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Jüdische Schulzeitung · 1934-10-01 · 10 (1.10.1934) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
10 (1.10.1934)
Date
1934-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 neuen Deutschland: „In deutsehkundlicher' Bindung richten s.ich naturnotwendig alle Fächer aus auf einen zwar vielfachen,, aber einheitlichen Gegenstand: Volk, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und zwar nicht in gleichschwebender Begrifflichkeit, sondern in der Einsenkung in die realen Lebenszusämmenhänge, im denen der Lehrer lebt, also in Heimat und Umwelt mit allen natürlichen, zeitgeschichtlichen, sozialen und realen Gegebenheiten und Aufgaben." (Krieek.) Jüdischkunde — wie wir zutreffender statt Judentumskunde sagen wollen — umfaßt danach alles, was uns zu Juden macht und der „Eingestaltung der Um- und Innenwelt in die Eigentümlichkeit der jüdischen Aufgabe an der Welt'" dient. Der Religionsunterricht soll darum nicht schwinden — das will natürlich auch Levy nicht — sondern' als Herzstück der Jüdischkunde in unserer Zeit erst recht seine unersetzliche Aufgabe erfüllen; aber er geht in der umfassenderen Jüdischkunde auf. wie — wenn der Vergleich gestattet ist — das alte Preußen in Deutschland aufging, die preußische Geschichte sich zur deutschen Geschichte weitete. Da kann, da auch die übrigen Fächer an der Verwirklichung des jüdischen Menschen mitbeteiligt sind, auch mancher Wissensstoff, der bisher im jüdischen Religionsunterricht untergebracht war, ohne Schaden einem anderen Unterrichtsfach zugewiesen werden, wenn die neue Verbindung zweckvoller erscheint. Aber ähnlich wie Krieck betonen auch wir, daß die jüdischkundliche Bindung nur eine Einsenkung in die realen Zusammenhänge der Heimat und Umwelt mit allen ihren Gegebenheiten bezweckt, nicht aber die Eigengesetzlichkeit der einzelnen Unterrichtsfächer in Frage stellen will. Es soll also, was auch Levy betont, der Unterricht in der deutschen Geschichte in jüdischkundlicher Bindung der Tatsache des jüdischen Volkes Rechnung tragen, ohne aber darum ausschließlich unter den jüdischen Aspekt gestellt zu werden. Ebenso wäre es vollendeter Unsinn, wollte man die Geographie Deutschlands, obwohl die Verbundenheit der deutschen Juden mit ihr in vollem Maße aufgezeigt werden soll, zu jüdischer Heimatkunde umgestalten. Und wer von uns wollte jedesmal, wenn er von deutschen Dichtern, Denkern und Komponisten zu sprechen hat, ihren Rang und ihre Bedeutung nach jüdischkundlichen Gesichtspunkten bestimmen? Nein, wir fühlen uns nicht nur als Juden, sondern auch als Glieder der deutschen Kulturgemeinschaft. Nach wie vor gruppiert sich unser Bildungskomplex um zwei Brennpunkte: um unser Judentum und um unser Deutschtum. Daran kann, da hier Naturnotwendigkeiten zugrunde liegen, auch' die Zukunft nichts ändern. Wohl aber hat unsere geistige Situation sich insofern geändert, als wir, nachdem wir unser Deutschtum zu allen Zeiten bejaht haben, nun auch — was oft vergessen wurde — unsere jüdische Wesensart mit allem Nachdruck bejahen. Levy bemüht sich nun, die Jüdischkunde in Kleinmünze umzuprägen. Dabei ist ihm wichtigstes Prinzip: diese Judentumskunde muß ganz und gar Quellenunter rieht werden, der vor allem aus dem Urquell der hebräischen Bibel schöpft. Levs^ wird nicht müde, uns wiederholt einzuhämmern: „Wahre Bibelkenntnis und damit B i b e lvereWrung und daraus von selbst erwachsende Liebe zum Judentum nur durch Bibelstudium im Urtext!" Oder: „Wer die Bibel verstehen, schätzen und lieben soll als das Buch, als unser heiligstes Eigentum, der kann diese Liebe nur aus dem Urquell schöpfen, der jede Uebersetzung, und sei es die beste, himmelfern hinter" sich läßt." — Ich stehe in der Schätzung der hebräischen Bibel nicht hinter meinem Seminarkollegen Levy zurück und darf vielleicht anführen, daß ich in reifem Alter noch jahrelang unter dem hochverehrten sei. Professor Barth Bibelexegese getrieben habe. Niemals aber könnte es mir einfallen, den Millionen Juden und Christen, die der biblischen Ursprache nicht mächtig sind, die Möglichkeit abzusprechen, ihre Bibel schätzen, und lieben zu können. Ist es. wirklich für die Mehrzahl der Juden nötig, die sprachlichen Feinheiten zu kennen, denen Levy eine so hohe, ja allzuhohe Bedeutung beilegt und denen anscheinend nicht einmal ein Buber gewachsen ist? „Die Kenn tnis der Bibel, die Aneignung ihrer ethisch sen Weltanschauung, die entsprechende Vorstellung von der Bedeutsamkeit der'^israelitischen Propheten und Dichter; kann in jeder Sprache erreicht werden." So. urteilt ein Mann, dem das Predigtamt in einer Großgemeinde und die Ausbildung von Rabbinern anvertraut war und der selbst die Bibelwissenschaft wertvoll bereichert hat. (Maybaum.) Wenn sich Levy, um seine Forderung zu stützen, auf ein bekanntes, aber doch allgemeingehaltenes Goethewort beruft, dann sind wir in der Lage, uns auf Schiller als Kronzeugen zu berufen. Schiller war wie nur einer im Griechentum zuhause,'ohne die. Sprache der Griechen zu verstehen. Und von Friedrich dem Großen ist bekannt, daß er, der ein großer Leser und Verehrer der Alten war, seine Kenntnis der Antike nur aus französischen' Ueber-• Setzungen geschöpft hat. Ja, Paulsen macht zu dieser Tatsache die ironische Bemerkung: „Man darf vielleicht daran zwei-": fein, ob ihm die Alten so wichtig geworden wären, wenn der Vater den jungen Prinzen angehalten hätte, einige Jahre auf der Schulbank mit Grammatik und Lexikon zu hantieren. Wer die Sache will, der findet sie wohl auch in der Uebersetzung, und wen sie nicht interessiert, dem hilft auch das Original nicht." Dabei läßt Paulsen natürlich nicht im Zweifel, daß. ganz heimisch im Altertum selbstverständlich nur der werden kann, der die alten Sprachen versteht; aber er behauptet andererseits, daß unter Umständen einer vom Altertum mehr Weiß und hat. der dessen Literatur nur aus Uebersetzungen kennt, als e:ner, der Jahre lang an den Sprachen lernt. — Wohin kämen wir, wenn wir im Bibellesen der Oberstufe mir die hebräische B:bel benutzen wollten! „Wer die Schwierigkeiten kennt", sagt Direktor Gutmann in einem Aufsatz über den Unterricht im Bibellesen, „die sich dieser Art der Gewinnung ihres Inhalts selbst bei solchen. Schülern entgegenstellen, denen es an Uebung im Uebersetzen des hebräischen Textes nicht, fehlt, wird es verständlich finden, daß wir unsere Schüler auf der Oberstufe mit der Bibel an der Hand der deutschen Uebersetzung bekannt machen." Das schloß natürlich nicht aus, daß im Unterricht im Bibellesen an der Knabenschule markante Stellen im Urtext gelesen wurden. — Kurzum:-wir vermögen die Pflege des Jüdischtums nicht darin zu erblicken, daß ein Höchstmaß hebräischen " Wissens angeeignet werde, sondern daß dem Hebräischen im Rahmen des Religionsunterrichtes die Verständnis- und liebevollste Behandlung zuteil werde, wobei jedoch nie zu vergessen ist, daß das Produkt unseres Religionsunterrichts nicht der Theologe Und nicht der Philolöge, sondern der Gottsucher sein soll. So wenig die Luft Pa-* lästinas schon weise macht, so wen'g bedeutet eine Fülle von hebräischem Wissen schon Jüdischkunde. Noch ein Wort über die Geographie Palästinas, die Levy dem Religionsunterricht nehmen urtd dem Geographieunterricht zuweisen will. Soweit es sich um das Zufluchtsland so vieler unserer Verwandten und Freunde, das Zukunftsland so vieler unserer Schüler handelt, stimmen wir Levy zu. Im Religionsunterricht aber handelt es sich um ein Palästina^ das, den materiellen Interessen entrückt, für uns „das heilige Land"' bedeutet. Wir ziehen die Schuhe von den Füßen, wenn wir dieses Palästina betreten, das die Heimat der Propheten und Psalmisten ist, von dem die Gotteserkenntnis sich über den Erdball verbreitete, zu dessen Zionshöhe am Ende der Tage einträchtig alle Nationen wallen und dessen Staub ein Jehuda Haie vi mit Inbrunst küßte. Welch ein Kontrast zwischen dem Sichern der Bibel und der heutigen Araberstadt auf demselben Boden! Und das biblische Bethlehem hat mit dem heutigen nur den Namen gemeinsam. Jede Person. Stadt, Landschaft, hat im Religionsunterricht einen anderen Klang, einen andern Gefühlston als im geographischen Profanunterricht. Darum behandle der Geographieunterricht das Land unserer Brüder, der Religionsunterricht das Land unserer Väter! Was schadet's, wenn zweier Zeugen Mund den Schülern von diesem niemals ausgesung'nen Land berichtet? Es wird gewiß keiner von beiden sich über mangelndes Interesse der jungen Zuhörerschaft zu beklagen haben. — Nicht 'rfur, daß die Geographie des alten Palästina dem Religionsunterricht nicht genom-

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