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Jüdische Schulzeitung · 1934-11-01 · 11 (1.11.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
11 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer il Jüdische Schulzeitung Seite 3 Stern führte, lebhaft unterstützt von seinen beiden Kollegen, Klage darüber, daß die Lehrerschaft in völlig unzureichender Weise an den Arbeiten des Landesverbandes, soweit sie dw Lehrerbildung und -fortbildung betreffen, beteiligt werde. Es wurden schließlich folgende Anträge einstimmig angenommen: 1. Per Lehrorbildungsausschuß spricht die Erwartung aus, daß in Zukunft in allen Angelegenheiten des Schulwesens und der Lehrerfortbildung der Lehrerverband als offizielle Vertretung der jüdischen Lehrerschaft im Reiche anerkannt und dementsprechend auch schon zu den Vorberaturigen hinzugezogen wird! 2. Der Lehrcrbildungsausschuß wird durch zwei Berliner Pädagogen ergänzt und erhält seinen Vorsitzenden aus dem Kreise der Berliner Mitglieder. Vor einer Beschlußfassung sind die Voten der auswärtigen Mitglieder einzuholen. Zweck dieser Neuordnung ist es, die öftere Einberufung des Ausschusses zu ermöglichen und damit dessen Arbeitsfähigkeit und Einfluß zu stärken. Da auch in diesem Ausschuß der Wille zu freundschaftlicher Zusammenarbeit mit der Lehrerschaft zum Ausdruck kam, darf gehofft werden, daß die verstimmenden Auseinandersetzungen um die Gleichberechtigung der Lehrerschaft ein Endo haben und damit der Weg zu positiver Arbeit frei gemacht ist. Die ersten Versuche zur Gestaltung des freien Schabbat In Nr. 9 dieses Blattes sind die ministeriellen Bestimmungen veröffentlicht worden, auf Grund derer ein Dispens der jüdischen Schüler vom Unterricht am Schabbat erfolgen konnte., Die Schriftleitimg hatte zudem eine Betrachtung darüber angestellt, welche Möglichkeiten der Verwendung der neugewonnenen' Freizeit sich ergäben. Mittlerweise sind ein paar Wochen dahingegangen, und eine Reihe von Kollegen haben mit der praktischen Arbeit auf diesem im großen und ganzen imbeackerten Felde jüdischer Erziehung begonnen. Sie haben zunächst einmal die Elternschaft beraten und versucht, sie zu einer möglichst einheitlichen Haltung in einer immerhin neuartigen Frage zu bringen. Wenn auch noch keine Erhebungen darüber vorliegen, in welchem Umfange von dem Recht der Fcrnhaltung jüdischer Schüler vom Unterricht am Staatsjugendtag Gebrauch-gemacht worden1 ist, so darf doch angenommen werden, daß ein nicht unerheblicher Prozentsatz der in Frage stehenden Knaben und Mädchen heute tatsächlich den Schabbat voll zur Verfügung hat, und daß der Weg freigelegt ist zu einem Werk, dessen Vollbringung in zweckentsprechender Weise von Bedeutung für die Zukunft der deutschen Judenheit sein wird. Daß es sich hier vorerst um tastende Versuche handelt, liegt in der Natur der Sache begründet; es wird vielfacher Beobachtungen un<d Ueberlegungen bedürfen, festen Boden zu gewinnen und die uns vom Schicksal gebotene Chance zu benutzen. * Von einem dieser Versuche sei hier berichtet. Er erfolgte in einer westdeutschen Großgemeinde am Schabbat Bereschit, unmittelbar also nach den Eindrücken des Schemini azereih und des Simchat tora. Etwa achtzig Knaben und Mädchen ans Schulen aller Gattungen hatten an dem üblichen Vormittagliauptgottesdierrst teilgenommen, als sie von einem Kollegen in die „Kleine Synagoge" geführt wurden. Nach Eintritt des Rabbiners sang die .lugendgemeinde das Ma towu. Dann trat ein Knabe vor und trug ein Schabbatgedicht Jehuda Haie vis vor. Ks folgte die Vorlesung der drei ersten Abschnitte von Bereschit aus der Tora. Die Abschnitte waren auf sieben Knaben verteilt. Leben gewann die Vorlesung durch den eindrucksvollen Vortrag der Uebertragune: Martin Bubers; nicht minder aber durch die gehaltreiche Ansprache des Rabbiners, der es verstand, an Hand der Raschierklärungen Sinn und Bedeutung des Schöpfungsberichtes den Jugendlichen nahe zu bringen. In Anbetracht dessen, daß der Vormittag bereits ein beträchtliches Maß von Spannkraft erfordert hatte, erwies sich eine Zäsur als notwendig. Sie wurde dadurch gewonnen, daß nach dem Einheben die Kinder in den Vorraum gingen und sich dort die Hände zum Kiddusch wuschen. So verging eine angemessene Zeitspanne, die die jungen Menschen wieder frisch werden Heß. Üald umstanden sie wieder die sclmblmtllclt ifoUcckten Tische und lauschten dem Kiddusch, dessen 'vielen der Schüler wohlvertraute Melodie eine prächtige Knabenstimme zum Leben erweckte. Man antwortete in traditioneller Weise, trank Wein und aß Challo. Dann aber erklang in hellem fröhlichem- Chor Schir hamaaloth. Das Tischgebet, von einem Schüler unverkürzt auswendig rezitiert, und gesanglich durch Mitwirken der Kameraden und Kameradinnen aufgeteilt, bildete zugleich den Ausklang der Feierstunde. Sie barg in sich manch uralten jüdischen Schatz, der dem einen und dem andern Glied dieser zur betenden Gemeinde zusammengetretenen Schar wohl zum erstenmal im Leben aufgeleuchtet hat. Die hier geschilderte Veranstaltung trug den Charakter eines „Oneg Schabbat"; sie hatte, das bezeugten die Aussagen der Teilnehmer, auch die ihm eigene Wirkung. Herz und Gemüt der Kinder fühlten sich angesprochen; die auf vorwiegend Kultisches abgestellte Stunde hat — vielleicht — zu jener Tieferischicht der Seele Zugang gefunden, aus der das religiöse Gefühl hervorbrechen kann. Und wenn es sich erweist, daß das begonnene Werk von Dauer ist, daß der Kreis der sich um es mühenden Jugendlichen wächst, dann ist nach einer Seite hin der rechte Weg eingeschlagen. Freilich nur nach einer Seite hin; denn jüdisches Leben erschöpft sich nicht im rein Gefühlsmäßigen; Judentum bedeutet weit mehr als „Religion", wie Samson Raphael Hirsch es in seinem — übrigens in mancher Hinsicht anfechtbaren — Aufsatz über das Fest der Gesetzgebung aufgewiesen hat. (Grundbegriffe des Judentums I.) Es , bedeutet zu einem wesentlichen Teil eine geistige Arbeit, die auf Erkenntnis hinzielt und deshalb nur durch den Intellekt bewältigt werden kann. Nicht ohne Absicht ist in das tägliche Morgengebet der talmudische Abschnitt aufgenommen worden, an dessen Ende es heißt: „Wetalmud tora keneged kullam". Und es darf nicht daran gezweifelt werden, daß es neben dem gemeinsamen Gottesdienst gerade das ständige „Lernen" in der Gruppe gewesen ist, dem die Judenheit ihren Bestand und ihre ungebrochene innre Kraft verdankt; So hat sich in unseni Tagen, da es um Sein oder Nichtsein geht, die Auffassung durchgesetzt, der Jugend tue jüdisches Wissen not, und es ist eine Selbstverständlichkeit, daß gerade der freie Schabbat benutzt werden muß, es intensiv zu fördern. Mit vollem Recht haben wir Lehrer immer auf die Kürze der unserm jüdischen Unterricht zur Verfügung stehenden Zeit hingewiesen, wenn Kritik an den mangelhaften Kenntnissen der Schülerschaft geübt wurde. Die Verhältnisse haben sich in unerwarteter Weise günstiger gestaltet, und nun fragt es sich, wie wir die Gelegenheit nutzen werden. Wohl läßt sich auch in eine Feierstunde der wissenfördernde Dialog zwischen dem Leiter und den Empfangenden einfügen; er wird indes lediglich ein Nebenprodukt bleiben müssen, soll nicht die Gesamtstimmung durch ihn gefährdet werden. Er erfordert auch eine Meisterschaft im Erwecken und Zügeln der Gesprächslust, in der Absteckung der Grenzen des Schicklichen, die nicht allen Betreuern der Jugend zugeboren ist. Aber ganz abgesehen davon wird sich Ersprießliches im Bereich der Erkenntnis nur gewinnen lassen, wenn eine wirkliche „Lernzeit4' festgesetzt wird, ein Unterricht im Jüdischen, der sich von dem schulmäßigen durch eine besondere Tönung unterscheidet. Vieles muß ihm ferngehalten werden, was in der Schulstube zwangsläufig die Zusammenarbeit begleitet und das besondre Lehrer-Schülerverhältnis begründet; manches muß ihn durchziehen, was vom Schabbat her sein Gewicht erhält, auf daß er zu einer freieren aufgelockerten Zwiesprache werde, der etwas von der Stimmung des Oneg Schabbat, aber zugleich auch etwas von dem Ernst jedes ehrlichen geistigen Ringens anhaftet.

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