaftlichen Forschung nicht stand! Irrtümer und Mißverständnisse sind entstanden, in weiteste Kreise — auch in unsere — gedrungen, sind eingewurzelt worden und, was das Schlimmste ist, sie haben nicht selten zu sachlich falschen Maßnahmen bei der musikalischen Ausgestaltung des Gottesdienstes geführt. Dazu im folgenden einige Darlegungen, die dem entgegenwirken sollen. Erwähnte Unzulänglichkeiten haben wissenschaftliche und methodische Gründe. Um an den Selichoth-Aufsatz des Kollegen Popper (Leer-Ostfriesland) in Nr. Q.d. Bl. anzuknüpfen: Popper, die musikalische Seite nur flüchtig streifend, hat vollkommen recht mit seinem Hinweise, daß eine befriedigende Antwort auf die Frage nach Ursprung etc. der synagogalen- Tonweisen nicht zu erlangen sei. Ich möchte nur ergänzend bemerken, daß dies bisher sich so verhält. Die Erforschung der Synagogenmusik ist nämlich, was nicht allgemein bekannt zu sein scheint, noch ganz jungen Datums; sie zählt, genau genommen, nur wenige Jahrzehnte. Es fehlt ihr noch gar sehr in Einzelbausteinen der „Klein- und Feinarbeit", wie sie der Bahnbrecher auf diesem Gebiet, Birnbaum (Königsberg Pr.) gegen Bnde.des 19. Jahrhunderts herbeizuschaffen begann; wie sie Idelsohn (früher in Jerusalem, jetzt Amerika) für den jüdisch-orientalischen Gesang, Kirschner-München für den süddeutschen Ritus zur Verfügung gestellt haben und einige andere. Sonst aber hat man sich meistens immer wieder mit ein und denselben an der Oberfläche bleibenden Allgemeinfeststellungen begnügt. Und doch kann ein Gebilde wie unsere Kultusmusik nur durch In-die-Tiefe-gehen erfaßt und beurteilt werden. Handelt es sich doch um ein Produkt mannigfachster Faktoren. Zur Klärung gehört hier z. B. das Hineinleuchten in sämtliche gottesdienstlichen Zweige,, vor allem die verschiedenen Riten (deutsch, polnisch, litauisch, sephardisch, orientalisch u. a.). Gebetsaufbau, Textliches, jüdische Literatur, Musik-, Volks-, Kulturgeschichte der Judenselbst, wie ihrer Umgebung sind ebenso heranzuziehen, wie Kirchen- und Volksgesang allgemein. Eiire eingehende Kenntnis der stark angewachsenen synagogalmusikalischen Literatur ist selbstverständlich. Was selbst „wissenschaftlichenofts" durch nur oberflächliche Betrachtungsweise angerichtet werden kann, dafür ein markantes Beispiel: Die unter dem Namen „M a h a r i l" bekannte mittelalterlich-rabbinische Autorität ist einmal als der Schöpfer unserer in Deutschland gebräuchlichen „traditionellen" Gesänge erklärt worden. Ein) kleines Büchlein: „Sefer Maharil" benannt, und mit Bemerkungen über den musikalischen Gebetsvortrag versehen, hatte es diesem und jenem angetan; und eine Gemeinde von Schwärmern war auch bald gläubig zur Stelle. Ja sie ist zurrtTeil heute noch da. Vor einigen Jahren erst durfte ein Berliner öffentlich -im Rundtunk sogar . erzählen,, daß sieh in besagtem (natürlich he-

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