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Jüdische Schulzeitung · 1934-08-31 · 9 (31.8.1934) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
9 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nummer l) Jüdische Schulzeitung Seite 7 teil synagogalen Melodien, die einen wesentlichen Bestandteil der Liturgie bilden und immer wieder die Hörer entzücken. Vielleicht hat ein stimmbegabter Vorbeter sie spontan gesungen, und da sie — gleich den einfach-schönen Volksliedern — .sich schlicht und passend dem Texte anschmiegten, so haben sie weitere ,.Verbreitung gefunden., wurden zum Volksgut, ginger. von Mund zu Mund, von Gemeinde zu Gemeinde und werden sich hoch weitere Jahrhunderte erhalten. Ich finde sie deswegen so schön, weil sie sich der Stimmung des Textes genau anpassen und ihrerseits denselben seelischen Gehalt bringen wie die ergreifenden Worte der Selichoth. .Wegen ihrer gehobenen Stellung in der Liturgie bestehen für die Rezitation der Selichoth, wie auch über die Person des Vorbetender' besondere Bestimmungen, die bei den Vorschriften über die Selichoth-Tage nachzulesen sind. Ein jüdischer Erzieher des i9. Jahrhunderts Wenn man von den Berliner Juden des 19. Jahrhunderts spricht, denkt man unwillkürlichan die ästhetisch-literarischen Salons mit der Rahel als Mittelpunkt. Während aber bei dieser dünnen Oberschicht das ganze Sinnen und Trachten auf Abstreifung des Judentums, auf ein Leben nach außen ging, hat sich in den Erziehungs- und Fürsorgeinstitutionen jüdisches Wissen und jüdisches Leben erhalten. Während jene, feingebildete jüdische Schicht in gewissem Wohlstand und v'-elbewurderter Kultur lebte, waren Armut und kultureller Tiefstand breiter jüdischer Kreise tief beklagenswert. Bar ti c h Auer b ach, der Gründer und Stifter des nunmehr auf über hundert Jahre seines Bestehens zurückblickenden Waisenhauses in Berlin hatte als Leiter der Knabenschule der jüdischen Gemeinde Berlin Einblick in den Verfall. Obwohl •er bereits ein doppeltes Amt als Schulleiter und als Direktor der Nauen-Stiftung, einer Art Talmud Tora hatte, obwohl bereits diese Doppelarbeit Aergernis beim Gemeindevorstand, erregte, begründete er 1833 mit vier Knaben in einem Lokal der jüdischen Gemeinde seine Waisenanstalt. Nicht eigentlich pädagogische Einsicht, sondern rein philanthropische Motive hatten ihn also zu seiner Gründung veranlaßt. Und doch muß er im Unterschied zu vielen anderen erzieherisch tätigen Persönlichkeiten seiner und der späteren Zeit als Erzieher kat exoehen bezeichnet werden. Denn weder aus politischen Gründen, um die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden zu fördern; noch aus wissenschaftlichen Ursachen, um die jüdische Lehre weiterzuvermitteln; auch nicht im eigentlich sozialer. Sinne, d. h. zur Linderung wirtschaftlicher.Notstände kam er zu se'ncm Werk. Vielmehr war' es die geistige und seelische Not jüdischer Kinder, die in fremden Familien lebten, welche ihm aus Herz gegriffen hatte. Solchen Kindern wollte er ein ■frohes Kinderleben bereiten. Ohne eine andere Tendenz als diese begann er sein Werk, welches ihn und noch viele andere überleben sollte. Baruch Auerbach war eine der charakteristischsten Erscheinungen für seine Zeit und seinen Beruf. Er gehört zu jener Generation jüdischer Menschen, welche von der Grundlage einer ausschließlich jüdischen Bildung aus-in die deutsche Kultur und in die feingebildeten Berliner Kreise eingedrungen ist. Ijn Unterschied zu vielen anderen seiner Zeit . wollte er jedoch sein Judentum niemals verwischen und verbergen. Im Gegenteil — als er auf einer pädagogischen Studienreise die wichtigsten Erz<eltungsanstalten Deutschlands kennen gelernt hatte und sich dadurch sein Vertrauen in seine eigene Sache hob, versichert er doch ausdrücklich, daß er seinen Vorsatz nicht aufgeben und „über dem Schöpfen aus fremder Quelle den eigenen Born nicht übersehen wolle". M^n. e°ht wohl nicht fehl, wenn man darunter seinen jüdischen Wurzelgrund versteht. Im Gegensatz zu dem rational-humanitären Judentum, das zu seiner Zeit'meist gepflegt wurde, war seine Auffassung vom Judentum religiös-gefühlsbetont Kein Wunder, daß man Hin als einen jüdischen. Repräsentanten des Pietismus bezeichnet hat. Hervorstechend ist bei Auerbach z. B. eine ausgesprb- An unsere Postabonnenten! Wir machen diejenigen Leser, die unser Blatt durch die Post zugestellt bekommen, darauf aufmerksam, daß Unregelmäßig» keiten in der Zustellung dem Brietträger zu milden sind, der verpflichtet ist, etwa fehlende Nummern nachzuliefern. Werden Meldungen Ober unregelmäßige Zustellung an uns weitergegeben, so muß sich der Verlag doch wieder an die Pos'zeitungssteJle wenden, well der Verlag die Gesamtauflage bei der Post aufliefert und daher allein die Post für die regelmäßige Zustellung zuständig ist. Nur in den Fällen, in welchen Anlaß zu wiederholten Beschwerden über unregelmäßige Zustellung vorliegt, bitten wir, sich an den Verlag zu wenden, damit dann von hier aus das' Notwendige in die Wege geleitet wird. Der Verlag. chene Herzensfrömmigkeit, d'e in jedem kleinen rührenden Zufall das wundeibare Walten Gottes zu sehen glaubt. Wenn er z. B. in Augenblicken, größter Geldverlegenheit auf sonderbar anmutende Weise eine Zuwendung für sein Waisenhaus erhielt, glaubte er hierin stets eine Zustimmung von oben zu seinem Werk zu sehen. Hervorstechend ist weiterhin bei ihm ein Zug von teilnehmender Güte und mitleidsvoller Sympathie gegenüber Not und Elend. In die Augen springend ist bei Auerbach vor allem ein ungeheurer Tätigkeitsdrang. Noch ist er z. B. mit der Einrichtung von zwei Stübchen beschäftigt, welche das zukünftige Waisenhaus repräsentieren sollen, da ernannte er bereits angesehene Männer* zu Kuratoren, „schöne" Frauen zu „Ehrenmüttern", ein Amt, das sie in Wirklichkeit erst viel später ausüben konnten. Diese Betriebsamkeit wurde ihm vielfach in der jüdischen Gemeinde verübelt. Angesichts der inneren Verwandtschaft ist es kein Wunder, daß Auerbach in dein Pietisten August Hermann Francke. dem Gründer der Waisenanstalten in Halle, sein stets bewundertes Vorbild sah. Auch die Form, in welche Auerbach die ..Geschichte seines Waisenhauses" als „ein ewig redendes Zeugnis von dem wunderbaren Walten Gottes über Waisen" einkleidet, entspricht ganz Franckescher Manier. Er rechtfertigt auch in der Einleitung die Abfassung dieser „Geschichte4' mit dem Hinweis auf Francke. der ebenfalls die Geschichte seiner Anstalt geschrieben habe. Er glaubte weiterhin eigentümliche Parallelen in dem Schicksal seiner Gründung zu der Franckcschen erkennen zu können, und er sah endlich in Franckes Waiser haus Gipfel und Vorbild aller Waisenhäuser in Deutschland, auch des seinigen. Außer Francke waren Auerbachs pädagogische Vorbilder und Freunde Herr von-Türck; ein Anhänger Pestalozzis, der Stifter des berühmten Potsdamer Waisenhauses, außerdem Adolf Diesterweg, wohl die bedeutendste Persönlichkeit auf dem Gebiet der Volksschulpädagogik im 19. Jahrhundert. Auch die Fellenbergschen Anstalten in Hotwyl in der Schweiz, deren Modell Goethes Pädagogische Provinz im Wilhelm Mei- , ster bilden, war Auerbach bekannt, und mit Fellenherg selber stand er in brieflichen Beziehungen. Weiterhin wandte man seitens der Schul- und Erziehungsbehörden dem Auerbachschen Werk freundliches Interesse zu. Nur die Beziehung zu dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin war jahrzehntelang aus den allerverschiedensten Gründen so gespannt, daß der Jubiläumsbericht Auerbachs zu dem fünfundzwanzigjährigen Bestehen se:ner Anstalten (1858) direkt apologetischen Charakter trägt. Trotz dieser vieljährigcn Fehde wuchs und blühte die Anstalt, daß es zum Erstaunen war. Viele angesehene Berliner Familien standen auf Gedeih und Verderb zu ihr; Spenden über Spenden kamen: bald konnte das Lokal der Gemeinde verlassen und ein eigenes Heim bezogen, bald konnte außer der Knabenanstalt auch eine solche für Mädchen eröffnet werden. Und vermutlich wurde die Auerbachsche Gründung das bewußte oder unbewußte Vorbild für beinahe alle derartigen Einrichtungen, welche, bis zu den siebziger Jahren in Deutschland entstanden. Seither waren es mehr Motive sozialer Natur, wie die Zunahme der Frauenberufstätigkeit, Verwahrlosungserscheinungen, Judenverfolgungen im Osten, welch« <*ie Errichtung von Erziehungsheimen veranlaßten. Hilde Ottenheimer.

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