Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 10 (1.10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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•Nummer "10 J üdis'che; Schulzeitung Seite.3 men werden soll, sie*soll eine noch ausgiebigere Behandlung erfahren. Dieses Land liatx was in diesem Zusammenhang nur angedeutet werden kann, in der israelitischen Geschichte eine durchaus aktive Rolle gespielt. Aus der Geographie des Landes ist der Gegensatz zwischen Nord und Süd zu erklären, der sich wie ein roter Faden von der Zeit Josuas an' durch allevdie' Jahrhunderte zieht Daß fast-alle Propheten dem; Südland angehörten, ist auch kein Zufall. Von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Schlüssel zu manchem Rätselhaften und Unverstandenen in der biblischen Literatur in der Heimat der biblischen Autoren zu suchen sei, hielt Graetz es für Vermessenheit, die Geschichte dieses Landes zu schreiben, bevor er es aus eigener Anschauung kennen gelernt hätte. Und nicht der geringste Reiz und Wert von Elias Auerbachs ausgezeichnetem Werk „Wüste und gelobtes Land" besteht darin; daß der Verfasser durch seine in langen Jahren gewonnene Kenntnis des alten. Palästina der israelitischen Geschichte, namentlich der Geschichte Sauls, neue Seiten abzugewinnen vermochte. Wenn irgendwo Volk und Boden zueinander fanden, dann geschah's im israelitischen und jüdischen Palästina. Auch darin .den Finger Gottes zu zeigen, sollte sich der jüdische Religionsunterricht nicht entgehen lassen. Es war nicht meine Absicht, Levys umfangreiche und nicht verdienstlosen Ausführungen fortlaufend zu kommentieren. Nachdem mein sehnlicher Wunsch, die jüdische Schule möge für unsere jüdische Jugend die Regelschule werden, sich — unter freilich wenig erfreulichen Umständen — zu verwirklichen scheint, werden zahlreiche von Levy angeschnittenen Fragen noch öfter behandelt werden. Wären die Zeiten nicht so verzweifelt ernst, so möchte mancher jüdische Pädagoge ausrufen: „Die Geister sind erwacht, es ist eine Lust zu leben!" Die Gestaltung des Erdkundeunterrichts in der jüdischen Volksschule Von Martin Reich, Berlin Das deutsche Judentum hat eine neue Stellung bezogen — nicht in seinem Verhältnis zum Staat, zu dem es wie immer in treuer Pflichterfüllung steht — es hat zu sich selbst zurückgefunden. Es hat zu begreifen begonnen, daß das Judesein Ausgangs- und Zielpunkt seiner Geschichte ist. Ruht es in der Unendlichkeit verankert in Gott, ihm verpflichtet in Ewigkeit, so bleibt ihm für sein Hiersein, für sein Leben und Arbeiten die Erde; wenn man so das Hallelwort: „Haschamajlm schamajim ladonaj, w'ha'arez nathan liwne adam" auffassen will. Diese Feststellungen führen zu zwei Gesichtspunkten, nach denen das deutsche Judentum in der Erziehung der ihm anvertrauten Jugend sich zu richten hat. Es wird die jüdischen Kinder zu befähigen haben, Träger des Gottesreiches werden zu können und treue Staatsbürger in dem Lande, das Juden Freistatt bietet; sei es, wie Martin Buber es ausdrückt: „Palästina, wem es das Land sein darf, oder irgendeine Fremde, wem sie das Land sein muß — oder Deutschland, wem es das Land sein kann." Das spezifisch Jüdische in uns muß heimatschaffend wirken; auch fern von dem Orte des Geborenwerdens kann Heimat uns erstehen, denn Heimat ist geistiges Wurzelgefühl. Wir Juden bedürfen ganz besonders eines solchen Wurzeins in der Erde, denn im belebenden Austausch unserer jüdischen Werte mit den Quellströmen der Heimaterde entwickeln sich in uns seelisch schützende Kräfte, die für das Ertragen der Wirklichkeit und für ihr Begreifen notwendig sind. Die Erdkunde vermag in ihrer vielfachen Verflechtung mit anderen Wissensgebieten der jüdischen Schule Wesentliches zum Neubau des jüdischen Menschen zu leisten. Sie verlangt mehr als ein anderes Schulfach eine Gesamtschau des menschlichen Lebens und beansprucht alle Kräfte des zu erziehenden Kindes. Sie fordert Kenntnisse und Fähigkeiten, die dazu angetan sind, sich im täglichen Leben zurechtzufinden, nämlich Gewinnung von> sicheren Ortskenntnissen, Erfassung der Natur Vorgänge auf-.der Erdoberfläche und ihrer Ursachen, deren Erkenntnis sich als formale Geistesschulung auswirkt. Sie bildet weiterhin den Charakter, wenn sie von der planmäßigen Arbeit des Menschen in der Natur erzählt, sei es, ob er als jüdischer Chaluz dem palästinensischen Steinboden Früchte abtrotzt oder als jüdischer Schiffsherr die europäische. Küste mit der amerikanischen verbindet. Tatwille, Mut Verantwortungsfreudigkeit, Gemeinschaftssinn .erfahren in der Erdkundestunde Förderung, sie sind die beste Grundlage für die allgemeine Charakterbildung, also auch für die des jungen Juden. Die besondere Bedeutung der Erdkunde ist auch darin begründet, daß sie zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften steht, eine Brückenstellung einnimmt. Ihren heutigen Platz — Ausdruck des Verhältnisses Mensch — Erde zu sein— verdankt sie Humboldt und Ritter. Wenn die Erdkunde ihre wichtigsten Ergebnisse auch heute noch den Naturwissenschaften entnimmt, so muß sie jedoch in unserer Schule mit jüdischer und deutscher Geschichte, mit Deutsch und mit jüdischer Ger genwartskunde eng verknüpft werden. Die Volksschule verlangt nicht wissenschaftliche Erkenntnis natürlicher Vorgänge, sondern Kenntnis jüdischen Lebens- und Arbeitsraumes, jüdischer Geschichte und jüdischen Geistes und ihrer Wirkungen auf die Welt. Die Erdkunde bietet die umfassendste Kunde menschlich-jüdisch-irdischen Verhältnisses. Hier sei auch auf die Wichtigkeit der Erörterung geopolitischer Fragestellungen hingewiesen. Das Wissen um die Staaten als Lebewesen, von der Erdgebundenheit der geschichtlichen Vorgänge muß auch dem jüdischen Schüler nahegebracht werden. Er muß von den Hoheitsansprüchen der Großmächte auf die Meere hören, von ihrem Drange nach den Meerespforten und -engen», von der Schwächung fremder Staatsmacht durch Verkehrsbeherrschung und vom Mandatssystem der Nachkriegsjahre. Wenn Stoffauswahl und -gestaltung sich nach dem Grundsatze der Kindertümlichkeit richten, so wären hier Ansatzpunkte zur Klärung jüdisch-politischer Ansichten, die von gewissen jüdischen Jugendbünden ausgehen und dem jugendlichen Drange nach dem Extremen besonders schmeicheln, vor der geopolitischen Wirklichkeit aber der Lächerlichkeit anheimfallen. Gemeint ist die Schaffung einer klaren Erkenntnis von der Machtverteilung in Palästina, vom Unsinn eines auf Gewalt gegründeten Kampfes gegen die derzeitigen Herren des Landes. Erziehung zur nüchternen Beurteilung der uns verbleibenden Lebensmöglichkeiten auf dieser Welt ist ein nicht zu unterschätzendes Ergebnis der Beschäftigung mit Fragen solcher Art. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Erdkundeunterricht in der jüdischen Schule vor folgenden Aufgaben steht: Er hat sich auf die Erfordernisse des deutschen Volkes und Raumes selbstverständlich einzustellen. In ihm münden aber auch alle Fragen jüdischer Gegenwart und Zukunft, er zeigt die Verflechtung des Juden mit seinem deutschen Heimatlande, die Verteilung der Juden in der Welt, ihren Anteil am Aufbau menschlicher Kultur und Gesittung. Seine jederzeit nachprüfbaren Angaben dienen der Wahrheit und hüten uns vor Illusionen. Der Erdkundeunterricht birgt vornehmlich in sich die jüdische Gegenwartskunde, die ja kein selbständiges Fach bilden kann, was hier einmal aus über zehnjähriger Erfahrung an jüdischen Schulen gesagt werden muß. Jüdische Gegenwartskunde ist ein Prinzip der jüdischen Volksschule, keine neue Disziplin. Der jüdische Lehrer, der jüdische Kinder erzieht, muß mit jüdischen Augen sehen können, er muß ein Kristaliisationspunkt jüdischen Geschehens sein. Dann erzieht er seine Kinder zur Teilnahme an jüdischer Gegenwart und zum jüdischen Charakter, der jüdische Zukunft bauen soll. Nur so werden Fehler vermieden und Verdrehungen des an sich äußerst wichtigen Prinzips der jüdischen Gegenwartskunde. Ist es notwendig zu betonen, daß der Lehrer zuerst und vor allem, als jüdischer Erzieher an den Stoff herantritt, der